Die Schauspielerin Jutta Wachowiak besitzt eine herbe Anmut. Ihr Äußeres entspricht nicht den gängigen Darstellerinnen-Klischees. Vielleicht beginnt deshalb ihre Karriere auf der Theaterbühne und beim Film erst, als sie bereits 30 Jahre ist. Dann aber spielt sich Jutta Wachowiak in die erste Riege der Charakterdarstellerinnen der DDR, gehört durch ihre Wandlungsfähigkeit und Vielseitigkeit zu den bekanntesten Schauspielgesichtern des Landes. Einigen der wichtigsten DEFA-Filmen hat sie ihren Stempel aufgedrückt.
Jutta Wachowiak wird am 13. Dezember 1940 in Berlin geboren. Über ihre familiäre Herkunft ist derzeit nichts bekannt. Nachdem sie ihre Schulausbildung beendet hat, lernt sie den Beruf einer Sekretärin und Stenotypistin. Danach bewirbt sie sich an der Schauspielschule in Berlin und wird abgelehnt. An der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg hat sie Erfolg, von 1961 bis 1963 absolviert sie dort das Schauspielstudium.
Ein Engagement am Hans-Otto-Theater in Potsdam nimmt sie nach ihrem Studienabschluß wahr, Fünf Jahre bleibt sie an dem Theater, wo sie sich nicht besonders heimisch fühlt. 1968 geht sie an das Städtische Theater in Karl-Marx-Stadt. Sie arbeitet unter dem Talentförderer Gerhard Meier. Hier erwerbt sich die Schauspielerin ein umfangreiches Repertoire und gehört bald zu den angesehenen Darstellerinnen des Ensembles, unter anderem steht sie als Luise in "Kabale und Liebe" auf der Bühne. 1970 holt sie der Intendant Wolfgang Heinz ans Deutsche Theater nach Berlin. Anfang der 70er Jahre spielt sich Jutta Wachowiak mit der Sonja in Anton Tschechows "Onkel Wanja" in die erste Reihe der bekannten und wandlungsfähigen Charakterdarstellerinnen der Theaterszene. Die Schauspielerin gehört bis 2005 dem Ensemble an. Sie steht in Stücken von William Shakespeare, Gerhart Hauptmann und Ulrich Plenzdorf auf der Bühne, arbeitet mit den Regisseuren Wolfgang Heinz, Horst Schönemann, Thomas Langhoff und Friedo Solter zusammen.
Schon während ihrer Studienzeit erhält die Schauspielerin kleinere Rollen bei der DEFA und dem Fernsehen der DDR. Sie gilt als vielversprechendes Talent. Jutta Wachowiak debütiert vor der Kamera in dem Film AUF DER SONNENSEITE (1962) unter der Regie von Ralf Kirsten. In der Komödie, die den jungen Mimen Manfred Krug überaus populär macht, spielt sie eine Schauspielstudentin. Aber ähnlich wie auf der Theaterbühne will die Karriere beim Film nicht so richtig starten. Sie spielt Nebenrollen, zum Beispiel die Frau eines Studentenvertreters in der Komödie ACH, DU FRÖHLICHE... (1962) unter der Regie von Günter Reisch oder die Rolle einer sorgenden Geliebten in dem wichtigen Film DIE GLATZKOPFBANDE (1963) an der Seite von Ulrich Thein.
1968 erregt die Schauspielerin erstmal größere Aufmerksamkeit mit der Rolle der Partisanenführerin Babka in dem zweiteiligen TV-Film "Der Streit um den Sergeanten Grischa" (1968) nach dem Roman von Arnold Zweig und in der Regie von Helmut Schienmann. Danach werden die Talente von Jutta Wachowiak deutlicher in Szene gesetzt. In dem groß angelegten Filmepos um die Geschichte der Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack KLK AN PTX - DIE ROTE KAPELLE (1970) von Horst E. Brandt spielt sie Liberta Schulze-Boysen.
Zeitgleich mit ihrer Arbeit bei der DEFA beginnt die Schauspielerin auch für das Fernsehen der DDR zu arbeiten. Besonders die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Thomas Langhoff wirkt sich förderlich auf ihren Erfolg aus. Ihre erste gemeinsame Arbeit wird der TV-Film DIE FORELLE (1976). Sie spielt eine junge Frau, die ihr Leben und jenes ihrer zwei Kinder nach dem Unfalltod ihres Mannes neu einrichten muß. In der Folgezeit kommt es zu einer intensiven Arbeitsbeziehung zwischen Regisseur und Schauspielerin, Jutta Wachowiak wird in der zweiten Hälfte der 70er Jahre die wesentlichste Protagonistin von Thomas Langhoff. Es entstehen Filme aus Gegenwartsstoffen "Befragung - Anna O." (1977), "Guten Morgen, du Schöne" (1980) sowie Literaturadaptionen nach Theodor Fontane "Stine" (1979), "Muhme Mehle" (1980) oder "Stella - nach Goethe" (1982).
