Weegmann, Nicole

Grimme-Preis, Nominierung zum deutschen Fernsehpreis – innerhalb eines Jahrzehnts hat sich Nicole Weegmann auf deutschen Bildschirmen einen Namen gemacht. Ihre Filme sind Highlights, die Unterhaltung mit Spannung und gesellschaftlicher Relevanz verbinden, sie setzen hohe qualitative Maßstäbe in einer Fernsehlandschaft, die zu den Besten der Welt zählt. Gerade in ihren Filmen zeigt sich, was das Fernsehen viel stärker als das deutsche Kino im Moment zu bieten hat: Eine sehr genaue Bestandsaufnahme des Lebensgefühls, bei Nicole Weegmann insbesondere von Teenagern, die sich gemäß ihres Alters nicht mit Konventionen abfinden wollen und sich auflehnen. Dabei hat „Ihr könnt Euch niemals sicher sein“ auch von der Dramaturgie der Story und der Inszenierung her Kinoqualität. 

Nicole Weegmann wird 1966 in Karlsruhe geboren und wächst dort auf. Ihre große Liebe gilt während ihrer Kindheit Italien, weil sie das Gefühl hatte, sie gehöre als südländischer Typ dorthin. Im Bus zur Schule paukt sie Italienisch und spricht die Sprache chon lange vor dem Abitur perfekt. Noch vor dem Schulabschluss geht sie in das Land ihrer Träume. Freunde und Verwandte können sie aber doch überreden, für die Prüfungen nach Baden-Württemberg zurückzukehren. „Heute bin ich froh, dass sie mich überzeugt haben.“ 
  Fünf Wochen nach dem Abitur kehrt sie nach Italien zurück, wo sie zwei Jahre als Fotoassistentin arbeitet, unter anderem auch bei der Cinecitta. „Es war eine Sinnsuche aus allen möglichen Gründen. Ich habe mich nur manchmal gewundert, warum es mich ins doch recht konformistische Rom gezogen hat und nicht ins sehr viel spannendere London.“ Sie überlegt, in Italien zu studieren, entscheidet sich dann aber für die renommierte Lette-Schule in Berlin, wo sie 1987 bis 1989 eine Ausbildung als Fotografin absolviert. „Es schien mir vernünftiger dahin zu gehen, wo es einfacher war. Außerdem habe ich gemerkt, dass mir in Italien die Verbindungen und die Beziehungen fehlten, ich hatte aber auch handwerklich wenig zu bieten.“
In Berlin lernt sie das Handwerk von der Pike auf, schätzt aber auch das freie und serielle Arbeiten, zum Beispiel für Tonbildschauen. Unmittelbar nach dem Abschluss schreibt sie sich 1989 im audiovisuellen Zweig an der Kunstakademie in Amsterdam ein, wo sie zum einen oft hinter der Kamera steht, weil sie unter ihren Kommilitonen die besten Kenntnisse auf diesem Gebiet hat. Sie kann sich dort mit kurzen Filmen, meist nicht viel länger als eine Minute, in diversen Genres ausprobieren, inszeniert auf Super 8 oder 16mm Videoinstallationen, einen Knetfigurenfilm, „Banalitäten aus dem Chinesischen“ nach einer Vorlage von Kurt Schwitters, den Zeichentrickfilm „Fliege“ und „Der Mensch lebt durch den Kopf“, eine Collage von dokumentarischen Aufnahmen aus Berlin mit Spielszenen. 
