Misselwitz, Helke

Helke Misselwitz gehört zu den wichtigsten Filmemachern der letzten DEFA-Generation. Bereits während der Studienzeit fallen ihre filmischen Übungen auf, aber erst 1988 kann sie mit der Dokumentation WINTER ÁDE (1988) nationale Anerkennung erzielen. Die Dokumentation ist eine der wichtigsten über Frauen in der DDR, Sehnsüchte und Befindlichkeiten kommen ungefiltert zum Ausdruck. Auch danach dreht die Regisseurin erfrischende Arbeiterporträts, liefert ungeschminkte Bilder über die DDR-Jugend ab und verfilmt mit HERZSPRUNG (1992) einen der wenigen deutschen Filme über die politische und gesellschaftliche Aktualität kurz nach der politischen Wende in Ostdeutschland.

Helke Misselwitz bei der Preisverleihung der DEFA-Stiftung 2009
Foto: Michael Reinhard

Helke Misselwitz wird am 18. Juli 1947 in Planitz, bei Zwickau geboren. Nach ihrer Schulausbildung lernt die den Beruf einer Möbeltischlerin und absolviert dazu ihr Abitur. Nach dem Abschluß der Hochschulreife läßt sie sich an der Medizinischen Akademie Erfurt von 1966 bis 1969 als Physiotherapeutin ausbilden. Danach geht sie nach Berlin und ist als freie Moderatorin sowie Regieassistentin beim Fernsehen der DDR beschäftigt. 1973 wird sie fest angestellt. Zwischen 1973 und 1978 entstehen erste eigene Sendungen. Vom Sender wird sie an die Hochschule für Film und Fernsehen nach Potsdam-Babelsberg delegiert, studiert dort von 1978 bis 1982 im Fachbereich Regie.

Bereits mit ihren Studentenarbeiten erregt Helke Misselwitz Aufmerksamkeit. In VERSTECKEN (1979) und EIN LEBEN (1980) beschäftigt sie sich mit der nationalsozialistischen Zeit, schildert kurz und präzise Situationen um Menschlichkeit und Brutalität. Die Wahl ihres Sujets ist für die Konventionen der Hochschule ungewöhnlich, auch stilistisch fällt der letzte Film durch die Vermischung von dokumentarischen und fiktionalen Momenten auf, erzählt er doch die Geschichte einer deutschen Frau, die ihren Jungen vor der Hitlerjugend bewahrt und einer jüdischen Familie hilft. Er irritiert, weil er in keine der vorgegebenen Schubladen von Opfer und Täter paßt. EIN LEBEN (1980) zeigt nur das, was der Film im Titel vorgibt zu zeigen. In HAUS. FRAUEN (1981) porträtiert sie die Bewohner eines heruntergekommenen Hauses. Ihre Diplomarbeit wird DIE FIDELE BÄCKERIN (1982) und schildert den Werdegang einer opportunistischen Kleinbürgerin während des Dritten Reiches und nach dessen Zusammenbruch.

Zum Fernsehen kehrt Helke Misselwitz nach Ende ihres Studiums nicht zurück, ein Angebot schlägt sie aus. Sie arbeitet als freie Autorin und Regisseurin, muß sich ihren Lebensunterhalt aber auch als Kellnerin und Abwäscherin verdienen. Im DEFA-Studio für Dokumentarfilme arbeitet die junge Regisseurin beim Magazin KINOBOX mit. Dabei handelt es sich um ein Magazin, welches als Vorprogramm, analog der früheren DEFA-Wochenschau "Der Augenzeuge", im Kino läuft. Zudem entstehen Kurzfilmen wie AKTFOTOGRAFIE - Z.B. GUNDULA SCHULZE (1983). Hier porträtiert sie die Künstlerin und Fotografin Gundula Schulze Eldowy und kontrastiert deren Bilder mit Alltagsszenen 'normaler' Frauen. Kunst und Kultur sind auch Thema ihrer nächsten Filme: in STILLEBEN - EINE REISE ZU DEN DINGEN (1984) ist es die Malerei, in TANGO-TRAUM (1984) die Faszination des Tanzes. In beiden Filmen verschwimmen die Grenzen zwischen Realistischem und Phantastischem.

