Heidemarie Wenzel ist in den 70er Jahren eine populäre DEFA-Darstellerin, die mit anspruchsvollen Charakterdarstellungen auf sich aufmerksam macht. In vielen Fällen spielt sie junge emanzipierte Frauen, die sich in der Arbeitswelt bereits ihren Platz erobert haben und nun ihr privates Glück suchen. Vielen in Erinnerung bleibt sie als Ines, "Die Schöne", die in DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1973) als dümmliche und ordinäre Tochter eines Schaustellerpaares materialistisch orientiert ist und ihrem Ehemann Paul untreu wird. Mitte der 80er Jahre ist ihre Karriere in der DDR abrupt beendet, da sie als politisch unzuverlässig gilt.

Heidemarie Wenzel in "Die Taube auf dem Dach" (1973/2010)
Foto: DEFA-Stiftung/Klaus Goldmann
Heidemarie Wenzel wird am 07. Juli 1945 in Berlin geboren. Ihr Vater ist Reichsbahnoberinspektor, ihre Mutter arbeitet als Kaufmannsgehilfin. Ihre Schulausbildung, die sie 1963 mit dem Abitur abschließt, absolviert sie in ihrer Heimatstadt, steht bei Theateraufführungen ihrer Schule auf der Bühne. Als Mitglied des Bewegungschores der Deutschen Staatsoper Berlin sammelt sie ebenfalls erste Erfahrungen. Sie bewirbt sich an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin, wird angenommen und studiert dort von 1963 bis 1966. Bereits während ihres Studiums fällt sie in Klassiker-Inzenierungen auf, spielt unter anderem die Klytämnestra in der "Orestie" von Aischylos am Studiotheater der Schule.
Nach ihrem Studium erhält Heidemarie Wenzel ein Engagement am Volkstheater Rostock. Hier gibt sie die Ophelia in "Hamlet" nach William Shakespeare, spielt Lady Milford in "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller, agiert als Julie in "Fräulein Julie" nach August Strindberg. Der Filmregisseur Egon Günther arbeitet ebenfalls mit ihr am Theater: Unter seiner Inszenierung macht sie sich einen Namen als Julia in "Der Stern wird rot" von Sean O'Casey. Heidemarie Wenzel gibt Gastspiele am Theater in Greifswald. Nach zwei Jahren festem Engagement am Theater entscheidet sich die Schauspielerin, für Film und Fernsehen frei zu arbeiten. Erst in den 80er Jahren steht Heidemarie Wenzel wieder auf der Theaterbühne. Im TiP, dem Theater im Palast, spielt sie 1980 die Christa in "Kippenberg". In den 90er Jahren steht sie auf der Bühne des Tourneetheaters Kempf als Greta in "Karate Billi kehrt zurück", ist auf der Freilichtbühne in Schwäbisch-Hall als Königin Gertrud in "Hamlet" und in Ralswiek auf der Insel Rügen als Brigitta in "Die Vitalienbrüder" zu sehen.
Erstmals vor der Kamera steht Heidemarie Wenzel mit einer kleinen Rolle in dem Film DER VERLORENE ENGEL (1966) von Ralf Kirsten. Der Film ist 1966 dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED zum Opfer gefallen und kommt erst 1971 in einer verstümmelten Fassung in die Kinos der DDR. Einem größeren Publikum wird die Schauspielerin beginnend mit ABSCHIED (1968) unter der Regie von Egon Günther bekannt. Sie spielt Fanny, die Freundin des sensiblen Gymnasiasten Hans Gastl (verkörpert von Jan Spitzer). Beide lehnen ihrer familiäre bürgerliche Welt ab, begehen zusammen einen Selbstmordversuch. Ihre Vorstellung vor der Kamera wird von den Kritikern begeistert gelobt und Heidemarie Wenzel wird als darstellerischer Nachwuchs gefeiert. Nach kurzem Einsatz wird der Film allerdings nur noch für Sondervorführungen freigegeben; ängstlich nehmen die Verantwortlichen bei der Verfilmung des autobiografischen Romans von Johannes R. Becher eine Parallele zum DDR-Staat wahr. Dem Film wird Skeptizismus und Subjektivismus vorgeworfen.

