Schwochow, Christian

Die deutsch-deutsche Teilung hat das Leben von Christian Schwochow nachhaltig beeinflusst, was auch sein Debüt, die mehrfach preisgekrönte Familiengeschichte „Novemberkind“ widerspiegelt. „Ich musste für diesen Film nicht in fremde Welten abtauchen, sondern kann auf das, was ich in mir trage und auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen. Autobiographisch ist der Film aber nicht.,“ schränkt der in Berlin lebende Filmemacher ein.

Mit seinem Diplomfilm „Novemberkind“ hat er sich in die erste Reihe der deutschen Spielfilmregisseure katapultiert. Der Dokumentarfilm bleibt ihm jedoch ebenso wichtig. „Am Spielfilm hängt mein Herz. Ich drehe sehr gerne und liebe es, mit einem Kameramann irgendwo draußen zu stehen und den Beruf auch physisch auszuüben. Die Entwicklung eines Spielfilms spielt sich jedoch vor allem im Kopf ab. Es ist eine sehr theoretische Arbeit. Daher ist es toll auch dokumentarisch zu arbeiten, um auch etwas über das Leben zu lernen. Die dokumentarische Arbeit ermöglicht mir Zugang zu Menschen, denen ich sonst vermutlich nie begegnen würde.“

Sein Lieblingsregisseur ist Federico Fellini. „Ich liebe seine Phantasie, seine Klugheit und seinen Mut, Dinge auszuprobieren, bei denen man ihm heute sicher sagen würde, das kann so nicht funktionieren. Er gehört für mich zu den Menschen, die ich besonders achte: Die an sich glauben und ihren eigenen Weg gehen. Das versuche ich auch und wenn ich auf alle gehört hätte, die mich vor den Schwierigkeiten im Entstehungsprozess von `Novemberkind` gewarnt haben, wäre der Film nicht so geworden.“

Christian Schwochow wird 1978 in Bergen auf der Insel Rügen geboren. Er wächst in Leipzig und Berlin auf, wo er als Sprecher bei Hörspielen des Rundfunks der DDR mitwirkt, wo seine Eltern beschäftigt sind. Sein Onkel Siegfried Hartmann inszeniert bei der DEFA Kinderfilme. „Der Beruf der Eltern prägt einen auf jeden Fall, bei uns zu Hause ging es ständig um Geschichten und ich hatte ein sehr kreatives Umfeld, so dass ich früh angefangen habe zu zeichnen, Musik zu machen und zu fotografieren.“

Seine Eltern gehören zur Oppositionsbewegung der DDR „Ihnen ging es um Veränderungen, nicht um Deutschland einig Vaterland“. Trotzdem stellen sie einen Ausreiseantrag. „Flucht, Weggehen und das Nichtankommenkönnen waren immer Themen in unserer Familie. Durch die Diskussionen war ich als Kind auch stark politisiert. Diese Erfahrung wird mich und ich hoffe auch viele aus meiner Generation nicht loslassen.“

Im Herbst 1989 zieht die Familie nach Hannover, wo Christian Schwochow das Abitur baut. Neben dem Gymnasium leitet er das Jugendmagazin „Shot“. „Auch wenn es ein bisschen schizophren klingt, hat sich meine Ost-Identität durch die Unwissenheit und die falschen Bilder, die meine Mitschüler von der DDR hatten, sowie durch den Druck, dass wir doch dankbar sein müssten, eher gefestigt. Daher kann ich auch ein wenig das heutige Bedürfnis vieler DDR-Bürger verstehen, sich ihre Insel zurückzuerobern – auch wenn ich dieses Bedürfnis nicht teile.“

