Winckler, Henner

Henner Winckler wird nach "Klassenfahrt" und "Lucy" zu einem der Regisseure der "Neuen Berliner Schule" gezählt. Vor seinem Regiedebüt schrieb er gemeinsam mit Yüksel Yavuz und Britta Ohm das Drehbuch zu Yavuz "Aprilkinder", wobei er Erfahrungen im Erzählen von Geschichten sammelte. "Ich schätze die Filme von Angela Schanelec, Christian Petzold und Thomas Arslan, die den Begriff "Berliner Schule" geprägt haben, und auch die von Valeska Grisebach und Ulrich Köhler, die jetzt dazu gezählt werden. Obwohl ich grundsätzlich solche Labels kritisch sehe, identifiziere ich mich mittlerweile immer mehr mit diesem Begriff, der aber keine dogmatische Gruppe benennt, sondern eher einen losen Zusammenhalt von Regisseuren mit ähnlichen Vorbildern. Eine Selbsteinschränkung würde ich ablehnen und ich denke, dass geht auch den Anderen so. Ich wähle zum Beispiel meine erzählerischen Mittel nicht, weil ich mich der `Berliner Schule` zugehörig fühle, sondern weil ich glaube, dass es der richtige Rhythmus ist, um die Geschichte und die Atmosphäre der Geschichte zu vermitteln."

Der Weg zu Wincklers Debüt begann beim Festival "Sehsüchte" der HFF "Konrad Wolf", wo Christian Cloos, Redakteur des Kleinen Fernsehspiels des ZDF, Wincklers Diplomfilm "Tip Top" sah und ihm das Interesse signalisierte mit ihm ein Projekt zu entwickeln. Die Filme von Angela Schanelec und Christian Petzold gaben dann den Ausschlag mit Florian Koerner von Gustorf und Michael Weber als Produzenten zusammenzuarbeiten. "Als ich gemeinsam mit Stefan Kriekhaus, meinem Ko-Autoren, nach einem Produzenten suchte, spürte ich, dass sich die beiden für den Stoff und die Geschichte interessieren. Die Filme, die sie vorher produzierten, gaben mir die Sicherheit, dass wir geschmacklich nicht zu weit auseinander lagen."

Zum Film war Winckler zuvor über Umwege gekommen. Geboren wurde er am 8. Juli 1969 in Hünfeld. Er wuchs in Gießen auf, wo er auch sein Abitur machte. Aus der Schulzeit kennt er auch seinen Ko-Autor Stefan Kriekhaus, mit dem Winckler einige Jahre zusammen in einer WG wohnte. Das erste Mal arbeiteten sie für "Klassenfahrt" zusammen. "Es ist wahnsinnig schwierig jemanden zu finden, mit dem man Schreiben kann. Es ist letztlich eine sehr intime Tätigkeit und daher braucht man jemanden, den man gut kennt und vertraut und der ähnliche Ansichten von der Welt hat. Bevor wir schreiben, sprechen wir viel über Menschen und Situationen. Die Geschichte in eine Form zu bringen, ist dann der kleinere Teil der Arbeit."

Gerne würde der Filmemacher auch zugreifen, wenn ihm ein gutes Drehbuch angeboten wird. Obwohl es ihm leichter falle zu inszenieren, was er selber geschrieben hat. Denn er ist eher ein visueller Typ. An der HfG Offenbach studierte er 1990 bis 1993. Zunächst mit dem Berufsziel Maler/Bühnenbildner. "Das Theater kam mir plötzlich sehr elitär vor. Heute kann ich mir kaum mehr vorstellen, dort zu arbeiten." Nach dem ersten, für alle Stundeten gemeinsam zu absolvierenden Studienjahr, wechselte er in die Richtung "Visuelle Kommunikation/Film". Nach dem Vordiplom ging er dann mit einigen Kommilitonen nach Hamburg an die Hochschule für Bildende Kunst, wo damals vier Filmklassen parallel studierten. 1998 legte er sein Diplom ab.

Dem akademischen Betrieb ist er treu geblieben. Seit 2004 ist er Künstlerischer Mitarbeiter an der HFF "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg und assistiert dort Rosa von Praunheim. 