Heidemarie Wenzel mit Regisseur Egon Günther In "Abschied" (1968)
Foto: DEFA-Stiftung/Peter Dietrich, Wolfgang Ebert
In der Folge wird Heidemarie Wenzel von bekannten Regisseuren besetzt, spielt in vielen Fällen junge emanzipierte Frauen, die sich in der Arbeitswelt bereits ihren Platz erobert haben und nun ihr privates Glück suchen. In dem Episodenfilm AUS UNSERER ZEIT (1970) verkörpert sie unter der Regie von Rainer Simon eine junge Bauingenieurin, die sich während ihrer Hochzeitsreise an die vergangenen Jahre erinnert. Sie arbeitet mit Günter Reisch in UNTERWEGS ZU LENIN (1970) und Horst E. Brandt in KLK AN PTX - DIE ROTE KAPELLE (1971) zusammen. In letzterem Film gibt sie das Star-Mannequin Ina Schreier, die für die Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack Kurierdienste ins Ausland übernimmt. Ein großer Publikumserfolg wird ZEIT DER STÖRCHE (1971) von Siegfried Kühn. Während eines kurzen Urlaubs lernen sich eine Lehrerin und ein Ölbohr-Arbeiter kennen und lieben. Die Begegnung mit einem ungewöhnlichen Menschen animiert sie zum Ausbruch aus ihren gelebten Konventionen. Mit Heidemarie Wenzel und Winfried Glatzeder (in seiner ersten Filmrolle) ist der Film glänzend besetzt. Einen ähnlichen Publikumserfolg kann sie als "Die Schöne" in DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1973) von Heiner Carow feiern. Sie spielt die Ehefrau von Paul, ist als Tochter eines Schaustellerpaares etwas dümmlich und ordinär, materialistisch orientiert und ihrem Ehemann untreu.
Der Film DIE TAUBE AUF DEM DACH (1973) von Iris Gusner erzählt die Geschichte der jungen Bauingenieurin Linda Hinrichs, die erfolgreich im Beruf auch im privaten Leben nach Erfüllung sucht. Sie lernt zwei Männer kennen: einen spontanen Studenten und einen gestandenen Bauingenieur, der nicht sesshaft wird. Der Film wird nicht für zur Uraufführung freigegeben. Grund mag die unbequeme und zweifelnde Sicht auf die Arbeitswelt sein, die in der herb-poetischen Inszenierung noch deutlicher zutage tritt. Erst 1990 gelangt eine Arbeitsfassung zur Aufführung. Auch die Filmbiographie WOLZ. LEBEN UND VERKLÄRUNG EINES DEUTSCHEN ANARCHISTEN (1974) von Günter Reisch hat es schwer. Das Drehbuch entsteht bereits in den 60er Jahren, mehrere Jahre kämpft der Regisseur für die Herstellung des Films. Heidemarie Wenzel spielt die bürgerlich aufgewachsene Agnes, die sich der kommunistischen Bewegung anschließt; aus Liebe heiratet sie den Anarchisten. Wenig Publikumsresonanz erfährt auch einer ihrer nächsten Filme: IKARUS (1975) von Heiner Carow. Wieder sind die politisch Verantwortlichen schuld, die den Film kurz nach der Premiere nur noch sporadisch im Kino einsetzen.

Heidemarie Wenzel in "Insel der Schwäne" (1982)
Foto: DEFA-STiftung/Waltraut Patheheimer
Trotz dieser Rückschläge ist die Schauspielerin in der Folge in zahlreichen Filmen mit anspruchsvollen Rollen zu sehen, wird nicht mehr nur auf ihre äußeren, ihren sinnlich-verführerischen Qualitäten reduziert. In gehobenen Literaturverfilmungen für Kino und Fernsehen verkörpert sie auch historische Frauenfiguren. In GOLDENE ZEITEN FEINE LEUTE (1975) unter der Regie von Kurt Veth spielt sie Berta von Krupp. Als Elisabeth Raleigh, die schöne und herrschsüchtige Chefin einer Sklavenfarm, agiert sie in DAS LICHT AUF DEM GALGEN (1976) von Helmut Nitzschke an der Seite von Alexander Lang und Erwin Geschonneck. Sie ist in Hermann Zschoches DIE INSEL DER SILBERREIHER (1977) als Mutter des ängstlichen Hubert zu sehen. In dem Horst E. Brandt-Film BRANDSTELLEN (1978) nach dem gleichnamigen Roman von Franz Josef Degenhardt spielt sie die Kommunistin Maria, die mit einem Berufsverbotsverfahren zu kämpfen hat. In dem Fernsehfilm FRANZISKA (1985) von Christa Mühl stellt sie die Schauspielerin Franziska Franz dar, die in Wien das Interesse des Grafen Petöfy erregt und schließlich von ihm zur Herrin eines Schlosses gemacht wird.
