Mit zwei Dokumentarfilmen über seine Heimat im Mansfelder Land hat sich Mario Schneider schnell einen Namen in der deutschen Filmszene gemacht. In beiden Filmen ist er sehr nahe an den Menschen und den Kommunikationsstrukturen in ihren Familien, die kulturell, sprachlich und ökonomisch in der jahrhundertelang vom Bergbau geprägten Landschaft verwurzelt sind. Das macht seine Porträts im besten Sinne des Wortes zu Heimatfilmen. Sie suchen das Besondere und Individuelle in den Biografien, zeigen jedoch Probleme des Umgangs von Vätern und Müttern mit ihren erwachsenen Söhnen auf, die universell sind.
Mario Schneider wird 1970 in Helbra, Bezirk Halle, heute Sachsen-Anhalt geboren. Nach dem Abschluss der zehnten Klasse macht er eine Ausbildung zum Metallurgen für Hüttentechnik in der nahe gelegenen Kupferhütte. Gleichzeitig legt er das Abitur ab.
Er verpflichtet sich als Offizier auf Zeit für vier Jahre, auch, weil sein Vater von der Armee schwärmt. Nach wenigen Tagen wird ihm bewusst, dass er eine Fehlentscheidung getroffen hat. Er bemüht sich auszuscheiden, in dem er körperliche und psychische Gebrechen vortäuscht. „Ich habe nicht gewusst, worauf ich mich einlasse, da ich mich kaum um die Umstände in der DDR gekümmert habe. Die Stasi hat mich nicht betroffen. Erst bei der Armee habe ich gemerkt, wie das System funktioniert. Jeglicher Individualismus war verpönt.“
Ohne die Wende 1989 hätte er auf seinem weiteren Berufsweg Probleme gehabt, auch das wird ihm erst im Nachhinein klar. „Es war aber gut, dass ich diesen eigenen Weg gegangen bin, denn die Erfahrung hat mir geholfen, heute konsequent Entscheidungen anzugehen.“ Seine Erlebnisse lässt er in sein zweites Drehbuch für einen Spielfilm einfließen, das er momentan schreibt.
Nach seiner Entlassung aus der NVA arbeitet er ein Jahr im Martin-Luther-Haus in Eisleben, wo er Besuchergruppen durch die Ausstellung zum Leben des Reformators führt. Anschließend studiert er zwei Jahre an der Martin-Luther-Universität in Halle Musik, Kunstgeschichte und Philosophie, bevor er an die Musikhochschule Leipzig wechselt, wo er sich für klassische Komposition und Klavier einschreibt. Für Inszenierungen des Neuen Theaters in Halle, aber vor allem für das dortige Puppentheater, entstehen erste Kompositionen. Außerdem kann er erste Erfahrungen bei eigenen Regiearbeiten sammeln. „Ich habe damals viel gelernt über Schauspieler und Schauspielführung.“
Sein Interesse für die Kombination von Musik und Bildern führt ihn nach München, wo er bei Harald Faltenmeier ein Praktikum absolviert. Schneider arbeitet am Score für „Der König von St. Pauli“ mit. Daraus wird eine langfristige Zusammenarbeit, für die Mario Schneider in die bayerische Hauptstadt umzieht und sich zwei Jahre an der Musikhochschule auf Kompositionen für den Film spezialisiert.
Mit der Musik bestreitet er bis heute seinen Lebensunterhalt. Seit 1999 schreibt er die Musik für die Serie „Die Pfefferkörner“. Außerdem komponiert er unter anderem den Score für die Serie „4 gegen Z“ und die Spielfilme „Planet B: Mask under Mask“ und „Klopka – Die Falle“.
Nach dem Musikstudium bewirbt sich Mario Schneider an der HFF in Potsdam, wird aber abgelehnt, da er keinen Bewerbungsfilm zu bieten hat. „Es gab keinen Tag, an dem ich wusste, dass ich Regisseur werden will. Es war ein fließender Prozess.“ Er zieht nach Halle. „Es gibt keinen Ort, wo ich besser aus der Ruhe heraus arbeiten kann. Es war auch eine klare Entscheidung für die Provinz, aus der ich für meine eigenen Filme örtliche gebundene Geschichten schöpfe, die universelle Themen berühren.“
2003 gründet Mario Schneider seine eigene Produktionsfirma 42film GmbH, um seinen ersten Film „Helbra“ selber zu produzieren. Erst zur Herausbringung des Films im Eigenverleih holt er sich Thomas Jeschner hinzu, der über kaufmännische Kenntnisse verfügt. Von Schmitzkatze/Filmkollektiv stößt später noch Eike Goretzky als Producer hinzu, der Mika Kaurismäkis „Honey Baby“ betreut hat.