Für "Klassenfahrt" arbeitet Henner Winckler wie auch schon für "Tip Top" mit Laien. "Ich hatte Lust, das wieder zu machen." In der Story verarbeiteten Kriekhaus und er Erinnerungen an ihre Klassenfahrten, aber entwickelten auch fiktive Situationen, die aus dem Gefühl des sich in der Fremde befindens entstehen. Der Film lebt jedoch nicht von dramatischen Ereignissen und Wendepunkten. Der Zuschauer fühlt sich - wie auch später in "Lucy" - eher wie ein stiller Beobachter der Reise einer Jugendgruppe aus einer westdeutschen Kleinstadt in den polnischen Ostseebadeort Miedzyzdroje in der Nachsaison. "Wichtig war uns ein Land, zu dem es eine Sprachbarriere gibt. Dass wir Polen gewählt haben ist kein Zufall, denn wir wollten auch wissen, wie und was wir erzählen können angesichts der gemeinsamen Geschichte." Rassistische oder andere Ressentiments spart Winckler aber wohlweislich aus. "Ich finde Situationen interessanter, die nicht so eindeutig sind, wo man etwas behauptet und der Zuschauer sich den Hintergrund selber zusammensetzen kann." Das ist auch einer der Leitgedanken, die seine Filme durchziehen. Die Situation wird nur so weit angerissen, dass der Zuschauer sie versteht. Sie werden aber nie eindeutig geklärt.

Lustlos richten sich die Teenager in ihren Hotelzimmern ein. Alle wollen das Beste aus dem Aufenthalt mit seinem Pflichtprogramm voller Museumsbesuche und Ähnlichem machen. Volleyballspiele am Strand, nächtliche Besuche, Wetten, Alkohol, offen und versteckt ausgetragene Rivalitäten und natürlich der Discobesuch, wo die Mädchen schnell zur Attraktion für die einheimischen Jugendlichen werden. Auch Isa stürzt sich in eine flüchtige Romanze mit einem jungen Polen, sehr zum Ärger von Ronny. Der ist hier wie auch in Deutschland der Außenseiter und würde am liebsten gleich wieder nach Hause fahren. Seine zögernden Flirtversuche prallen an Isa ab und verzweifelt fragt er sich, hat sie was mit diesem glatzköpfigen Polen oder nicht. So bleibt ihm viel Zeit für die Beschäftigung mit sich selbst und seinen explodierenden Gefühlen im Wechsel zwischen Zuneigung und Eifersucht.

Winckler lässt sich Zeit, die Stimmungslage seiner Protagonisten zu beobachten und dabei kleinste Nuancen heraus zu kitzeln. Die kargen Dialoge sind sehr nahe und genau an der Sprache der Altersgruppe dran. Ruhig sind die genau kalkulierten Bilder und lang die Einstellungen, was den Eindruck verstärkt, mit dem Film mitten in den Ereignissen zu stecken. Diesen stilistischen Weg wird er in "Lucy" weiter verfolgen, in dem seine Hauptfiguren einige Jahre älter sind. Für beide Filme hat er lange gecastet.

Für seine zweite Regiearbeit arbeitete er hauptsächlich mit professionellen Schauspielern, aber das war Zufall. "Ich habe nach Menschen gesucht, die rüberbringen können, was ich mir vorgestellt habe. Die Arbeit mit Laien kommt eigentlich meiner Art des Regieführens eher entgegen. Laien haben oft einen unverstellteren Zugang zu ihren Figuren. In dem Maße wie sich meine Art der Regieführung geändert hat, haben sich aber auch die Ansprüche verändert. Bei `Lucy` bin ich viel dichter am Drehbuch geblieben. Bei `Klassenfahrt` hat sich mehr vor der Kamera verändert, bei `Lucy` im Probenprozess." Drehbuchlesungen lehnt Winckler ab.