1986 kehrt ihr Ehemann, der Regisseur Helmut Nitzschke, von einer Reise nach Westdeutschland nicht mehr in die DDR zurück. Heidemarie Wenzel stellt einen Ausreiseantrag und hat danach Schwierigkeiten, Angebote zu erhalten, da sie als politisch unzuverlässig gilt. Arbeit findet sie als Bürohilfskraft in der Evangelischen Gemeinde Berlin-Köpenick. Innerhalb der Kirche tritt sie mit Lesungen auf, beteiligt sich an Rezitationsabenden. 1988 wird die Schauspielerin Mitglied der Liga für Freiheit und Menschenrechte; sie solidarisiert sich mit verhafteten Bürgerrechtlern und wird danach aus der DDR ausgewiesen. Im Februar 1988 verlässt sie das Land und geht nach München.
Im Westteil Deutschland arbeitet Heidemarie Wenzel vorrangig für das Fernsehen, tritt in TV-Klassikern wie "Tatort", "Derrick", "Der Landarzt", "Zappeck" und "Der Alte" auf. Ein Erfolg wird ihre Sylvia Hagenbeck in "Unsere Hagenbecks" (ab 1989).
Heidemarie Wenzel ist in erster Ehe mit dem Fernsehregisseur Kurt Veth verheiratet. Ihre zweite Ehe führt sie seit 1977 mit dem Regisseur Helmut Nitzschke. Sie hat zwei Kinder, den Sohn David (geb. 1971) und die Tochter Laura (geb. 1980). Die Familie lebt in Berlin.
zusammengestellt von Ines Walk (www.film-zeit.de)
Stand: August 2006
Filmographie
- 1965 Nach vielen Jahren
TV-Film: Darstellerin
- 1968 Abschied
Darstellerin
- 1968 Der Kristallspiegel, 3 Teile
TV-Film: Darstellerin
- 1968 Der Staatsanwalt hat das Wort, Episode "Störende Geräusche und Das Wochenendhaus"
TV-Film: Darstellerin
- 1968 Die Toten bleiben jung
Darstellerin
- 1969 Aus unserer Zeit, Episode 3 "Gewöhnliche Leute"
Darstellerin
- 1969 Das Sonntagskonzert, 12 Folgen
TV-Serie: Moderation
- 1969 Die Dame aus Genua, 3 Teile
TV-Film: Darstellerin
- 1969 Fenster der Zeit
Darstellerin
- 1969 Junge Frau von 1914, 2 Teile
TV-Film: Darstellerin
- 1969 Netzwerk
Darstellerin
- 1970 Der verlorene Engel
Darstellerin
- 1970 KLK an PTX - Die Rote Kapelle
Darstellerin
- 1970 Unterwegs zu Lenin
Darstellerin
- 1970 Zeit der Störche
Darstellerin
- 1970 Zwei Briefe aus Poschpischiel, 2 Teile
TV-Film: Darstellerin
- 1971 Anja
TV-Film: Darstellerin
- 1971 Anlauf
TV-Film: Darstellerin
- 1971 Die Verschworenen, 4 Teile
TV-Film: Darstellerin
- 1972 Kalkutta, 4. Mai
TV-Film: Darstellerin
- 1973 Die Legende von Paul und Paula
Darstellerin
- 1973 Die Taube auf dem Dach
Darstellerin
- 1973 Wolz. Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten
Darstellerin
- 1974 Die erste Nacht
TV-Film: Darstellerin
- 1974 Die Unsterblichen
Darstellerin
- 1974 Polizeiruf 110, Episode "Die verschwundenen Lords"
TV-Film: Darstellerin
- 1974 Rückkehr als Toter
TV-Film: Darstellerin
- 1975 Goldene Zeiten - feine Leute, 2 Teile
TV-Film: Darstellerin
- 1975 Ikarus
Darstellerin
- 1975 Jede Woche Hochzeitstag
TV-Film: Darstellerin
- 1976 Das Licht auf dem Galgen
Darstellerin
- 1976 Des Doktors Dilemma
TV-Film: Darstellerin
- 1976 Liebesfallen Darstellerin
- 1976 Sein letzter Fall, 2 Teile
TV-Film: Darstellerin
- 1977 Brandstellen
Darstellerin
