17. Juni 2009, 20 Uhr
im Zeughauskino Berlin (Unter den Linden 2, 10117 Berlin)
Kartenreservierung: 030 / 20 30 47 70
Eine Dokumentation über den Eigensinn und Mut einiger Filmschaffender in der DDR einen Film mit der Freiheit eines John Cassavetes zu drehen, jenseits der staatlichen Genehmigungsverfahren. Thomas Knauf rekonstruiert die Geschichte des Films von seiner Entstehung, über Verbot und Beseitigung bis zu seiner Wiederentdeckung und erzählt durch die Stimmen der Mitwirkenden ein spannendes und unbekanntes Kapitel der DDR-Kulturgeschichte.
Eigenwillig und couragiert wagten sich 1981 einige DDR-Filmschaffende an das Experiment einen Film jenseits der üblichen staatlichen Genehmigungsverfahren zu realisieren. Und so lautete auch der Titel des Films „Experimente“. Es war der Abschlussfilms Lars-Peter Barthels, der an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg als Meisterschüler in der Fachrichtung Kamera studierte.
Er hatte den Theatermacher Jürgen Gosch für sein Projekt gewinnen können, der damals sehr erfolgreich an der Ost-Berliner Volksbühne arbeitete und den Barthel sehr bewunderte. Ohne fertiges Drehbuch, mit einer dürftigen Ausstattung an Produktionsmitteln und ohne Dreherlaubnis wurde mit den Arbeiten begonnen. Die Atmosphäre war anarchistisch, heiter und ungezwungen. Man konnte sich ausprobieren. Täglich entwickelte sich der Film neu, spontane Einwürfe der Schauspieler wurden in neuen Szenen verarbeitet und feste Manuskripte gab es nur selten. Gosch inszenierte ohne ein festes Konzept, er wollte Momente, Aktionen, festhalten. So tanzen die Schauspieler in einer Szene in Abendgarderobe um eine Tischtennisplatte herum. In einer anderen singen sie schwermütige Revolutionslieder in einem dunklen Kellerraum der alten Volksbühne. Manchmal wusste keiner mehr so richtig, wohin der Film eigentlich gehen sollte. Man hoffte, dass Gosch es wusste.
Ob er es wusste, musste nie beantwortet werden. Am 6. Februar 1981, noch vor Ende der Dreharbeiten, wurde der Film durch den Künstlerischen Direktor der HFF abgebrochen. Man brachte den Film in Verbindung mit dem damals aktuellen polnischen „Kino der moralischen Unruhe“. Kurze Zeit später wurde der Film verboten. Mit dem Verbot, drohte auch die Vernichtung, weshalb Lars-Peter Barthel und die anderen Mitwirkenden alles daran setzten das Material zu schützen. Bis zum Rohschnitt schafften sie es das Material im Geheimen weiter zu bearbeiten. Dann wurden sie entdeckt und verloren den Film an die Zensur, die das Negativ vernichtete und alle Spuren der Arbeit verwischte.
Nach dem Ende der DDR fand Barthel das Rohschnitt-Positiv im Archiv der HFF. Wie durch ein Wunder hatte wenigstens ein Teil des Films „Experimente“ die Zeit überdauert. Sollte er den Film fertig stellen? Würde ein Abschlussfilm von 1981 heute noch relevant sein? In seiner 60-minütigen Dokumentation hält Thomas Knauf neben spannenden Fakten solche Gedankengänge fest. Er lässt die Beteiligten sprechen: Regisseur Jürgen Gosch, die Schauspieler Heidemarie Schneider, Jürgen Holtz, Hermann Beyer und Michael Gwisdek sowie Kameramann Lars-Peter Barthel. Sie erzählen von ihrer Erinnerung an einen der wichtigsten Filme ihrer Karriere, der sie alle auf so besondere Weise geprägt hat.
Eine Dokumentation der DEFA-Stiftung, 2008
Buch, Regie, Produktion: Thomas Knauf
Kamera: Thomas Mauch, Thomas Knauf
Länge: 60 min
Der Film ist im Verleih von defa-spektrum.