Zwei Tage nach dem Abschlusszeugnis zieht es ihn zurück nach Berlin, wohin ihm seine Eltern bald folgen. Den Zivildienst leistet er neben einer zweijährigen Tätigkeit bei Radiosendern. Sein Berufswunsch ist jedoch klar umrissen: Er will auf eine der deutschen Filmhochschulen, weil der Film für ihn alle kreativen Metiers vereint. Der erste Anlauf scheitert auch an praktischen Erfahrungen. Er volontiert bei Tita van Hardenbergs TV-Produktionsfirma. Drei Jahre bleibt er dort, zunächst als Reporter bei „Polylux“. Er ist erfolgreich, doch dann kommen die Zweifel: „Ich hatte Spaß Dinge und Menschen vor die Kamera zu holen, die andere nicht kriegten. Oft habe ich dabei auf die Menschen nicht besonders liebevoll geguckt und Ironie war bei jedem Thema meine Grundhaltung. Zunächst haben mich Kollegen gefragt, ob ich nicht manchmal zu weit gehe, was ich später selbst so gesehen habe. Der Reiz sich lustig zu machen, hatte sich verbraucht. Ich wollte ernsthaftere Themen und Geschichten.“ Bei Produktionen für Arte findet er seine Nische. Es entstehen die Reportage „Unser Kreuz braucht keine Haken“, 2002 für die ARD, sowie die Kurzspielfilme „Straßenschlacht“ und „Schneewittchen ist tot, beide 2002.

Die Zweifel, wie weit er am Set gehen kann, um aus den Schauspielern die gewünschten Emotionen herauszulocken, hat Christian Schwochow nicht verloren. In Ludwigsburg wird er 2002 immatrikuliert. Als erste Regieübungen dreht er „Gruppenkorrektur“, zusammen mit M. Schwelm, 2002, in dem er mit sechs jungen Leuten vor der Kamera dem gruppendynamischen Prozess in einer Sekte auf den Grund kommen will. Anschließend entsteht die Regieübung „Crazy Carina Rock`n Roll“, 2003. Im Zentrum der kleinen Komödie steht ein Mädchen, das seine Unschuld verloren hat. Durch die Entdeckung der eigenen Sexualität bringt sie das eingerostete Leben ihrer Eltern wieder auf Trab.

Im selben Jahr beginnt Christian Schwochow für Arte seinen ersten langen Dokumentarfilm, für den ihn die Hochschule nach langem Ringen freistellt. Der Sender schickt sieben junge Reporter aus der EU mit einem Bus auf eine Reise durch 15 Länder, wo sie 25 kleine Filme drehen. Aus dem Material und bereichert durch seine Erlebnisse vor und hinter der Kamera schneidet Christian Schwochow dann den Dokumentarfilm „Soapstar“.

Sein Ziel bleibt jedoch der Spielfilm und er hat Angst, nach dem 2. Studienjahr nicht in die Regieklasse aufgenommen zu werden. Er schafft den Sprung, vor allem durch den fellinihaften Märchenfilm „Der große Franz“ um einen großen, schweren Clown, der von einem Liliputaner unterdrückt wird und sich von ihm befreit. Es folgt ein Jahr später „Tantalus“, ein Kurzfilm für Arte. Winfried Glatzeder spielt darin einen Mann, der unter seiner dominanten Frau leidet. Auch er befreit sich. „Ich weiß nicht, woher meine Vorliebe für dieses Thema stammt,“ bekennt Christian Schwochow zum Vergleich der Werke.

Mit „Marta und der fliegende Großvater“ inszeniert er im 3. Studienjahr einen 60mintigen Kinderfilm. Die Geschichte eines Mädchens, das in seinen Ferien versucht seinen kranken Großvater zu kurieren und doch von ihm Abschied nehmen muss, findet weltweit Beachtung, was Schwochow den Rücken stärkt. „Es ist wichtig zu merken, wenn einem etwas gelungen ist. Nach Marta` hatte ich keine Angst mehr vor meinem nächsten Film.“

Neben dem Studium inszeniert und produziert Christian Schwochow diverse Trailer, Imagefilme und Spots für Unternehmen wie Bertelsmann, Ver.di, Lidl, sowie ARTE, ARD, MTV und VIVA. Fr das ZDF dreht er das Dokudrama „Jäger verlorener Schätze: Der Jahrhundertraub von Quedlinburg“ um das Schicksal des 1945 von einem amerikanischen Soldaten nach Texas geschmuggelten Domschatz, der Anfang der 90er Jahre wieder auftauchte und heute nach umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen wieder in der Harzmetropole zu sehen ist.