Von 1985 bis 1988 wird Helke Misselwitz Meisterschülerin an der Akademie der Künste der DDR beim Regisseur Heiner Carow. Hier entwickelt sie das Filmprojekt WINTER ÁDE (1988), in dem sie exemplarisch die Lebensbedingungen von Frauen in der DDR schildern will. Eine 42jährige Werbeökonomin aus Berlin, eine 37jährige Arbeiterin in einer Brikettfabrik, zwei 16jährige Punkerinnen, eine 55jährige Erzieherin und eine Großmutter erzählen vor der Kamera ihre Geschichten. Die Interviews mit den Frauen verbindet die Regisseurin durch eine Eisenbahnfahrt durch das Land. Ausgangspunkt ist ihre Geburtsstadt Zwickau; die Reise endet im Norden am Meer. WINTER ÁDE (1988) ist einer der wichtigsten Filme über Frauen in der DDR, Sehnsüchte und Befindlichkeiten kommen ungefiltert zum Ausdruck. Der Film stößt bei den offiziell Verantwortlichen auf Ablehnung, zu offen werden politische Verhaltensweisen kritisiert und die soziale Situation der Frauen – trotz 40jähriger gesetzlich verankerter Frauengleichstellung – verdeutlicht. Trotz Widerstand läuft der Film im Wettbewerb der Internationalen Dokfilmwoche in Leipzig und wird mit der Silbernen Taube ausgezeichnet. Zudem feiert er in den Kinos der DDR einen beachtlichen Erfolg.



Szene aus "Winter adé" (1988)
Foto: DEFA-Stiftung/Fotograf unbekannt

Der Erfolg der Regisseurin führt 1988 zu einer festen Anstellung im DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Ihre nächste Dokumentation WER FÜRCHTET SICH VORM SCHWARZEN MANN (1989) gilt ebenfalls als erfrischend und neu, bietet wieder eine einfühlsame Annäherung an ganz private Innenansichten. Hier setzt die Regisseurin dem Berufsstand der Kohlemänner ein Denkmal. Den Familienbetrieb im Prenzlauer Berg, 1922 gegründet, führt eine Frau. Sieben Männer schleppen die Kohlen. Helke Misselwitz begleitet sie bei der täglichen Knochenarbeit, läßt sie über ihr Leben und Themen wie Republikflucht, Gefängnis, Alkoholismus berichten. Kameramann Thomas Plenert vermittelt die körperlichen Schwierigkeiten dieses Jobs in harten Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Daraus entsteht ein sensibles, unsentimentales und ideologiefreies Arbeiterporträt über Menschen, die bis dahin noch nicht in den Focus von DEFA-Kameras gerückt sind.

Danach entsteht die Arbeit SPERRMÜLL (1990). Helke Misselwitz porträtiert die jungen Musiker einer Band, die ihre Musik auf weggeworfenen Gegenständen produzieren. Unverblümt wird hier ein Bild der DDR-Jugend gezeigt, welches in keiner Weise dem offiziellen Bild entsprochen hätte. Die Arbeit am Film fällt genau in die Zeit des politischen Umbruchs des Landes. Es ändert sich die Auftragslage: war er zunächst gedacht, um soziale und gesellschaftliche Umbrüche einzufordern, wird er nun von ihnen überrannt. Die Hoffnungen der Protagonisten für eine Verlangsamung der Ereignisse erfüllen sich nicht. Der Film ist zugleich der Abschied der Regisseurin von der DEFA. Wie viele ihrer Kollegen wird Helke Misselwitz im Zuge der Abwicklung der DEFA 1991 gekündigt. Sie ist seitdem freischaffend tätig.

1990 gründet sie gemeinsam mit dem Produzenten Thomas Wilkening eine der ersten privaten ostdeutschen Filmfirmen, die auch ihren ersten Spielfilm HERZSPUNG (1992) produziert. Erzählt wird von der kleinen ostdeutschen Stadt gleichen Namens, in der seit der Wende die Arbeitslosenquote rasant gestiegen ist. Als die junge Johanna, arbeitslos, verwitwet, Mütter zweier Kinder, ihren neuen Freund, einen Schwarzafrikaner mit ins den Ort bringt, sind die Bewohner alles andere als einverstanden mit der Liebe. Letztlich endet die Geschichte tragisch. Einfühlsam schildert die Regisseur Gespräche und Begegnungen, die sinnliche Nähe zwischen den Menschen. Drastisch dagegen wird der Ort gezeigt, öde und plump sind die Neonazis. Wie kein anderer deutscher Film fängt HERZSPUNG (1992) politische und gesellschaftliche Aktualität der Zeit ein. Der Film erhält 1993 eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis.