Gegen Ende der 70er Jahre erhält Jutta Wachowiak seitens der DEFA ihre anspruchsvollsten Rollen. In P.S. (1979) unter der Regie von Roland Gräf agiert sie als Bewährungshelferin Margot, Mitte 30, in die sich der 18jährige Peter aus dem Waisenhaus verliebt. Nach einer kurzen Zeit der Liebe, trennt sie sich von ihm. In Herrmann Zschoches Film GLÜCK IM HINTERHAUS (1980) nach dem Roman "Buridans Esel" von Günter de Bruyns spielt sie eine verlassene Ehefrau.
Als Hella Lindau in dem Film DIE VERLOBTE (1980) unter der Regie von Günter Reich und Günther Rücker überzeugt Jutta Wachowiak mit einer herausragenden schauspielerischen Leistung. Anfangs lehnt sie die Rolle aus Respekt ab, wird dann aber von den Regisseuren überzeugt. Erzählt wird die Geschichte der Kommunistin, die 10 Jahre in einem nationalsozialistischen Frauenzuchthaus verbringen muß. Als einzige Hoffnung auf eine Zukunft bleibt ihr die Liebe zu ihrem Verlobten. DIE VERLOBTE (1980) ist ein Film, der tief berührt, gerade durch seine einfache und gradlinige Struktur. Die Leistung von Jutta Wachowiak besteht unter anderem darin, die Gefühlswelten der Hella Lindau bemerkenswert erforscht zu haben; nie wirkt die Figur plakativ oder pathetisch. Hella Lindau ist überaus menschlich in einer unmenschlichen Umgebung. Mehrfach wird Jutta Wachowiak für ihre Darstellung ausgezeichnet.
Häufig arbeitet der Regisseur Roland Gräf mit der Schauspielerin. In dem Film MÄRKISCHE FORSCHUNGEN (1981), ebenfalls nach einem Stoff von Günter de Bruyn, gibt sie die Ehefrau des Landlehrer Pötsch, der sich auf den Spuren des vergessenen märkischen Dichter, Max von Schwedenow, bewegt und in die Mühlen von Bürokratie und Machtherrlichkeit gerät. In der Filmbiographie FALLADA – LETZTES KAPITEL (1988) spielt sie die Ehefrau des Schriftstellers Hans Fallada (gespielt von Jörg Gudzuhn). Sie betreut den Künstler in den Zeiten tiefster Depressionen, erträgt seine Aggressionen und seine Liaison mit dem Hausmädchen. Als er ein Verhältnis außerhalb des Hauses beginnt, läßt sie sich scheiden. In der Liebe zu dem Schriftsteller ist nichts duldsames, eher eine mütterlich-bergende Wärme. In HAUS AM FLUß (1986) spielt sie Mutter Voß, eine Frau umgeben von drei unterschiedlichen jungen Frauen, deren Männer an der Front sind und die vom Krieg und seinen Auswüchsen heimgesucht werden. In Ralf Kirstens historisch-biographischen Filmporträt KÄTHE KOLLWITZ - BILDER EINES LEBENS (1987) verkörpert Jutta Wachowiak die Malerin und Bildhauerin in ihren späteren Lebensjahren. Durch persönliches Leid findet die Künstlerin zu politischem Engagement.
Jutta Wachowiak gehört zu den Initiatorinnen der Demonstration am 04. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz, zu der 500.000 Menschen erscheinen und bei der sich ostdeutsche Intellektuelle für Veränderungen in der DDR einsetzen. Für ihr politisches Engagement ist die Schauspielerin 1993 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.
Immer seltener ist Jutta Wachowiak in Film und Fernsehen präsent. Sie konzentriert sich auf ihre Theaterarbeit. 1995 spielt sie in der Hans Fallada-Adaption "Der Trinker" (1995) an der Seite von Harald Juhnke. Sie spielt die Ehefrau des Getreidehändler Erwin Sommer, der sich dem Alkohol hingibt. Im gleichen Jahr agiert sie in dem Frank Beyer Zweiteiler "Nikolaikirche", der die Ereignisse der politischen Wende der DDR thematisiert. Der bisher letzte Kinofilm, in dem die Künstlerin zu sehen ist, ist ROSENSTRASSE (2003) von Margarethe von Trotta. Sie gibt eine jener deutschen Frauen, die um die Freilassung ihrer jüdischen Männer kämpfen.
