Stelmach, Irma-Kinga

Die Suche nach der eigenen Identität und dem Platz im Leben - dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das bislang noch schmale Oeuvre der Regiestudentin Irma-Kinga Stelmach. Mit ihren mehrfach ausgezeichneten Kurzfilmen und dem ersten Spielfilm „Preußisch Gangstar“ hat sie Achtungszeichen gesetzt, die sie zu einem der vielversprechendsten Talente des deutschen Films machen. Formal sucht sie nach einer eigenen Filmsprache, die die Grenzen der klassischen Dramaturgie sprengt und auf das dokumentarische Erzählen im Spielfilm setzt. Ihre Filme zeichnen sich durch hohe Authentizität bei der Beschreibung von Orten und der Beobachtung von Personen und deren Kultur aus. 

Irma-Kinga Stelmach wurde 1975 in der Ortschaft Boleslawiec geboren und wuchs in Zabkowice Slaskie in der Nähe von Wroclaw auf. 1989 siedelten ihre Eltern nach Augsburg über. Von der deutschen Sprache hatte sie nur in den Gesprächen ihrer Großmutter und Urgroßmutter, die Deutsch miteinander sprachen, einige Wörter aufgeschnappt. „Meine Oma und ich haben eine ähnliche Erfahrung gemacht: Sie lebte als Deutsche in Polen. Polnisch war für sie eine Fremdsprache, Deutsch ihre Muttersprache. Ich kam als Vierzehnjährige nach Deutschland. Polnisch ist meine Muttersprache, Deutsch eine Fremdsprache. Wenn sie mich in den 90er Jahren in Berlin besuchte, wollte sie endlich Deutsch sprechen und ich wieder Polnisch – also redeten wir oft beide in unserer Muttersprache.“

Nach dem Fachabitur in der Ausbildungsrichtung Gestaltung arbeite Irma-Kinga Stelmach ein Jahr als freie Künstlerin und besuchte verschiedene Kurse, die sie bekräftigten, ihr Hobby Malerei zum Beruf zu machen. Dann schaffte sie den Sprung an die Universität der Künste in Berlin, an der sie sich fünf Jahre mit der Malerei beschäftigte. Schon vor Abschluss des Studiums spürte sie, dass sie mit der abstrakten Ausdrucksweise der Malerei an einen Punkt kam, der sie nicht weiter brachte. Sie spürte das Bedürfnis, die Wirklichkeit und den Mensch genauer abzubilden.

In diese Periode der Selbstverständigung und der Suche nach einer ihren inhaltlichen Bedürfnissen entsprechenden Formsprache fiel das sich an das fünfjährige Studium anschließende Meisterstudienjahr, das sie an University of Illinois, department fine arts, in Chicago führte. In der „zweitgrößten polnischen Stadt der Welt“, in der die Auswanderer die Kultur ihrer einstigen Heimat noch heute intensiv pflegen, wurde für Irma-Kinga Stelmach die Suche nach der eigenen Identität wieder sehr präsent. Ihre Emotionen und Gedanken zu diesem Thema setzte sie in dem kurzen Videofilm „Kurowskis Shop“ um, in dem sie die Erfahrungen und Wünsche junger Amerikaner mit polnischem Background festhielt. Mit dem Film legte sie ihre Meisterprüfung ab und entdeckte zugleich die Möglichkeiten des Mediums Film. „Ich habe gemerkt, dass in ihm möglich war, wo ich in der Malerei Grenzen in der Ausdrucksweise verspürt habe.“

Noch während des Studiums bewarb sie sich an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Babelsberg, um das Handwerk des Filmemachens zu erlernen. Im ersten Anlauf fiel sie durch die praktische Prüfung, was sie im Nachhinein als Glücksfall empfindet. „Ich hatte die Intuition, wie ich auf Menschen zugehe und wie ich sie führen könnte. Annähern musste ich mich noch an das filmische Denken und das Handwerk, bevor ich beginnen konnte meine eigene Filmsprache zu entwickeln.“
Zur Vorbereitung auf den zweiten Anlauf drehte sie den Kurzfilm „Frohe Weihnachten“. 2002 begann sie dann ihr Regie-Studium in Babelsberg, das sie im kommenden Jahr abschließen wird. Ihre theoretische Abschlussarbeit „Film-Malerei“ wird die ästhetischen und inhaltlichen Parallelen in ihrer abstrakten Malerei und der Filmarbeit - dokumentarisch wie auch szenisch - beschreiben. Ihr Abschlussfilm wird sie zur Recherche im Herbst 2007 und zum Dreh im Frühjahr 2008 in ihren polnischen Heimatort führen. In fünf Porträts will sie für ihren essayistischen Dokumentarfilm, der wie ein Spielfilm wirken soll, die Träume, Sehnsüchte, Ziele und den Alltag von alten Klassenkameraden einfangen, wobei sie auch dem Themenkreis der Suche nach der eigenen Identität und Migration treu bleiben will.

