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„Solo Sunny“, die Dokumentarfilme von Jürgen Boettcher und die Filme von anderen Regisseuren der DEFA und aus Frankreich, die während der DDR- und französischen Filmtage in Tübingen gezeigt wurden, haben Tamara Staudt in den 80er Jahren beeindruckt. „Ich war begeistert, dass ein Film über Rangierer wie der von Jürgen Boettcher so fesseln kann. Solche Filme fand man im Westen nicht.“
In der Tradition des DEFA-Gegenwartsfilms steht das Schaffen von Tamara Staudt, deren Filme sich durch die genaue Beobachtung der sozialen Wirklichkeit und hohe Authentizität auszeichnen. In ihren Filmen taucht sie in Arbeitswelten ein, die heute ganz auf der Leinwand fehlen oder wie die Alpen eher Kulisse für kitschige Fernsehfilme sind. Im Zentrum des Geschehens bleiben in ihren Geschichten immer die vielschichtigen Figuren, die durch neue, ungewöhnliche Erfahrungen einen Perspektivwechsel durchleben, an dem sie reifen und wachsen.
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Tamara Staudt wird 1965 in Göppingen geboren und wächst in Baden-Württemberg auf. Sie entscheidet sich gegen das Abitur, „weil ich was mit den Händen machen wollte“. Vor der Berufsausbildung geht sie für ein Austauschjahr nach Brasilien. Sie absolviert eine Schreinerlehre in Tübingen und geht für ihre Gesellenzeit für ein Jahr nach Zürich und an das Landestheater in Tübingen. 1985 legt sie in Stuttgart die Meisterprüfung ab. „Ich bin froh, dass ich nicht den herkömmlichen Weg über das Gymnasium gewählt habe. Der Schreinerberuf war damals nicht nur ein Sammelbecken für intellektuelle Aussteiger. Ich musste mich auch unter lauter alten Herren bewähren, dabei habe ich viel gelernt fürs Leben und habe keine Berührungsängste. Das kommt mir beim Filmemachen zugute.“
Auf dem 2. Bildungsweg erwirbt sie über das Tele Kolleg die Fachhochschulreife. Mit diesem Abschluss steht ihr unter den Filmhochschulen der BRD nur die dffb offen. „Ich habe immer gerne geschrieben, wollte Geschichten erzählen und empfinde die Regie wie den Bau eines Schrankes. Alle Einzelteile müssen genau passen. Die Ausbildung war damals auch noch handwerklicher ausgerichtet, während die Studenten heute einen breiteren theoretischen Hintergrund vermittelt bekommen.“
Beim ersten Anlauf wird sie 1988 in Berlin angenommen. „Ein zweites Mal hätte ich es nicht probiert. Dann wäre ich Architektin geworden.“ Ihr erster Film ist 1989 „Beim Dienst“. Ein Jahr später gewinnt sie das Babelsberger Studentenfilmfestival mit „Wenn d`Maschin lauft“, einem 48-minütigen Dokumentarfilm über zwei Schwestern, die ein Sägewerk auf der Schwäbischen Alb betreiben. In „Zweitausendundeins“ fängt die Regisseurin 1991 die Zukunftspläne und Visionen ihrer Freunde aus Tübingen ein, die zu einer Langzeitstudie ausgebaut werden können.
„An die Arbeit mit Schauspielern und den Spielfilm habe ich mich langsam herangetastet.“ Vom Studium wird Tamara Staudt ein Jahr beurlaubt, um für das Kleine Fernsehspiel des ZDF 1991 das Coming-of-Age-Drama „Bis Montagmorgen“ zu drehen. Die Vorlage des Roadmovies über zwei Frauen, die zur Küste wollen, verlegt sie nach der Öffnung der Mauer aus dem Zonenrandgebiet an die A96. Die Hauptrollen besetzt die Regisseurin mit Laien und Schauspielern aus der Off-Theater-Szene.
Neben der theoretischen Wissensaneignung, die sie als Stipendiatin an der Berliner Drehbuchwerkstatt 1991 anreichert, sammelt Tamara Staudt weitere praktische Erfahrungen als Kameraassistentin und Tonfrau im Bereich Aktuelles des ZDF. Außerdem beginnt sie als freie Drehbuchautorin zu arbeiten. Von 1993 bis 2005 schreibt sie Episoden des SWR-Serie „Die Fallers“ über eine Bauernfamilie aus dem Schwarzwald. „Das hat mir neben der Arbeit für `Hundert deutsche Jahre` den Lebensunterhalt gesichert.“ Für die in der ARD ausgestrahlten Geschichtsdokumentationen des SWR recherchiert Tamara Staudt 1995 bis 2000 in Archiven und sucht Zeitzeugen. Der von ihr gewünschte Einstieg in die Regie gelingt nicht.