  „Das war toll, ich wollte aber klassische Geschichten erzählen.“ Nicole Weegmann will Film studieren. Beim ersten Anlauf wird sie an der Filmakademie des Landes Baden-Württemberg in Ludwigsburg angenommen, wo sie von 1991 bis 1999 studiert. Ihr erster Kurzfilm „Jagdszene“ wird kontrovers diskutiert. Auch andere Kurzfilme der Studentin wie „Kreisel Macher Brumm“  zeichnen sich durch Radikalität in Themenwahl und Umsetzung aus. „Der Junge“ schildert surreal, aber zutiefst emotional und direkt den Amoklauf eines Jungen, der nach einer Vergewaltigung mit seinen Gefühlen alleine gelassen wird. „Zurückblickend war er schon ein wenig kryptisch. Prof. Nico Hofmann war trotzdem beeindruckt, was viele schockiert hat.“
Nicole Weegmann konzentriert sich in Ludwigsburg auf den Spielfilm, führt Regie bei den Kurzfilmen „Kalter Schlaf, 1996, und „Steig aus und hau ab“, 1997. Einen Dokumentarfilm hat sie nie inszeniert, was sie ein wenig bedauert. „Ich hatte Glück, weil ich in der Sparte Spielfilm bleiben konnte, obwohl meine Filme niemals en vogue waren und nicht dem eher auf den Mainstream ausgerichteten Profil der Schule entsprachen. Unter den Kommilitonen meines Jahrgangs konnten wir uns lange über Fassbinder streiten, dessen Filme ich mag. Bei anderen war schon eine starke Abgrenzung zu spüren.“  

  Mit dem SWR findet sie gleich nach dem Abschluss einen starken Partner. Für die Reihe „Debüt im Dritten“ entsteht „Wolfsheim“ für den sie gemeinsam mit Jürgen Matthäi die Vorlage geliefert hat. „Ich habe am Anfang selbst geschrieben, weil einem Anfänger kaum interessante und tolle Geschichten angeboten werden. Jetzt bin ich froh, dass ich genug interessante Stoffe angeboten bekomme. Trotzdem wird es sicher nie aufhören, dass man auch selbst Ideen liefern muss, bis zu dem Punkt, dass es sinnvoll sein kann, auch selbst wieder zu schreiben.
Matthäi wird für sie in den kommenden Jahren ein verlässlicher Partner, ansonsten wechselt sie das Team mit jeder Produktion. „Ich habe nur eine relativ feste Regieassistentin, ansonsten muss ich mich immer wieder auf ein neues Team einstellen. Ein bisschen beneide ich Regisseure wie Andreas Kleinert und andere, die ein festes Team um sich geschart haben, was vieles wahrscheinlich erleichtert.“ 
Laura Tonke, Banaby Metschurat und Antoine Monot übernehmen die Hauptrolle in „Wolfsheim“, dem Drama um die Teenager Ennio, Patrick und Justine, die schon im Kindergarten die dicksten Freunde waren. Kurz vor Weihnachten wird Patrick verhaftet – die Polizei verdächtigt ihn, eine Serie von Überfällen in der Schwarzwaldregion begangen zu haben. Seine Freunde wollen ihn mit einem simplen Trick aus dem Gefängnis holen. Wenn „Rotkäppchen“, wie der Täter getauft wird, wieder zuschlägt, kann es Patrick nicht gewesen sein. Sie wollen einen Überfall imitieren, doch Ennio zieht den Bruch im Stil der italienischen Mafia durch. Ein Verbrechen zieht dann das andere nach sich – und die Freundschaft des Quartetts kann die Gegensätze nicht mehr kitten.
Die MFG verleiht dem Film beim Fernsehfestival Baden-Baden den Shooting-Star. Die Jury lobt die Professionalität der Regiearbeit mit gängigen Klischees des Genres einen zutiefst berührenden Film zu schaffen.
„Ich bin dann beim Fernsehen geblieben und habe es aber auch nie so gesehen, jetzt so positioniert zu sein. Wenn ich mich für ein Projekt entscheide, hoffe ich immer in erster Linie, dass es ein guter Film wird. Ich würde gerne auch einen Kinofilm machen, aber alle Ansätze sind bisher gescheitert. Andererseits ist das Niveau der Fernsehfilmproduktion in Deutschland sehr hoch, deshalb gehen meine Filme auf Festivals unerkannt durch.“
  Zugleich ist das Drama „Wolfsheim“ der Auftakt von vier Filmen, dem Tatort „Romeo & Julia“, 2002, „Rabenkinder“, 2004 und „Ihr könnt euch niemals sicher sein“, 2008, die sich mit hoher Authentizität bei der Beschreibung von Gefühlen und Milieus mit dem Alltag von Jugendlichen auseinandersetzen. „Das war nicht beabsichtigt. Ich habe erst später bemerkt, dass ich als Jugendfilm-Spezialistin eingestuft wurde, weil auch oft entsprechende Angebote kamen.“
2002 inszeniert Nicole Weegmann den Fernsehkrimi „Romeo & Julia“ mit Ulrike Folkerts, in dem Denis Moschitto neben Jasmin Schwiers seinen Durchbruch schafft. „Es ist kein klassischer Krimi, sondern eher eine Milieustudie, in der sich die Kommissare der moralischen Frage stellen, ob sie einen Täter laufen lassen sollten.“
Marcello und Julia leben den klassischen Konflikt. Die Familie des jungen Italieners ist strikt gegen die Beziehung zu der Deutschen. Auch ihrem Bruder Robbi, ausländerfeindlich und gewaltbereit, ist Toleranz fremd. Er lauert dem Paar in Deutschland auf, das sich erst wenige Minuten zuvor wieder gesehen hat, nachdem Lena Odenthal und ihr Kollege Kopper den sympathischen Jungen mitgenommen hatten. Marcello wehrt sich und verletzt Robbi tödlich. 