In dem Spielfilmprojekt „Andrzej“ möchte sie einen polnischen Aussiedler nach Deutschland porträtieren, der nach der Krebserkrankung seiner Mutter nach Polen zurückkehrt und dort mit seiner Vergangenheit, der polnischen Realität und seinem Leben in Deutschland konfrontiert wird. Zwei Monate lang hat Irma-Kinga Stelmach in Polen recherchiert. Außerdem stützt sich der Film auf Recherchen zu dem Projekt „Spätaussiedler“, für das sie 2005 eine Reihe von Interviews mit in Deutschland lebenden polnischen Emigranten zu ihren Erfahrungen, ihrer Situation und ihren Perspektiven führte. Ihre Träume von der Verbesserung des materiellen Lebens haben sich erfüllt, aber: „Nur die Minderheit hat eine Wertschätzung für ihre im Herkunftsland ausgeübten Berufe und ihre fachliche Kompetenz erfahren. In der Arbeitslosigkeit geht das Selbstwertgefühl dann ganz verloren. Einige Aussiedler überlegen zurück zu kehren, allerdings finden sie sich in der polnischen Realität nicht mehr zu Recht und werden als Fremde betrachtet. Sie fühlen sich weder in ihrem Herkunftsland noch in der neu gewählten Heimat zu Hause. Das Gefühl versagt zu haben, des Fremdseins und der unzureichenden Selbstverwirklichung wird übermächtig, ohne dass sie es zugeben würden, und führt zu Minderwertigkeitskomplexen oder sogar zu depressiven Störungen. Das Klagen über die eigene Lebenssituation ist nicht erlaubt, da sie selbst die Wahl getroffen haben. Sowohl in Polen als auch in Deutschland finden sie kaum Verständnis dafür.“

Innerhalb des Studiums entstehen der kurze Dokumentarfilm „Jubilate“ (2004), die szenische Arbeit „halt.mich.los“ (2005), die Genreübung „Afterhour“ (2006) und als Sonderprojekt „Preußisch Gangstar“ (2007) in Kooperation mit dem polnischstämmigen Regisseur Bartosz Werner. Außerdem unterstützte Irma-Kinga Stelmach Robert Thalheim bei der deutsch-polnischen Co-Produktion „Am Ende kommen Touristen“ als Regieassistentin beim Dreh in Oswiecim.

Die Idee zu der Studie der Beziehung zwischen Mutter und Tochter für Jubilate, in der sich nach einer schweren Erkrankung der Älteren die traditionellen Rollenmuster umkehren und die Mutter zum Pflegefall und damit zum abhängigen Kind der Tochter wird, wurde von zwei persönlichen Erfahrungen der Regiestudentin inspiriert. Zum einen musste sie selbst erleben, dass die geistigen Fähigkeiten ihrer Großmutter durch die Erkrankung an einem Gehirntumor von einem Tag auf den anderen erheblich eingeschränkt wurden, was für sie schwer zu akzeptieren war. Bei einem Freund wurde sie zum anderen durch ein Schwarzweißbild auf dessen Großmutter aufmerksam, die demenzkrank war. Das Foto machte sie neugierig. Sie begleitete den jungen Mann bei den regelmäßigen Besuchen der alten Dame, war dort von deren ungeheurer Würde und Präsenz beeindruckt und auch von dem innigen Verhältnis, das deren Tochter zu ihr hatte. Dies fing sie mit der Kamera ein, wobei „es mir wichtig war, nicht die Krankheit auszustellen oder jemanden zu denunzieren, sondern die Balance zu finden zwischen der Tragik der Situation, die ich nicht verschweigen wollte, der Trauer der Angehörigen, aber auch den heiteren Momenten.“

Das Drehbuch zu „halt.mich.los“ wurde Irma-Kinga Stelmach von der Autorin Arzu Özer angeboten. In der Zustandsbeschreibung einer passiv gezeichneten jungen Frau, die ihre widerstreitenden Gefühle angesichts der Entscheidung aus Berlin wegzugehen in der letzten Nacht in Berlin in einem wilden Aktionismus in den Griff zu kriegen versucht, fand die Studentin auch eigene Emotionen wieder. „Sie sucht Nähe, die Nähe zu anderen Menschen, um ihre Sehnsucht danach zu erfüllen, hat aber zugleich Angst, andere Menschen zu nahe an sich herankommen zu lassen. Sie hat auch Angst vor der Verantwortung. Die daraus resultierende Einsamkeit macht ihr ebenso wie die Schnelllebigkeit und die Oberflächlichkeit von Beziehungen wieder Angst“.