1994 beendet sie das Studium mit dem Kurzfilm „Samstags“ über ein Mädchen und einen Jungen, die am Tag ihrer ersten Beichte von älteren Jugendlichen zum ersten Kuss genötigt werden und ihre Unschuld verlieren. Die junge Filmemacherin schreibt Bücher mit Matl Findel (Alle Zeit der Welt), Jan Ralske (Moskau-Berlin) und anderen Kollegen. Ihre eigenen Projekte bleiben nach ersten positiven Reaktionen in den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern meist in der Schublade. „Ich wundere mich manchmal selber, dass ich noch Filme mache. Mit der gleichen Energie, die ich in meine Arbeit stecke, wäre ich als Medizinerin beinahe Chefärztin an der Charité.“
Innerhalb des Nachwuchsprogramm Sixpack der Filmstiftung NRW und des WDR kann Tamara Staudt mit „Swetlana“ 1999 ihren zweiten langen Spielfilm inszenieren, der auch ins Kino kommt, in vielen Filmklubs und innerhalb der Programme zur Integration von Ausländern läuft. Nach einem Drehbuch von Ulrike Maria Hund porträtiert sie die 16-jährige, aus Kasachstan stammende Russlanddeutsche Swetlana. Duisburg ist für die Aussiedlerin im Gegensatz zu ihren Eltern nicht die Erfüllung ihrer Träume und Sehnsüchte. Ihr Freund scheitert in Deutschland und der Friede mit ihrem strengen Vater ist endgültig dahin als sich die Teenagerin in einen Marokkaner verliebt.
Tamara Staudt besetzt die Hauptrolle mit Marina Podlich, die keine Schauspielausbildung hat. Andere Schauspieler findet sie in Moskau und am Russlanddeutschen Theater in Alma-Ata. Die Kritiken loben an dem Drama um den Selbstfindungsprozess die Authentizität, den feinfühligen Einblick in die gesellschaftliche Wirklichkeit, die Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz einer multikulturellen Gesellschaft nicht verschweigt.
Die folgenden Jahre sind für Tamara Staudt von der Suche nach dem eigenen Platz geprägt. 2000 beginnt sie eine Mediationsausbildung beim Deutschen Entwicklungsdienst, um für zwei Jahre nach Afrika zu gehen. Sie lernt ihren Mann kennen und bleibt in Berlin. 2001 geht sie dann nach Los Angeles, wo sie als Stipendiatin der Villa Aurora den Dokumentarfilm „American Dream“ dreht. Die beiden folgenden Jahre arbeitet sie nach einer weiteren Ausbildung als Sennerin. Sie wird sogar Käsekaiserin von Lenk.
Das Jahr 2005 ist geprägt von der Weiterbildung im Drehbuchseminar von Moonstone International und dem Beginn von Lehrtätigkeiten in den Fächern Dramaturgie und Regie. Zugleich entwickelt die Filmemacherin aus ihren Erfahrungen in den Schweizer Bergen für Roman Paul, Razor Film, Senator Filmproduktion und die schweizerische Firma Dschoint Venture das Buch für „Nur einen Sommer“. Als Dramaturgen konnte sie Wolfgang Kohlhaase gewinnen. Hinter der Kamera steht Michael Hammon, den sie an der dffb schätzen gelernt hat.
Mehrfach muss der Dreh wegen Problemen mit der Finanzierung verschoben werden. Im Sommer 2006 spielt dann Staudts Wunschkandidatin Anna Loos die Hauptrolle in dem romantischen Drama, in dem die pragmatische Arbeitslose Eva aus einem Plattenviertel in Eberswalde auf eine einsame Alm in den Berner Bergen vermittelt wird, um als Melkerin 40 Milchkühe zu betreuen. Mit ihrem Stehvermögen erwirbt sie sich die Anerkennung des zunächst sehr skeptischen Senns Daniel. Und auch privat findet der Eigenbrötler Gefallen an der jungen Frau, auf die auch der Mazedonier Mehmed ein Auge geworfen hat. Er träumt davon, eines Tages eine Deutsche zu heiraten. Und dann ist da noch Evas Freund, der überraschend anreist und sofort eifersüchtig reagiert.
Wieder gelingt es der Filmemacherin, ihre Stärken auszuspielen. Mit nur wenigen Szenen macht sie die Motivation Evas deutlich wie Tausende Ostdeutsche fort zu gehen und sich in der Fremde zu behaupten. Der Weg ist steinig, aber er lohnt sich. Nach der Premiere beim Filmfestival von Saarbrücken wird der Film 2008 im Kino starten.
Gegenwärtig arbeitet Tamara Staudt an mehreren Drehbüchern, darunter wieder ein deutsch-russisches Projekt. Sie recherchiert für die Geschichte einer Balletttruppe aus Dresden, die den Fall der Mauer im Zug nach Kiew erlebt und dabei auch mit Westdeutschen konfrontiert wird. Die Liebe zur russischen Kultur ist bei der Künstlerin auch durch die Liebe zu ihrem Mann geweckt worden, mit dem sie in Berlin lebt.
Stand: April 2008
Autorin: Katharina Dockhorn