  Julia und Marcello verstecken sich, fliehen nach Italien, während die Kommissare mit ihren Ermittlungen beginnen. Zunächst gilt Julia als Verdächtige, da Robbi sie und die Mutter geschlagen hat. Doch die Polizisten erfahren bald, dass sie einen Freund hat und insbesondere Kopper kann es kaum glauben, dass ausgerechnet Marcello in die Tat verwickelt sein soll. 
  Für ihren Produzent Kai Kühnemann, einst Kommilitone in Ludwigsburg, dreht Nicole Weegmann „Rabenkinder“, Sender ist wieder der SWR und seine Reihe „Debüt im Dritten“. Das Buch entsteht mit Jürgen Matthäi. Inspiriert von den Zeitungsberichten über Adoptivkinder, die ihre Eltern umgebracht haben, beginnen sie mit der Entwicklung der Story, die sie in eine andere Richtung lenken. „Wir wollten nicht den Konflikt zwischen Kindern und Eltern erzählen, sondern zwischen Schwestern, die getrennt wurden und aus unterschiedlichen Motiven nach ihrer Mutter suchen.“
  Die zwölfjährige Jasmin lebt in gutbürgerlichen Verhältnissen. Zufällig findet sie heraus, dass sie ein Adoptivkind ist. Sie nimmt es den Eltern übel, ihr niemals die Wahrheit gesagt zu haben, und macht sich auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern. Zunächst findet sie aber ihre drei Jahre ältere Schwester Miriam, die eine frühe Karriere als Kleinkriminelle und Straßenkind ins Erziehungsheim gebracht hat. Sie hat bereits alle Illusionen über das Leben verloren. Obwohl sie nicht viel verbindet, gehen sie gemeinsam den dürftigen Erinnerungen der Älteren nach, dabei immer auf der Flucht vor der Polizei. Mit Miriams Erfahrung schlagen sie sich durch, kommen sich näher und schließlich wollen sich die beiden Außenseiterinnen nicht mehr trennen.
  „Der Stil des Films ist geprägt durch praktische Erwägungen, weil Sina Richardt erst zwölf Jahre alt war und nur sechs Stunden am Tag drehen durfte. Wir haben uns für „day for night“ entschieden und einen sehr realistischen, authentischen Stil gesucht.“

Nicole Weegmann legt nach diesem Film eine Pause ein, bekommt zwei Kinder. „Ich habe keinen Dreh abgesagt, habe mich aber nicht so intensiv wie zuvor um Aufträge bemüht.“ Ihr Mann zieht danach mit, kümmert sich fulltime um die Kinder, wenn die Regisseurin dreht. Die beiden leben in Köln, wohin die Filmemacherin nach dem Studium gezogen ist. „Ich will immer wieder Neues ausprobieren, warum also nicht Köln. Ich finde die Mentalität der Menschen angenehm und auch der WDR ist ein guter und starker Partner.“
  Dessen Fernsehspielchef Gebhard Henke steht hinter dem ambitionierten Projekt „Ihr könnt euch niemals sicher sein“, das Nicole Weegmann nach einem Buch von Eva und Volker A. Zahn „Wenn man mich kennt, weiß man, dass der Stoff zu mir passt. Es könnte auch ein Autorenfilm sein.“ Der Film entsteht für die Cologne Film, Produktion Micha Terjung. „Producerin Iris Wolfinger ist eine ausgesprochen leidenschaftliche und kluge Person, die den Film sehr unterstützt hat“ 
  Im Zentrum steht der 17jährige Oliver, ein kreativer Schüler, der nicht nachbeten will, sonder sich eigene Gedanken macht. So hatte er Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ nach Hip-Hop-Versen interpretiert. Bei seiner Deutschlehrerin trifft er damit auf wenig Gegenliebe. Als sie nach dem Streit um die Note den von Oliver geschriebenen Zettel findet, „Ich knall euch alle ab“, alarmiert sie Direktor und Polizei. Seine Eltern sind geschockt und müssen erkennen, dass die Kommunikation in der Familie schon lange nicht mehr klappt. Die Eltern seiner Freundin verbieten ihm jeden Kontakt. Oliver wird in die Jugendpsychiatrie eingewiesen. Vor seiner Rückkehr in die Schule sind alle skeptisch. Oliver fühlt sich isoliert, unverstanden, er rebelliert. Doch die kleinste Übertretung hat jetzt fatale Folgen für ihn und seine Zukunft.