In den zwei folgenden Jahren konzentriert sich die Regisseurin wieder auf den Dokumentarfilm. In der Fernsehproduktion LEBEN EIN TRAUM (1994) blickt sie auf Kausche, einen Ort in der Lausitz, der durch den Raubbau der Braunkohle bald von der Landkarte verschwunden sind wird. Der Film zeichnet ein differenziertes Bild von der Gegend, bleibt nicht bei einfachen Zusammenhängen stehen. In der MDR-Produktion SCHÖNES FRÄULEIN, DARF ICH'S WAGEN (1993) besucht sie den Marie-Seebach-Stift in Weimar, ein 1895 gegründetes Haus für greise Bühnenkünstler. Aus dem Material entsteht später MEINE LIEBE DEINE LIEBE (1995), ein feinfühliges Porträt der alten Künstler, die zum letzten Mal vor der Kamera stehen. Sie geben Auskunft über ihr Leben, erzählen auch über ihre Zeit im nationalsozialistischen Deutschland, von jüdischen Freunden, die fliehen mußten und von Buchenwald, dessen Glockenturm vom Stift aus zu sehen ist. Das Filmessay über die Vergänglichkeit wird hochgelobt.

Ihren zweiten Spielfilm legt die Regisseurin mit ENGELCHEN (1996) vor. Erzählt wird vom Leidensweg einer jungen, psychisch gestörten Fabrikarbeiterin, die erstmals die Liebe mit einem in seinem Heimatland verheirateten Polen erfährt. Als sie während der Schwangerschaft das Kind verliert, bleibt die Katastrophe nicht aus. Angst und Einsamkeit, Unsicherheit und Kälte sind Themen des Films, der aber auch Momente des Glücks und der Wärme hat. Das Werk ist atmosphärisch dicht fotografiert, zum wiederholten Male arbeitet die Regisseurin mit Thomas Plenert zusammen.

Erst im Jahr 2000 ist eine neue Dokumentation von Helke Misselwitz zu sehen. Für den Fernsehsender MDR stellt sie FREMDE ODER (2000) her, einen Film über das Oderland zwischen Frankfurt und Stettin. Der Film ist eine Reise in die Zeit, abgelagert in der Landschaft und den Erinnerungen der Menschen. Auch in QUARTIER DER ILLUSIONEN (2004) ist es wieder die Geschichte eines Ortes, die im Vordergrund steht. Diesmal ist es das Viertel um den Bahnhof Friedrichstrasse in Berlin, welches die Regisseurin zum Nachdenken über das Thema Heimat verleitet.

Neben ihrer Filmarbeit ist Helke Misselwitz auch im Verband der Film- und Fernsehschaffenden der DDR engagiert. Von 1988 bis 1990 ist sie Vorstandsmitglied, von 1990 bis 1991 stellvertretende Vorsitzende. Sie setzt sich massiv dafür ein, daß der Filmstock der DEFA nicht verkauft wird, sondern in eine Stiftung eingeht. 1998 ist das Ziel erreicht. Seit 1997 ist Helke Misselwitz Professorin für Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg. Sie ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg.

zusammengestellt von Ines Walk ( www.film-zeit.de ), Stand: Mai 2006


Filmographie

  • 1979 Verstecken
    Studentenfilm, Regie
  • 1980 Ein Leben
    Studentenfilm, Regie
  • 1981 Haus. Frauen
    Studentenfilm, Regie
  • 1982 Die fidele Bäckerin
    Diplomfilm, Regie
  • 1983 Aktfotografie - z.B. Gundula Schulze
    Regie, Co-Drehbuch, Text
  • 1983 Haus
    Regie (verboten bis 1989)
  • 1984 Stilleben - Eine Reise zu den Dingen
    Regie
  • 1985 DEFA Kinobox 39
    Regie, Sujet, Drehbuch, Text
  • 1985 DEFA Kinobox 40
    Regie, Sujet, Drehbuch, Text
  • 1985 Tango-Traum
    Regie, Drehbuch, Text
  • 1989 DEFA Kinobox 61
    Regie, Sujet, Drehbuch, Text
  • 1988 Winter ade
    Regie, Co-Drehbuch, Text
  • 1989 Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann
    Regie, Co-Drehbuch
  • 1990 Sperrmüll
    Regie, Co-Drehbuch, Text
  • 1990 Die vier Tugenden
    TV-Film: Regie
  • 1991 Was hast'n gemacht, gestern
    Kurzspielfilm: Regie, Drehbuch
  • 1992 Herzsprung
    Spielfilm: Regie, Drehbuch
  • 1993 Schönes Fräulein, darf ich' wagen
    Regie
  • 1994 Leben ein Traum
    Regie, Drehbuch
  • 1995 Träume
    TV-Film: Regie, Drehbuch
  • 1995 Meine Liebe Deine Liebe
    Regie, Drehbuch
  • 1996 Engelchen
    Spielfilm: Regie
  • 1997 Das 7. Jahr - Ansichten zur Lage der Nation, Folge: Oskar, Karli und der Mann mit der Zigarre
    TV-Film: Regie
  • 2000 Fremde Oder
    TV-Film: Regie, Drehbuch
  • 2004 Quartier der Illusionen
    TV-Film: Regie, Drehbuch

