DEFA-Literatur 3: apropos: Film 2005


Wo findet man das noch: ein alljährliches Kompendium, das kritischen Rückblick mit aktueller Auseinandersetzung verbindet? Jahr für Jahr wurden im Jahrbuch der DEFA-Stiftung diskussionswürdige Themen aufgegriffen, die Konfrontation mit der Filmhistorie (vor allem mit der der DEFA) gesucht, wurde zugleich auch der Blick auf das gegenwärtige Filmschaffen gerichtet. Die Bände reichten weit über einen Bericht hinaus, wenngleich auch die Jahresabrechnungen nicht ohne Informationswert waren. Man erfuhr, wohin die Gelder im einzelnen geflossen sind, in die Forschung, in Drehbucharbeiten, in Retrospektiven oder in die Aktivitäten von Filmwerkstätten. Wesentlicher waren jedoch die Textbeiträge, die ein lebendiges Bild der Filmgeschichte, vornehmlich der letzten 50 Jahre, wie gleichzeitig auch eines der derzeitigen Filmgeschichtsschreibung zeichneten. Geht man in Gedanken die ersten fünf Jahrbände noch einmal durch, so sind einem die Skizzierungen verschiedener DEFA-Direktoren in lebendiger Erinnerung, unter ihnen vor allem Walter Janka, den man in Babelsberg ebenso kurz entschlossen abservierte wie Jochen Mückenberger, der den Folgen des 11. Plenums der SED und der Filmverbote von 1965/66 zum Opfer fiel. Auch Falk Harnack, der für die DEFA die verbotene Arnold-Zweig-Verfilmung „Das Beil von Wandsbek“ inszenierte, wurde ein Opfer politischer Ranküne. Nicht minder lesenswert waren die Porträts von Regisseuren wie Lothar Warneke oder Roland Gräf, von Darstellern wie Jutta Wachowiak, Armin Mueller-Stahl oder Hilmar Thate. Regisseure wie Egon Günther und Rainer Simon kamen selbst zu Wort. Nicht minder wichtig und informativ waren jene Beiträge, die sich mit der Ästhetik der DEFA auseinandersetzten oder die jüdischen Fragen in Babelsberger Produktionen nachforschten.

Alljährlich wurde ein breites Spektrum geboten. Das alles soll es fortan nicht mehr geben, denn der sechste Band ist der letzte. Die Auflage sank von Jahr zu Jahr, zuletzt auf einige hundert Stück. „apropos: Film“ ereilt deshalb das gleiche Schicksal wie andere Almanache vor ihm. Von 1977 bis 1985 gab Hans Günther Pflaum in München sein vorzügliches „Jahrbuch Film“ heraus. Das von Horst Knietzsch betreute „Prisma“, ab 1970 in Ost-Berlin verlegt, überlebte die politischen Veränderungen von 1989/90 nicht. Die DEFA-Stiftung verspricht zwar, weiterhin und in verstärktem Maße Publikationen vorzulegen; doch das kann über den Abschied von „apropos: Film“ kaum hinweg trösten. Auch bei der Lektüre des jüngsten Bandes kann man ermessen, was einem demnächst fehlen wird: der analysierende Blick auf die jüngere Filmgeschichte und die derzeitige Situation rundum. Neben einfühlsamen Porträts wie jenes von Erika Richter gezeichnete der Autorin Helga Schütz oder das von Caroline Moine entworfene Bild des Drehbuchautors Wolfgang Kohlhaase findet man Betrachtungen des Leipziger Publizisten Fred Gehler über den DEFA-Regisseur Gerhard Klein und des Publizisten Claus Löser über den Dramatiker und Regisseur Thomas Brasch. Lesenswert vor allem auch Günter Jordans „Geschichte eines nicht gedrehten Films“. Es geht um den Versuch der DEFA, in den späten 1940er-Jahren einen Film über den Publizisten Carl Ossietzky zu realisieren, der dem Nazi-Terror zum Opfer fiel, nachdem ihm der Friedensnobelpreis verliehen worden war. Fand man zunächst keinen Autor, so scheiterte man später an der Frage der Regie. Der Literaturhistoriker Alfred Kantorowicz hatte ein Treatment entworfen. Axel Eggebrecht und Rudolf Leonhard arbeiteten an einem Drehbuch. Als Regisseure waren Falk Harnack, Kurt Maetzig und Bertold Viertel im Gespräch. Doch aus allen Bemühungen wurde nichts, da man das Thema nicht in den Griff bekam. Später entstanden sechs Fernsehversionen in Ost und West. Wie die DDR und die Bundesrepublik im Dokumentarfilm der 1950er-Jahre sich sahen und propagandistisch interpretierten, untersucht Matthias Steinle. Das Auftreten der DDR-Dokumentarfilme auf dem Oberhausener Festival zeichnet Dietrich Kuhlbrodt nach. Das clowneske Moment in Jörg Foths „Letztes aus der Da Da eR“ und das Sich-Verbergen der Titelgestalt in Egon Günthers „Stein“ schildert Reinhild Steingröver. Michael Töteberg verfolgt anschaulich die Rezeption von Wolfgang Beckers „Good Bye, Lenin!“, dessen Exposé der Filmstudent Bernd Lichtenberg bereits 1992 entwarf (und das vom WDR abgelehnt worden war). Als der Film 2003 uraufgeführt wurde, fand er ein unterschiedliches Echo, zumal bei der Kritik, eher nörgelnd im Westen, eher zustimmend im Osten. Interessanter ist die internationale Aufnahme von Beckers Inszenierung. In Europa fand sie breite Zustimmung, während sie in den USA aus Unkenntnis der historischen Hintergründe nur schwer zu vermitteln war. Auf Zustimmung stieß der Film vor allem in jenen Staaten, die zuvor kommunistisch regiert waren oder es noch immer sind, etwa in Kuba oder Hongkong. In manchen Ländern wurde er verboten (Vietnam), in anderen nur auf Festivals zugelassen. Aufschlussreich auch Hans-Joachim Schlegels Untersuchung über das Bild der Deutschen im sowjetischen und postsowjetischen Film.

An Informationen fehlt es nicht im letzten Band von „apropos: Film“, in dem Wolfgang Klaue Auskunft über das Staatliche Filmarchiv der DDR gibt, das vor 50 Jahren gegründet und nach der politischen Wende von 1989/90 dem Bundesarchiv/Filmarchiv zugefügt wurde. Darin waren zunächst die Restbestände des Reichsfilmarchivs aufgenommen worden, soweit sie sich 1945 noch auf deutschem Boden befanden; von 1945 bis 1955 wurden sie von der UdSSR verwaltet. Andere Materialien liegen noch heute in Russland. Das DDR-Archiv, das, wie Klaue bemerkt, nicht im Zentrum der politischen Aufsicht stand, hatte zuletzt 180 Mitarbeiter und einen Etat von 10 Mio. DDR-Mark. Wolfgang Klaue leitete es viele Jahre lang und war von 1989 bis 2003 Vorstand der DEFA-Stiftung, deren Arbeit auch in dem vorliegenden Band eingehend dokumentiert wird.

Volker Baer (film-dienst Sonderheft 10/2006)


Jahrbuch der DEFA-Stiftung. Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2006, 328 S., zahlr. Abb., 19,90 EUR (www.defa-spektrum.de)