 „Ich wollte keinen Film über eine jugendliche Rebellion drehen oder über den Hip-Hop, obwohl ich zu dieser musikalischen Stilrichtung viel recherchiert habe, um Authentizität und Glaubwürdigkeit zu erreichen. Was mich interessiert hat war, wie Missverständnisse zu einer Ausgrenzung Einzelner aus der Gesellschaft führen können, und wie alle Figuren letztlich nicht aus ihrer Haut können, alle in ihren Umständen gefangen sind und deren Opfer werden.
Diese tragische Ebene und Sicht auf Figuren hat mich auch an Faßbinders Dramen immer sehr interessiert.“
  Der Film kommt an, bei etlichen Festivals, aber auch bei Teenagern, unter denen massenweise Kopien kursieren. Nicht zuletzt weil „Ihr könnt euch niemals sicher sein“ durch seine multiperspektivische Erzählweise, die die Sicht verschiedener Generationen auf das Geschehen widerspiegelt, ein genaues Psychogramm von Befindlichkeiten in der deutschen Gesellschaft bietet, die sich für so liberal hält, dass Jugendliche kaum Chancen zur Rebellion haben dürften.
Und es ist ein präzise gespielter, spannender und höchst politischer Film. Dies ist eine Richtung, die Nicole Weegmann weiter verfolgen will, vor allem mit ihrem ersten Kinofilm, den sie mit Norbert Walter von der Firma U5 entwickelt. Jürgen Matthäi schreibt die Vorlage. „Gesellschaftliche Relevanz ist mir wichtig. Die Amerikaner machen uns doch im Kino seit Jahren durch ihre erfolgreichen Politdramen vor, wie man unterhaltend politische Mechanismen durchschaubar machen kann. Und sonst schauen wir uns doch auch bei ihnen so viel ab – warum sind wir nicht so mutig und schlagen diese Richtung in Deutschland ein“ wünscht sich die Filmemacherin, die allerdings auch eingesteht, dass sie mehrmals Ideen für brisante Stoffe nicht weiter verfolgt hat, weil sie entmutigt war, weil andere das Thema schon aufgegriffen hatten. 

2009/2010 hat und wird sie zunächst weitere Genres ausprobieren. Mit Katharina Böhm, Mark Waschke und Götz Schubert drehte sie im Herbst 2009 in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern den Fernsehfilm „So lange Du schliefst“ (AT), eine klassische Dreiecks-Liebesgeschichte. Aufgangspunkt für den Konflikt ist ein Unfall, nachdem der Bauer Hans ins Koma fällt. Seine Frau Teresa verliebt sich ausgerechnet jetzt in einen Ingenieur. Als ihr Mann entgegen aller Prognosen der Ärzte aus dem Koma erwacht, muss sie eine Entscheidung treffen.
 „Als mir der Stoff angeboten wurde, habe ich zuerst gedacht, was hat dieses Thema mit mir zu tun. Der Grundplot hatte jedoch eine große Ehrlichkeit, die mich berührt hat. Außerdem hat mir das ZDF großen Freiraum bei der Inszenierung eingeräumt und ich konnte meine Handschrift einbringen. Das war auch meine Grundbedingung, denn ich habe noch nie einen Film gedreht, wo ich einfach nur einen Job abgeliefert habe. 
  2010 dreht sie für Wüste Film für den NDR einen Musikfilm nach einem Buch von Ruth Toma. Der Grundplot könnte Kinopotential haben, aber Produzenten und Regisseurin befürchten, dass die Finanzierung eines solchen Projektes zu lange dauern könnte, um noch mit Musik-Legende Paul Kuhn drehen zu können. Der Orchesterleiter ist weit über 80 Jahre alt und soll sich selbst spielen in einem Drama um einen Popsänger, der in einer Reha-Klinik auf sein Idol trifft und dort beginnt, mit ihm gemeinsam zu musizieren.

Stand: Februar 2010
Autorin: Katharina Dockhorn