Goretzky realisiert für 42film den ersten Spielfilm „Piggis“, der 2008 gedreht werden soll. Gemeinsam mit Mario Schneider schreibt er das Buch für „Opus 9“, mit dem Schneider 2009 sein Debüt als Spielfilmregisseur geben will. Als weiterer Partner konnte „Klopka“-Produzent Alexander Ris von der Mediopolis gewonnen werden. Eine erste Bewährungsprobe bestand der Stoff innerhalb des Programms „Moonstone“, in dessen Rahmen Mario Schneider zwei Szenen inszenieren konnte. „Es war ein Test, ob ich überhaupt am Set stehen kann, wie viel ich an Quantität pro Tag schaffen kann ohne qualitative Kompromisse zu machen. Ich bin dabei schnell zu der Freiheit gekommen, mich darauf zu konzentrieren, was die drei Schauspieler machen.“
Im Zentrum des Films wird ein erfolgreicher Pianist stehen, der an einem Burn-Out-Syndrom leidet. Er versucht die Wurzeln dafür zu finden, warum er so hart zu sich selbst geworden ist und findet sie bei der Suche nach seinen Eltern aus Chemnitz, die ihn im Gegensatz zu seiner Schwester in ein Kinderheim gegeben haben. Natürlich kann die Begegnung seinen hochgesteckten Erwartungen nicht standhalten.
Nicht nur in der Liebe zur Musik hat der Film autobiografische Bezüge. „Ich habe meinen Vater auch erst vor wenigen Jahren kennen gelernt und hatte einen Freund, der in einem Kinderheim lebte und mich immer anflehte, hol mich hier raus. Das ist in die Handlung eingeflossen.“
Familie und insbesondere Kommunikationsstrukturen innerhalb dieser Gemeinschaft interessieren den Filmemacher auch in seinen beiden Dokumentarfilmen „Helbra“ und „Heinz und Fred“. Wobei sein Fokus auf die Zeit nach dem Teenageralter der Kinder und die erste Zeit der eigenen Verantwortung liegt.
„Helbra“ beginnt mit einer kurzen Erinnerung an die Schließung der Metallurgiehütte 1990 – ein erstes Zeichen für die bodenständigen Menschen der Gegend, dass ihr Glaube, dass sich nach der Wende nichts ändert als die Währung und der Pass, nicht stimmen kann. Zu den bis dato unbekannten Phänomenen im gesamten Osten Deutschlands gehörte der Drogenmissbrauch. Doch während sich die Verantwortlichen in einigen Städten durchaus noch der Gefahr bewusst waren, wurde die Provinz bei der Aufklärung völlig vergessen. Und so schlittern auch Schneiders Protagonisten, die Freunde Micha und Husen, in die Abhängigkeit vom Heroin. Ihre Familien reagieren unterschiedlich. Der emotionale Zusammenhalt in Michaels Familie gibt ihm stets Halt und ist auch die wichtigste Stütze beim Entzug. Husens Mutter schmeißt ihren Sohn nach der Entdeckung der Abhängigkeit und einem heftigen Streit auf die Straße. Erst als ihr Sohn sozial verwahrlost, nimmt die Familie ihn wieder auf. Doch das Zusammenleben gestaltet sich schwieriger als gedacht.
„Ich habe bei einer Paddeltour mit meinem Bruder von der Drogenabhängigkeit seiner Freunde erfahren, die völlig ahnungslos damit angefangen haben und nach einem halben Jahr abhängig waren. Ein ganzer Jahrgang schien betroffen. Ich war erschrocken, denn ich habe nichts davon mitbekommen. Das Problem wurde verdrängt. Wenn es aber angesprochen wird, begegnet man großer Offenheit.“ Ein Jahr lang überlegt Mario Schneider, ob er seine Betroffenheit in seinen ersten Dokumentarfilm umsetzen soll. „Ausschlaggebend war, dass ich in den beiden Familien völlig unterschiedliche Pole des Verständnisses für die Drogensucht fand, aus dem sich unterschiedliche Handlungsweisen ableiten.“
Der Film zeichnet sich vor allem durch die große Ehrlichkeit und Offenheit seiner Protagonisten aus. Die Jungen reden über die Abhängigkeit von der Droge, das tägliche Ringen mit dem Entzug und ihr Ringen um einen normalen Arbeitsalltag. Ihre Eltern haben sich dem gestellt so gut sie es vermochten – wobei der Filmemacher jegliche Wertung dem Zuschauer überlässt.
Intim ist auch das Porträt von „Heinz und Fred“, Vater und Sohn, aus Ahlsdorf, dem Nachbarort von Helbra. Ein Jahr lang hat Mario Schneider die beiden begleitet, die sich nach dem frühen Tod von Freds Mutter in ihrer eigenen, für Außenstehende skurril anmutenden Welt auf einem Gehöft inmitten von alten, schrottreifen Maschinen eingerichtet haben.
Neben dem feinfühligen Blick auf das durch den Wechsel der Jahreszeiten mit geprägte Leben der beiden Männer, besticht der Film durch die stimmungs- und detailreichen Bilder von Peter Badel, die die Emotionalität zwischen den Beiden und ihre gefühlsmäßige Verwurzelung in ihrer Umgebung unterstreichen, und die Einbettung des Porträts in einen märchenhaften Rahmen durch die Einführung in die Geschichte durch einen Mundartsprecher.
Die Protagonisten hatte Mario Schneider schon während der Recherchen zu „Helbra“ gefunden. Drei Jahre dauerte die Finanzierung, die durch den MDR gesichert wurde. „Heinz & Fred“ ist durch seine Herangehensweise und seinen Ton jedoch mehr als eine durchschnittliche Fernsehproduktion. Schneider dreht ein kleines Juwel, für das er auch einen Verleih sucht.
Stand: Januar 2008
Autorin: Katharina Dockhorn