Abschließend wollte sie sich in einer weiteren Filmübung ausprobieren. Bei einem Pitching fand Irma-Kinga Stelmach die Vorlage für das Porträt einer Clique von drei Jungen und einem Mädchen. Während die drei Männer ihre Aggressivität nach außen kehren und Gewalt gegen Dritte ausüben, richtet sich die Aggression der jungen Frau gegen sich selbst. „Mich interessierte das Verhältnis zwischen äußerer und innerer Gewalt. Zudem war es ein Versuch, gegen gängige Erzählmuster zu inszenieren, einen passiven Zustand im Stil des Film Noir zu beschreiben und das Ende offen zu lassen. Heute weiß ich, dass das Konzept nicht voll aufging und vieles Behauptung blieb.“ 

Die Recherchen zu dem Film waren der Anfang zu ihrem ersten Spielfilm „Preußisch Gangstar“. Bei der Suche nach Laiendarstellern stieß sie in Buckow auf Robert Ohde, Benjamin Succow und Mario Knofe. Bei ihren Besuchen merkte sie schnell, dass sie ihre Einsamkeit, Unsicherheit und Haltlosigkeit hinter coolen Sprüchen verstecken, dass sie ihre Träume und Sehnsüchte aber kaum artikulieren können. Ein Jahr lang hat sie dann gemeinsam mit Bartosz Werner, der ebenfalls an der HFF Regie studiert hat und mit dem Film sein Diplom machte, vor Ort in Buckow recherchiert. In Improvisationsübungen mit den drei Jungs und ihren Mitschülern schälten sich die Charaktere und die Rollen heraus, die jedem aus dem Trio nach seinen Vorlieben und Eigenheiten auf den Leib geschrieben wurden. „Sie spielen sich nicht selbst, aber der Bezug zu ihrem eigenen Leben war wichtig. Insgesamt bilden die drei Charaktere aber die Facetten eines Zustands in dem Schritt ins Erwachsenwerden, der Erkenntnis die Verantwortung für sich selbst übernehmen zu müssen.“

Im Zentrum des Films stehen drei Jugendliche aus der brandenburgischen Provinz. Hinter der Figur des Nico steht Robert Ohde, dessen Hip-Hop den Ton des Films mit prägt. „Es hat mich berührt als ich merkte, dass die Texte des Sprechgesangs für ihn die einzige Möglichkeit sind, mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Und wie seine Filmfigur versucht auch er, sich seinen Traum zu erfüllen und einen Weg in die Kunst zu finden.“ In seiner Musik bringt er die Suche nach Nähe und Halt zum Ausdruck – seine Mutter kann ihm dies nicht geben. Die Verletzung durch ihre Zurückweisung kann er nicht in geordnete Bahnen lenken. Seine Verzweiflung und Wut lässt er gewaltsam an Unschuldigen aus, die ihm zufällig begegnen. 

Einer seiner besten Freunde ist Tino (Benjamin Succow), der Konflikte mit dem Elternhaus hat. Er hat eine sehr enge Beziehung zu seinen Eltern, will aber die Erwartungen seiner Mutter nicht erfüllen und seinen Weg gehen. In diesem Abnabelungsprozess sucht er Halt in der Clique. Oli (Mario Knofe) ist sich dagegen schon bewusst, dass die Zeit der Jugend langsam zu Ende geht. Er macht Pläne für seine Zukunft, hat aber auch Ängste ob er die an sich selbst gestellten Erwartungen erfüllen kann. Die Beziehung zu seiner Freundin ist ihm wichtig, er scheut aber die Verantwortung für ein Kind. Er drängt sie zu einer Abtreibung, wodurch sie sich natürlich alleine gelassen fühlt.

Gewalt und Drogenkonsum werden im Film thematisiert, aber nie vordergründig ausgestellt. „Drogen gehören zu Realität in solchen Cliquen, daher darf man sie nicht ausblenden.“ Im Vordergrund steht die Beschreibung des inneren Zustands der Hauptfiguren, deren genaue Charakterisierung über Kleidung, Verhaltensmuster und Sprache, mit der sie sich auch von ihrer Umgebung abkapseln und das Gruppengefühl unterstreichen wollen. Diese Beschreibung der Interaktion mit ihrer unmittelbaren Umgebung sowie der kleinbürgerlich-kleinstädtischen Atmosphäre, in der die drei aufwachsen, ist eine der großen Stärken des Films. Obwohl die Szenen inszeniert sind, wirken sie dokumentarisch. „Ich wollte diesen künstlerischen Weg ausprobieren. Nach dem Dreh war der Schnitt das Schwierigste. Nach dem Vorbild von Antonioni wollten wir den Zuschauer nicht von Szene zu Szene mit verschiedenen Emotionen konfrontieren, sondern die Emotionen halten.“
Der italienische Regisseur gehört neben Ingmar Bergmann, Krzysztof Kieslowski, Agnes Varda zu den Vorbildern von Irma-Kinga Stelmach. Konsequent will sie ihren eigenen Weg suchen und sich nicht generell zwischen der Regie für Dokumentar- und Spielfilmen entscheiden – je nach Thema wählt sie die Form. Doch inhaltlich lässt sie ein Thema nicht los. Für ihre nächsten beiden Projekte kehrt sie wieder nach Polen zurück.   
 
Stand: August 2007
Autorin: Katharina Dockhorn