Schönemann, Sybille

Die Regisseurin Sibylle Schönemann gehört zur letzen Regiegeneration der DEFA. Sie beginnt 1980 im Dokumentarfilmstudio zu arbeiten, hat aber kaum Gelegenheit, ihr Talent unter Beweis zu stellen. 1984 stellt sie einen Ausreiseantrag. Nach Verhaftung, Inhaftierung und Freikauf durch die Bundesrepublik lebt sie in Hamburg. 1990 macht sie sich auf die Suche und dokumentiert in VERRIEGELTE ZEIT (1990) die Ereignisse um ihre Ausweisung, dreht ein ergreifendes Werk über die Alltäglichkeit der Angst in der DDR-Staatsmaschinerie.


Szene aus "Verriegelte Zeit" (1990)
Kamera: Thomas Plenert

Sibylle Schönemann (geb. Stürzenberger) wird am 5. Oktober 1953 in Berlin geboren. Ihre Eltern sind Ärzte, die Familie lebt in Neuruppin. Ihr Abitur absolviert sie 1972. Von 1972 bis 1974 ist Sibylle Schönemann als Regieassistentin im DEFA-Studio für Spielfilme beschäftigt. Sie bewirbt sich um ein Studium im Fachbereich Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen, wird bei der ersten Aufnahmeprüfung abgeleht. Ein Jahr später 1974 wird sie angenommen. Hier dreht sie erste Übungen. Einer ihrer Filme wird KINDERKRIEGEN (1976). Die Regisseurin beschäftigt sich kritisch mit dem Thema Abtreibung. Sie beobachtet im Krankenhaus, läßt Gynäkologen, Krankenschwestern und Frauen zu Wort kommen. In dem Hauptprüfungsfilm SKIZZE ÜBER EINEN CLOWN (1977) porträtiert sie eine Zirkusfamilie. Ursprünglich wollte Sibylle Schönemann für ihren Diplomfilm die Erzählung "Der kleine Riese" von Joachim Novotny verfilmen, aber die Hochschulleitung nimmt die Idee nicht an. Es entsteht RAMONA (1979). Erzählt wird von einem jungen Mädchen, die in ein kleines Dorf kommt und sich als Tochter des Bäckers vorstellt. Das sorgt für einige Verwirrung im Leben des Familienvaters.

Nach dem Abschluß des Studium ist Sibylle Schönemann als Regieassistentin und Dramaturgin im DEFA-Studio für Spielfilme beschäftigt. Zwischen 1980 bis 1984 ist sie Mitglied der Gruppe "Berlin" im Dokfilmstudio, legt verschiedene Drehbuchentwürfe vor. Sie arbeitet als Regieassistentin an dem Film INSEL DER SCHWÄNE (1982) von Hermann Zschoche mit. 1983 unterbreitet ihr der damalige Generaldirektor Hans Dieter Mäde den Vorschlag, das Szenarium UNTERNEHMEN GEIGENKASTEN (1985) zu verfilmen, aber das Projekt scheitert. Später wird Gunter Friedrich den Stoff verfilmen. 1984 stellt die junge Künstlerin einen Ausreiseantrag in die BRD. Sie wird vom Staatssicherheitsdienst verhaftet und im Februar 1985 zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt. Im Juli 1985 erfolgt für sie und ihren Ehemann, den Regisseur Hannes Schönemann, der Freikauf durch die Bundesrepublik Deutschland und die Ausreise nach Hamburg.

Von 1987 bis 1992 ist die Filmemacherin Dramaturgin und Drehbuchlektorin im Hamburger Filmbüro. Hier wirkt sie beim Aufbau des Förderbereiches Stoff- und Projektentwicklung mit, übernimmt später dessen Leitung. Sibylle Schönemann berät den Regisseur Hark Bohm bei der Produktion seines Films YASEMIN (1988), Franz Winzentsen und Thomas Mitscherlich bei dem Experiment DER FOTOGRAF (1989) sowie Filmemacherin Claudia Schröder bei EUROPA, ABENDS (1989). Sie arbeitet außerdem mit den Regisseuren Rolf Schübel und Serap Berrakkarasu zusammen.