- 1977 Die Insel der Silberreiher
Darstellerin
- 1977 Die zertanzten Schuhe
TV-Film: Darstellerin
- 1978 Polizeiruf 110, Episode "Das doppelte Spiel"
TV-Film: Darstellerin
- 1979 Der Staatsanwalt hat das Wort, Episode "Nach der Scheidung"
TV-Film: Darstellerin
- 1979 Polizeiruf 110, Episode "Der Einzelgänger"
TV-Film: Darstellerin
- 1980 Archiv des Todes, 13 Teile
TV-Film: Darstellerin
- 1980 Die Fischers und ihre Frauen, 3 Teile
TV-Film: Darstellerin
- 1982 Bessie Bosch
HFF-Film: Darstellerin
- 1982 Insel der Schwäne
Darstellerin
- 1983 Der Mann mit dem Ring im Ohr
Darstellerin
- 1983 Meine fünf Frauen
TV-Film: Darstellerin
- 1984 Familie Neumann, 7 Folgen
TV-Film: Darstellerin
- 1984 Front ohne Gnade, Episode "In den Felsen des Kaukasus"
TV-Film: Darstellerin
- 1984 Polizeiruf 110, Episode "Inklusive Risiko"
TV-Film: Darstellerin
- 1985 Der Bärenhäuter
Darstellerin
- 1985 Der Snob
TV-Film: Darstellerin
- 1985 Franziska
TV-Film: Darstellerin
- 1986 Bebel und Bismarck, 3 Teile
TV-Film: Darstellerin
- 1986 Rund um die Uhr, 7 Folgen
TV-Film: Darstellerin
- 1988 Jolly Joker, Episode "Münzpoker"
TV-Serie: Darstellerin
- 1990 Die Taube auf dem Dach
Darstellerin
- 1990 Tatort / Polizeiruf 110: Episode "Unter Brüdern"
TV-Film: Darstellerin
- 1990 Tatort: Episode "Medizinmänner"
TV-Film: Darstellerin
- 1991 Die Hagenbecks
TV-Serie: Darstellerin
- 1992 Derrick, Episode " Langsamer Walzer"
TV-Serie: Darstellerin
- 1993 Der Alte, Episode "Die 13. Gesellschaft"
TV-Serie: Darstellerin
- 1994 Flitterwochengeschichten, Episode "Schatten der Vergangenheit"
TV-Serie: Darstellerin
- 1995 Der Landarzt
TV-Serie: Darstellerin
- 1995 Zappeck, Episode "Der Tote auf der Rennbahn"
TV-Serie: Darstellerin
- 1997 Rückkehr aus großer Entfernung - Die Filme des Egon Günther
Mitwirkung
- 2002 Ich laß mich scheiden: Episode "Dritter Frühling"
TV-Film: Darstellerin
Auszeichnungen
1972 Zuschauerpreis des Jugendmagazins "Neues Leben".
Literatur
Dieter Borkowski: Iby, die Prinzessin, in: Filmspiegel 17/1968.
Constanze Pollatschek: Nicht nur fotogen, in: Neues Leben 10/1971
Hans-Joachim Kynaß: Stippvisite bei Heidemarie Wenzel, in: Wochenpost, 24.09.1971
Marlis Tico: Spatz in der Hand oder Taube auf dem Dach. Sechs Fragen an Heidemarie Wenzel, in: Filmspiegel 07/1973
W. N. Berger: Laßt mich den Löwen auch noch spielen - Werkstattgespräch mit Heidemarie Wenzel, in: Berliner Zeitung, 16.12.1973
Marlis Linke: Heidemarie Wenzel, in: Treffpunkt Kino 02/1974
Heinz Hofmann: Heidemarie Wenzel, in: Renate Seydel (Hrsg.): Schauspieler, Henschel Verlag Berlin 1974
Marlis Linke: Heidemarie Wenzel - Zwischenbilanz, in: Filmspiegel 09/1976.
Irma Zimm: Sie bewundert die Stärke der Agnes, in: BZ am Abend, 02.09.1976.
Peter Stefan Herbst: "DDR"-Star bei uns, in: Bild, München, 11./12.11.1988.
Eva Meschede: Heidemarie Wenzel, in: Süddeutsche Zeitung, 20.12.1988.
Eva Meschede: Emigranten in einem Land, das ihre Sprache spricht, in: Süddeutsche Zeitung, 22.01.1990
Ralf Schenk, Ingrun Spazier: Heidemarie Wenzel, in: cinegraph, Loseblattsammlung.