Nach Ende des 3. Studienjahrs zieht Christian Schwochow zurück nach Berlin. Er schreibt das Drehbuch für „Novemberkind“ - wie schon für „Marta und der fliegende Großvater“ - gemeinsam mit seiner Mutter. „Das Schicksal der von ihren Eltern in der DDR zurückgelassenen Kinder war in den ersten Jahren nach dem Mauerfall in allen Medien präsent. Wir haben lange überlegt, wie wir uns ihm annähern können, wann wir Grenzen überschreiten und wie wir unserer Verantwortung für die Gefühle der heute Erwachsenen gerecht werden können.“

Im Zentrum des Films steht Inga, geboren 1980, Bibliothekarin im mecklenburgischen Malchow. Sie wächst bei ihren Großeltern in dem Glauben auf, ihre Mutter sei in der Ostsee ertrunken und der Vater unbekannt. Aus ihrer Ruhe wird sie von dem Literaturprofessor Robert gerissen, der plötzlich und nicht ganz uneigennützig auftaucht und sie mit der Nachricht konfrontiert, ihre Mutter aus Konstanz am Bodensee zu kennen. Inga konfrontiert ihre Großeltern und ihre Umgebung mit dem Fakt und trifft auf eine langsam fallende Mauer des Schweigens, hinter der sich Schuldgefühle und Ängste verbergen. Offensichtlich ist ihre Mutter mit ihrer großen Liebe, einem jungen russischen Soldaten, den sie heimlich versteckt hatte, in den Westen geflohen. Aber warum hat sie ihr Baby nicht mitgenommen? Inga sucht Antworten auf diese Frage und findet sie gemeinsam mit Robert im Süden Deutschlands.

Anna-Maria Mühe wurde die Doppelrolle von Inga und ihrer Mutter auf den Leib geschrieben. Christine Schorn und Hermann Beyer spielen ihre Großeltern. „Der Ort, die Landschaft und die Mentalität der Menschen spielen eine große Rolle, daher habe ich Ostdeutsche besetzt.“

Der Film um einen schmerzvollen Selbstfindungsprozess im Kontext deutsch-deutscher Geschichte ist emotional, aber nie sentimental. Er überzeugt durch das sehr genaue Spiel der Schauspieler, bei denen jede Geste und jeder Ton bei der Auseinandersetzung mit eigenen Haltungen, mit Ängsten, Schuld und Verdrängung stimmen. Aber vor allem durch seine von klug eingebauten Rückblenden bestimmte Dramaturgie und dem Spannungsbogen, mit dem die Suche von Inga nach der Wahrheit aufgebaut wird. Auch wenn der Film zunächst Robert folgt, bleibt seine Figur doch so geheimnisvoll, dass die Zuschauer gemeinsam mit Inga wie in einem Puzzle die Geheimnisse ihrer Herkunft und des Schicksals ihrer Mutter lüften.

Nach der Uraufführung von „Novemberkind“ in Saarbrücken interessieren sich viele Produzenten für das Ausnahmetalent. Unter den Angeboten hat ihn eine Geschichte von Alexander Osang so gefesselt, dass er sie verfilmen will. Sie führt nach Südamerika, wo Schwochow Anfang 2009 vor Ort recherchiert hat. Der SWR bietet Christian Schwochow die weitere Zusammenarbeit in der Reihe „Debüt Special“ an. Gemeinsam mit seiner Mutter schreibt er nach eigener Idee das Drehbuch für die teamWorx-Produktion“ DA CAPO AL FINE“. Für Ö-Film entwickeln sie „Lagerfeuer“ nach dem Roman von Julia Franck. „Die gemeinsame Arbeit ist schwieriger geworden, weil wir auch einen gewissen Druck verspüren. Ich will mich davon nicht anstecken lassen, denn Angst ist der größte Feind der Kreativität“

 

Von: Katharina Dockhorn
Stand: März 2009