Das Drehbuch zu ABSCHIED VOM PARADIES (1989) unter der Regie von Tevfik Baser liefert Sibylle Schönemann. Sie adaptiert die Erzählung "Frauen, die sterben, bevor sie gelebt hätten" der türkischen Schriftstellerin Saliha Scheinhardt. Erzählt wird von der Türkin Elif, die ihren Ehemann, der sie erniedrigt, misshandelt und vergewaltigt, umbringt. Im Gefängnis wird sie selbstbewußt, befreit sich von den regiden Vorschriften islamischer Wertvorstellungen. Aber sie muß erfahren, daß sie in die Türkei abgeschoben wird und dort ein Prozeß wegen Gattenmord auf sie wartet.

Nach dem Zusammenbruch der DDR besucht Sibylle Schönemann 1990 den Kongreß des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR. Hier ergibt sich die Möglichkeit gemeinsam mit der DEFA eine Dokumentation über ihre eigene Vergangenheit, die Stationen ihres Weges ins Stasigefängnis herzustellen. In VERRIEGELTE ZEIT (1990) sucht sie Zeitzeugen auf, kehrt in ihre Zelle ins Gefängnis zurück, schildert die Ereignisse ihrer Ausweisung. Die Regisseurin sucht nach Antworten für ihre Inhaftierung, fragt, warum Menschen spionierten und Richter verurteilten. Der Film löst Betroffenheit aus. Als Lehrstück über die Fassetten menschlichen Versagens und Aufarbeitung jüngster deutscher Vergangenheit wird er mit dem Bundesfilmpreis, dem Filmband in Silber ausgezeichnet. Zudem nimmt die Regisseurin an zahlreichen Festivals teil und gewinnt Preise.

Seit 1991 ist Sibylle Schönemann als freie Autorin und Regisseurin tätig. Sie arbeitet unter andere für das Fernsehen. In der 44minütigen TV-Dokumentation "Wenn Kinder zur Flasche greifen" (1995) untersucht sie die Ursachen und Hintergründe für den Alkoholismus von Kinder und Jugendlichen. Junge Trinker kommen zu Wort und erzählen von ihrer Sucht, ihrer Vereinsamung und inneren Leere.

In dem Dokumentarfilm DIESE TAGE IN TEREZIN (1997) beschäftigt sich die Regisseurin ebenfalls mit deutscher Geschichte. Auf den Ferienfahrten von Prag nach Berlin wollten ihre Eltern nie in der tschechischen Gemeinde Terezin Station machen. Zusammen mit der israelischen Sängerin Victoria Gabbay und der russisch-israelischen Schriftstellerin Lena Makarova nähert sich die Filmemacherin in ihrem Dokumentarfilm dem Konzentrationslagers Theresienstadt an. Sie suchen nach Spuren von Karel Svenk, Dichter aus Prag und "Chaplin von Theresienstadt". Er organisierte und leitete ein Kabarett im Lager. Die Erinnerungen an den Künstler, der 1945 im Lager starb, sind fragmentarisch, wie das Filmessay, welches sich aus Gesprächen mit Zeitzeugen, Liedern und melancholischen Bildern zusammensetzt.

Die Dokumentaristin ist vielfach Jurymitglied auf internationalen Filmfestivals, unter anderem im Internationalen Forum des Jungen Films auf der Berlinale, beim Internationalen Dokumentar- und Animationsfilmfestival in Leipzig und beim Filmfestival in Amsterdam. 1999 ist sie Festivalleiterin beim FilmKunstFest Schwerin. Ihre Arbeit führt sie mehrfach ins Ausland, sie nimmt an Filmgesprächen teil, hält Seminare ab, unternimmt Filmtourneen.