Jutta Wachowiak hat zwei Töchter: Anja und Therese. Sie ist geschieden. Mit ihrem Lebenspartner, dem Schauspieler Thomas Neumann, lebt sie in Berlin.
zusammengestellt von Ines Walk (www.film-zeit.de)
Filmographie
- 2004 Hunger auf Leben
TV-Film, Darstellerin
- 2003 Rosenstraße
Darstellerin
- 2001 Zutaten für Träume
TV-Film, Darstellerin
- 2001 Das Staatsgeheimnis
TV-Film, Darstellerin
- 2000 Jahrestage,
4 Teile TV-Film, Darstellerin
- 1998 In aller Freundschaft
TV-Film, Darstellerin
- 1998 Der letzte Zeuge
TV-Film, Darstellerin
- 1996 Fremde Heimat
TV-Film, Darstellerin
- 1995 Der Trinker
TV-Film, Darstellerin
- 1995 Nikolaikirche,
2. Teile TV-Film, Darstellerin
- 1994 Geschlossene Akten, Reihe "Tatort"
TV-Film, Darstellerin
- 1992 Scheusal
Darstellerin
- 1990 Schlaraffenland
TV-Film, Darstellerin
- 1988 Fallada – Letztes Kapitel
Darstellerin
- 1987 Käthe Kollwitz – Bilder eines Lebens
Darstellerin
- 1987 Einzug ins Paradies,
6. Teile TV-Film, Darstellerin
- 1986 So viele Träume
Darstellerin
- 1986 Jorinde und Joringel
Darstellerin
- 1985 Das Haus am Fluß
Darstellerin
- 1984 Ab heute erwachsen
Darstellerin
- 1983 Verzeihung, sehen Sie Fußball?
Darstellerin
- 1982 Stella – nach Goethe
TV-Film, Darstellerin
- 1981 Märkische Forschungen
Darstellerin
- 1981 Furcht und Elend des Dritten Reiches,
2 Teile TV-Film, Darstellerin
- 1980 Glück im Hinterhaus
Darstellerin
- 1980 Die Verlobte
Darstellerin
- 1980 Muhme Mehle
TV-Film, Darstellerin
- 1980 Der Spiegel des großen Magus
Darstellerin
- 1980 Guten Morgen, du Schöne: Rosi – 36 Jahre
TV-Film, Darstellerin
- 1979 Stine
TV-Film, Darstellerin
- 1978 Sabine Wulff
Darstellerin
- 1978 P.S.
Darstellerin
- 1977 Tod und Auferstehung des Wilhelm Hausmann
TV-Film, Darstellerin
- 1977 Das Herz der Dinge
TV-Film, Darstellerin
- 1977 Befragung - Anna O.
TV-Film, Darstellerin
- 1976 Absage an Viktoria
TV-Film, Darstellerin
- 1976 Die Forelle
TV-Film, Darstellerin
- 1976 Der Kaukasische Kreidekreis
TV-Film, Darstellerin
- 1975 Blumen für den Mann im Mond
Darstellerin
- 1975 Bankett für Achilles
Darstellerin
- 1974 ...verdammt, ich bin erwachsen
Darstellerin
- 1973 Unterm Birnbaum
Darstellerin
- 1971 Anflug Alpha 1
Darstellerin
- 1971 Bürgschaften
TV-Film, Darstellerin
- 1970 KLX an PTX – Die rote Kapelle
Darstellerin
- 1970 Netzwerk
Darstellerin
- 1969 Seine Hoheit – Genosse Prinz
Darstellerin
- 1969 Sankt Urban
TV-Film, Darstellerin
- 1968 Krupp und Krause,
3 Teile TV-Film, Darstellerin
- 1968 Der Streit um den Sergeanten Grischa,
2 Teile TV-Film, Darstellerin
- 1966 Trick 17 B
TV-Film, Darstellerin
- 1966 Geheimkommando Bumerang
TV-Film, Darstellerin
- 1966 Exekution
HFF-Diplomfilm, Darstellerin
- 1965 König Drosselbart
Darstellerin
- 1965 Der Nachfolger
TV-Film, Darstellerin
- 1964 Die Mutter und das Schweigen,
2 Teile TV-Film, Darstellerin
- 1964 Mir nach, Canaillien
Darstellerin
- 1963 Die Glatzkopfbande
Darstellerin
- 1963 Engel, Sünden und Verkehr, 1. Schutzengel
Stacheltierproduktion, Darstellerin
- 1963 Es geht nicht ohne Liebe