 

Auszeichnungen

1980 EIN LEBEN
Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Ehrendiplom
Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Ehrende Anerkennung der FIPRESCI

1988 WINTER ADE
Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Silberne Taube
Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Preis der FIPRESCI
Preis der ZAG Filmclubs

1990 WER FÜRCHTET SICH VORM SCHWARZEN MANN
Paris: Preis des französischen Kulturfernsehens La Sept

1992 HERZSPRUNG
Filmfestival San Sebastian: Lobende Erwähnung

1996 ENGELCHEN
Filmfestival San Sebastian: Spezialpreis der Jury

1997 ENGELCHEN
Max Ophüls Preis: Interfilm-Preis der internationalen evangelischen Jury


Ausgewählte Literatur

Helke Misselwitz: Das Frauenbild im faschistischen deutschen Film - die Abhängigkeit seiner Darstellungsweise von der jeweiligen politischen Taktik, untersucht an ausgewählten Filmbeispielen des "Dritten Reichs", Diplomarbeit 1982, Standort: Hochschule für Film und Fernsehen, Potsdam-Babelsberg.

Helke Misselwitz: Gedanken zum Diplomfilm – aufgeschrieben nach der Rohschnittabnahme, in: Beiträge zur Film- und Fernsehwissenschaft 03/1982.

Leonore Brandt: Ich habe Dein Herz gesehen, wie es nackt im Glas erzitterte – Interview mit Helke Misselwitz, in: Sonntag, 25/1986.

U. Scherf: Vier filmische Zugänge zum Spektrum des Lebens - Regisseur Helke Misselwitz stellte sich in Jena vor, in: Türinger Landeszeitung, 10.02.1987.

Melitta Runge: Jedes Leben ist erzählenswert – Interview mit Helke Misselwitz, in: Thüringer Tageblatt, 29.11.1988.

Ralph Schipke: Gebrochenes Eis heißt: Redenkönnen – Interview mit Helke Misselwitz, in: Freie Erde, 17.03.1989.

Gisela Hoyer: Von Wirklichkeit und Wärme – Interview mit Helke Misselwitz, in: Der Morgen, 14.04.1989.

Elke Schieber: WINTER ADÉ – Dokumentarfilm von Helke Misselwitz, in: Film und Fernsehen, 02/1989.

Elke Schieber: Frauenschicksale – Interview mit Helke Misselwitz, in: Film und Fernsehen, 07/1989.

Elke Schieber: Paradies auf Erden – Interview mit Helke Misselwitz, in: Film und Fernsehen 10/1989.

Piotr Niemiec: Ich bin doch mittendrin – Interview mit Helke Misselwitz, in: Filmspiegel 07/1989.

Axel Geiß: Gegen die Flut bunter Bilder – Interview mit Helke Misselwitz, in: Filmspiegel, 08/1990.

Frank Arnold: Vor dem Herzsprung, in: Der Tagesspiegel, 13.12.1992.

Horst Peter Koll: HERZSPRUNG, in: film-dienst 24/1992.

Dolores Kummer: Vitale Menschen unter großer Last – Interview mit Helke Misselwitz, in: Berliner Zeitung, 08.01.1993.

Claus Löser: Träume. Dokumentarfilm-Trilogie des Ostdeutschen Rundfunks; LEBEN EIN TRAUM von Helke Misselwitz, DIE TRÄUME DANACH von Jens Becker, GELIEBTE CARMENCHA von Petra Tschörtner, in: film-dienst 10/1995.

Ralf Schenk: Exkursion in eine verletzte Seele, in: Film und Fernsehen 05+06/1996.

Ralf Schenk: MEINE LIEBE, DEINE LIEBE, in: film-dienst 20/1996.

Ralf Schenk: Toleranz und Zärtlichkeit - Die Regisseurin Helke Misselwitz, in: film-dienst 20/1996.

Josef Lederle: ENGELCHEN, in: film-dienst 20/1997.

Ulrike Gramann: Begegnungen mit Filmen von Petra Tschörtner und Helke Misselwitz, in: Frauen und Film 62/2000.

Steffi Pusch: Exemplarisch DDR-Geschichte leben. Ostberliner Dokfilme 1989/90, Frankfurt am Main 2000.