2003 beendet die Regisseurin mit Erfolg eine Ausbildung in den Bereichen körperorientierte Gestalttherapie und Psychologie. Sie ist danach unter anderem als Mediatorin tätig. In der Dokumentation "Diagnose: Neurodermitis. Leben mit der Krankheit" (2002) zeigt sie, was es für die Betroffenen, Kinder wie Erwachsene sowie ihren Familien bedeutet, mit dieser Krankheit zu leben.

Sibylle Schönemann ist in erster Ehe mit dem Filmemacher Hannes Schönemann verheiratet. Zur Familie gehören die Kinder Luise und Fine. Sibylle Schönemann lebt und arbeitet in Hamburg.

zusammengestellt von Ines Walk ( www.film-zeit.de ), Stand: Mai 2006

 

Filmographie

  • 1976 Kinderkriegen
    Studentenfilm, Regie
  • 1976 Skizze über einen Clown
    TV-Dokfilm, Regie, Drehbuch
  • 1977 Eine Episode
    Studentenfilm, Regie
  • 1980 Ramona
    Diplomfilm, Regie, Drehbuch
  • 1982 Insel der Schwäne
    Regie-Assistenz
  • 1988 Yasemin
    Dramaturgie
  • 1989 Europa, abends
    Dramaturgie
  • 1989 Der Fotograf
    Dramaturgie
  • 1989 Abschied vom falschen Paradies
    Drehbuch
  • 1990 Das Heimweh des Walerjan Wröbel
    Beratung
  • 1990 Verriegelte Zeit
    Regie, Drehbuch
  • 1991 Töchter zweier Welten
    Dramaturgie
  • 1992 Zwischen Himmelpfort und Fegefeuer
    Regie, Drehbuch
  • 1993 Risse im Land
    Regie, Drehbuch
  • 1993 Ufa. Mythos und Wirklichkeit
    Mitwirkung
  • 1995 Wenn Kinder zur Flasche greifen
    Regie, Drehbuch
  • 1997 Diese Tage in Terezin
    Regie, Drehbuch
  • 2002 Diagnose: Neurodermitis. Leben mit der Krankheit
    TV-Dokumentation, Regie


Auszeichnungen

1990 VERRIEGELTE ZEIT
Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Silberne Taube

1991 VERRIEGELTE ZEIT
Bundesfilmpreis: Filmband in Silber
Films de Femmes Crèteil: Bester Dokumentarfilm
Internationales Dokumentarfilmfestival Yamagata: Großer Preis

1993 VERRIEGELTE ZEIT
Rheinland-Pfälzischer Filmpreis


Literatur
Sibyille Schönemann: Einige Aspekte der Sprachgestaltung in dem Film BÜRGSCHAFT FÜR EIN JAHR von Herrmann Zschoche, Diplomarbeit an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg, 1981.

Sibyille Schönemann: Stoffentwicklung im DEFA-Studio für Spielfilme, in: Harry Blunk, Dirk Jungnickel (Hrsg.): Filmland DDR. Ein Reader zu Geschichte, Funktion und Wirkung der DEFA, Köln 1990.

Martin Ahrends: Sirupgläser mit zappelnden Bienen [Interview], in: Freitag, 29.03.1991.

Jennine Lanouette: The Prisoner, in: Village Voice, 12.05.1992.

Christel Gräf: Nachwuchs - Nachlese, in: Film und Fernsehen 06/1994.

Erika Richter: Über die Kraft des Lachens - Interview mit Sibylle Schönemann, in: Film und Fernsehen 5-6/1997.

Steffi Pusch: Exemplarisch DDR-Geschichte leben. Ostberliner Dokfilme 1989/90, Frankfurt am Main 2000.

Ralf Schenk: DIESE TAGE IN TEREZIN, in: film-dienst 01/1998.