TV-Film, Darstellerin
- 1963 Die Spur führt in den "Siebenten Himmel"
TV-Film, Darstellerin
- 1962 Ach, Du fröhliche
Darstellerin
- 1962 Altweibersommer
TV-Film, Darstellerin
- 1962 Der Fluch der bösen Tat
Kurzfilm, Darstellerin
- 1962 Auf der Sonnenseite
Darstellerin
Auszeichnungen
1971 KLK AN PTX - DIE ROTE KAPELLE
Kunstpreis des FDGB im Kollektiv
1979 DIE VERLOBTE
Kunstpreis der DDR
1980 DIE VERLOBTE
Nationalpreis I. Klasse im Kollektiv
Grand Prix auf dem Filmfest in Karlovy Vary
1982 DIE VERLOBTE
2. Nationales Spielfilmfestival der DDR: Schauspieler-Preis
1993 Bundesverdienstkreuz I. Klasse
Ausgewählte Literatur
Marlis Linke: Jutta Wachowiak, in: Renate Seydel (Hrsg.): Schauspieler, Berlin Henschel Verlag, 1974.
hdt: Als die "Forelle": Jutta Wachowiak, in: Leipziger Volkszeitung, 24./25.07.1976.
Ingeborg Pietzsch: Jutta Wachowiak, in: Renate Seydel (Hrsg.): Schauspieler. Berlin Henschel Verlag 1980.
Ingeborg Pietzsch: Sehnsucht nach dem Unmöglichen. Die Schauspielerin Jutta Wachowiak. Versuch eines Porträts, in: Film und Fernsehen, Nr. 10/1980.
Uwe Römhild: Jutta Wachowiak lädt ein, in: Filmspiegel, Nr. 03/1980.
Günther Rücker: Jutta Wachowiak, in: Sonntag, Nr. 37, 14.09.1980.
Rosemarie Rehahn: Jutta Wachowiak, in: Horst Knietzsch (Hrsg.): Prisma 12, Berlin Henschel Verlag 1981.
Henryk Goldberg: Zuschauer erwarten bewegte Beschäftigung mit der Gegenwart – Gespräch mit Jutta Wachowiak, in: Neues Deutschland, 23.09.1982.
Sibylle Wirsing: Blick in ein leuchtendes Gesicht – Die Schauspielerin Jutta Wachowiak, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.1984.
Klaus Pfützner: Als die Mauer fiel, da wusste ich: jetzt isses vorbei mit Umbauen und Weiterbauen – Im Gespräch mit Jutta Wachowiak, Schauspielerin am Deutschen Theater Berlin, über ihre Erinnerungen an den Herbst '89, in: Neues Deutschland, 04.11.1992.
Dieter H. Schubert: Live-Wife mit Shirley MacLaine vom Prenzl'berg, in: Neues Deutschland, 12.12.1992.
Ernst Schumacher: Jutta Wachowiak, Berliner Schauspielerin, in: Berliner Zeitung, 04.02.1993.
Günther Rücker: Jutta Wachowiak, in: Ralf Schenk (Hrsg.): Vor der Kamera - Fünfzig Schauspieler in Babelsberg, Henschel Verlag Berlin, 1995.
Detlef Friedrich: Jutta Wachowiak will ihr Verdienstkreuz zurückgeben, in: Berliner Zeitung, 14.03.1996.
Günther Görtz: Ein Brief, der ohne Antwort blieb – Warum Jutta Wachowiak ihr Bundesverdienstkreuz nicht behalten möchte, in: Neues Deutschland, 16.03.1996.
Ded: Kühe im Salon fliegen lassen, in: Der Tagesspiegel, 29.07.1999.
Günter Gaus: Routine steht mir nicht zur Verfügung - Interview, in: Freitag, 28.01.2000.
Sibylle Wirsing: Ihr ist kein Knochen gebrochen - Die Schauspielerin Jutta Wachowiak verkörpert 30 Jahre Theater, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2000.
Detlef Friedrich: Viel dazugelernt – Die Schauspielerin Jutta Wachowiak wird heute 60 und debütiert als Regisseurin, in: Berliner Zeitung, 13.12.2000.
Hans-Michael Bock, Hannelore Fischer: Jutta Wachowiak, in: cinegraph, Loseblattsammlung.