"Lucy" basiert zum Teil auf persönlichen Erfahrungen von Winckler nach der Geburt seiner Kinder, die aber übertragen sind auf ein wesentlich jüngeres Pärchen, um den Konflikt zu verschärfen. Er stellte sich Fragen nach der Neuorientierung in dieser Lebensphase, des Austarierens zwischen dem Wunsch für die Kinder da zu sein und berufstätig sein zu müssen, den Kontakt zu Freunden nicht zu verlieren und das eigene Leben nicht völlig hinten an zustellen.

Lucys Mutter Maggy ist bei ihrer Geburt noch Schülerin. Von dem Vater des Kindes hat sie sich getrennt. Ihre Mutter kümmert sich um das Baby, das völlig selbstverständlich morgens in der Kita abgegeben wird. Maggy will für ihr Kind da sein, gleichzeitig aber nicht auf die Vergnügungen und das Leben eines Teenagers verzichten. Als sie den 25-jährigen Gordon kennen lernt, scheint ihr Glück perfekt. Sie ziehen zusammen. Doch auch jetzt fordert Lucy Einschränkungen in Maggys Leben, so dass sie schwankt, das Erziehungsrecht an ihre Mutter abzugeben.

"Mich interessierte, wie junge Menschen damit umgehen, dass sie auf der einen Seite ihr Kind lieben und für ihr Kind da sein wollen, auf der anderen Seite aber noch überfordert sind. Weil sie hin und her gerissen sind zwischen dem Wunsch Mutter zu sein, die Schule abzuschließen und den Vergnügungen der Gleichaltrigen nachzugehen."

Nach Gesprächen mit einigen Müttern in ähnlicher Situation war Winckler klar, dass er die Ereignisse hätte viel stärker dramatisieren und zuspitzen können. Er verzichtete aber darauf, weil er Alltagsprobleme zeigen wollte, die nicht milieuspezifisch sind. So wollte er Situationen schaffen, die der Zuschauer nicht aus einer voyeuristischen Perspektive wahrnimmt, sondern mit denen er sich identifizieren kann.

Wie schon bei "Klassenfahrt" sind die Charaktere psychologisch sehr genau und vielschichtig gezeichnet. Nichts ist behauptet. Diese Qualität erreichen die beiden Autoren, in dem sie die Bücher jeweils aus der Sicht einer Figur schreiben. Jede der Handlungen muss sich glaubwürdig aus der Figur erschließen.

Beide Filme leben auch von der Atmosphäre der Orte, an denen sie gedreht wurden. Orte des Alltags, die jeder kennt. In "Klassenfahrt" war es die Ostsee mit ihrer metaphorischen Kraft und der Plattenbau der Herberge der Jugendlichen, die die Geschichte mitprägten. In "Lucy" ist es der Osten Berlins mit seinen neuen Gebäuden. "Wir wollen unbedingt in Berlin drehen. Ob Ost oder West-Berlin haben wir lange überlegt. Den Ausschlag für den Osten gab, dass es dort selbstverständlicher ist, Kinder in Lucys Alter in eine Kita zu geben. Im Westen wäre Maggy vielleicht noch verlorener."

Neben Stefan Kriekhaus arbeitet Winckler in beiden Filmen mit der Cutterin Bettina Böhler, Tonmann Johannes Grehl, der Kostümfrau Lotte Sawatzki und der Maskenbildnerin Monika Münnich zusammen. Hinter der Kamera stehen immer Frauen. Für "Klassenfahrt" arbeitete er mit Janne Busse, die schwanger war als "Lucy" gedreht wurde. Winckler entschied sich dann für die Österreicherin Christina A. Maier, die ihm mit ihrer Arbeit für "Nordrand" von Barbara Albert imponierte.

Momentan beschäftigt er sich mit mehreren Ideen. Die Kooperation mit Kim Schnitzer und Gordon Schmidt würde er gerne fortsetzen. Als Sendepartner würde er gerne weiter mit der Redaktion Kleines Fernsehspiel des ZDF zusammen arbeiten. Das Reglement des Senders sieht nur drei Filme für die Reihe vor. Dann hat er wie viele Regisseure das Problem, bei anderen Sendern die Klinken putzen zu müssen.

 

Autorin: Katharina Dockhorn
Stand: Juni 2006