Der Dokumentarfilmer Rolf Schnabel versteht sich als Propagandist der offiziellen Politik der DDR; er möchte mit seinen Filmen auf die Wirklichkeit im Sinne der Politik einwirken. Seine hochrangigen Funktionen in der ostdeutschen Jugendbewegung und in der Sozialistischen Einheitspartei spezialisieren ihn für Auftragswerke, die die politischen Prämissen der Zeit bebildern. Rolf Schnabel dreht neben prestigeträchtigen Dokumentationen zur Geschichte der DDR auch zahlreiche Protokoll- und Auftragswerke.
Rolf Schnabel wird am 11. Februar 1925 in Marienberg, Sachsen geboren. Nach der Volksschule, die er bis 1939 besucht, lehrt er von 1940 bis 1943 den Beruf des Metallschleifers in den Junkers-Werken Dessau. 1943 wird er zur Wehrmacht eingezogen, ist bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges Flaksoldat und gelangt dann in Gefangenschaft.
Nach der Kapitulation der Deutschen ist Rolf Schnabel zunächst als Funktionär der Freien Deutschen Jugend (FDJ) tätig. Von 1946 bis 1954 arbeitet er für die Jugendorganisation in seiner Heimatstadt, später in Dresden und Berlin. In der ostdeutschen Hauptstadt ist er unter anderem Mitarbeiter im Zentralrat der FDJ und von dessen damaligen Vorsitzenden Erich Honecker. 1953 leitet er die 900 Personen starke Delegation ostdeutscher Jugendlicher bei den IV. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Bukarest.
1954 wird Rolf Schnabel Mitarbeiter für Information im DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme, ist zudem stellvertretender Chefredakteur der Wochenschau "Der Augenzeuge", der Helmut Schneider ab Mitte der 50er Jahre ein neues Gesicht gibt. Hier dreht Rolf Schnabel auch seinen ersten Kurzfilm HOCHWASSER (1954). Die Funktion hat er bis 1960 inne, von 1961 bis 1963 wird er der Chefredakteur des DEFA-Studios. Als Regisseur legt er Mitte der 50er Jahre einige Alltagsbeobachtungen vor, etwas mit MODE 1956 (1955) und BORMANN-MODEN (1958). Bei dem satirischen Lehrfilm SOMMER, SONNE, AK 8 (1956) arbeitet er an dem Drehbuch, Regie führt er gemeinsam mit Helmut Schneider. Das muntere Werk über die mannigfaltigen Möglichkeiten der Schmalfilmkamera ist witzig, spielt mit Klischees und Tabu. Höhepunkt dieser Art von Arbeiten wird die Dokumentation FENSTERPUTZSERENADE (1961), in der der Alltag von Fensterputzern einer Berliner Handwerker-Produktionsgenossenschaft heiter betrachtet wird und die ein humoristisches, leichtes Zeitbild Ostberlins liefert. Zur Regel wird die satirische Betrachtung der DDR nicht. In UNSER LIEBES EIGENTUM (1957) wirft der Regisseur einen Blick auf den alltäglichen Umgang mit staatlichen Gütern. Kleinbürgerliche Verhaltensweisen wie Achtlosigkeit und Diebstahl werden mit dem pädagogischen Zeigefinger thematisiert.
Nach einer dreijährigen Ausbildung an der Parteihochschule von 1963 bis 1966, welche er mit einem Diplom als Gesellschaftwissenschaftler beendet, wird Rolf Schnabel Direktor des DEFA-Studios für Wochenschau und Dokumentarfilme. Zwei Jahre bekleidet er diesen Posten. 17 Jahre, von 1971 bis 1989, ist er ehrenamtlicher SED-Sektretär des DEFA-Studios für Kurzfilme. Seine hochrangigen Funktionen spezialisieren ihn für Auftragswerke, die die politischen Prämissen der Zeit bebildern. Rolf Schnabel dreht prestigeträchtige Dokumentationen zur Geschichte der DDR, etwas WEGGEFÄHRTEN (1974). Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung lassen ein chronikartiges Bild der DDR aus 25 Jahren entstehen. Sechs Regisseure sind an dem Panoramabild beteiligt, unter anderem auch die Nachwuchsregisseure Jürgen Böttcher und Uwe Belz.
In DIE KPD - EINE DOKUMENTATION ZUM 60. JAHRESTAG (1978) wird die Gründung der Partei geschildert und mit Porträts von ihrer wichtigsten Vertreter wie Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Ernst Thälmann und Wilhelm Pieck unterlegt. Zum 30. Jahrestag der DDR entsteht der fünfteilige Zyklus AUFERSTANDEN AUS RUINEN (1979), bei dem Rolf Schnabel die künstlerische Oberleitung inne hat. In dieser Funktion betreut er auch den fünfteiligen Zyklus IM STROM DER ZEIT (1981) über 10 Jahre DDR-Geschichte sowie die sieben Teile von UNSER ZEICHEN IST DIE SONNE (1984), eine Dokumentation zur Geschichte der FDJ von 1945 bis 1984. Stilistisch sind sich die Filme ähnlich: überliefertes Material wird mit neu gedrehtem verknüpft, Zeitzeugen werden befragt und die historischen Umstände ausführlich recherchiert. Inhaltlich stehen sie auf der Seite des Positiven, berichten wird von den Erfolgen beim Aufbau der DDR, gezeigt werden getreue Jugendliche, die optimistisch in die Zukunft schauen.
Rolf Schnabel versteht sich als Propagandist der offiziellen Politik der DDR. Zu seinen Filmen zählen auch zahlreiche Protokollfilme wie etwa FREUNDSCHAFT - DRUSHBA - HERZENSSACHE (1974). Der 42-minütige Film dokumentiert die Reise einer Delegation des Zentralkomitees der KPdSU unter der Leitung des Generalsekretärs Leonid Breshnew in die DDR anläßlich der Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag ihrer Gründung im Jahre 1974.
Gleichzeitig macht es Rolf Schnabel möglich, daß Filme von jüngeren Dokumentaristen entstehen, die einen anderen, kritischeren Blick auf die soziale Wirklichkeit des Landes haben. Er arbeitet am Drehbuch von DER OFENBAUER (1962) des Regisseurs Jürgen Böttcher mit. Der Film protokolliert die 18-m-Verschiebung eines 65 m hohen und 2000 t schweren Hochofens im Eisenhüttenkombinat. Mit fünf Kameramännern schildert das Werk in nüchternen Bildern die Leistung des Kollektivs, es wird mehrfach ausgezeichnet. Filme der Regisseure Volker Koepp, Winfried Junge und Uwe Belz unterstützt er ebenfalls.
In seinen letzten Filmen setzt sich der Regisseur mit jüngster deutscher Vergangenheit auseinander. Für das Fernsehen der DDR entsteht der Beitrag KONTRA HITLER AN DER SAAR (1984). Historische Aufnahmen und Zeitzeugeninterviews sowie Interviews mit Persönlichkeiten des politischen Lebens wie Oskar Lafontaine thematisierten den Widerstand des Saargebiet 1935 gegen den Anschluß ans Hitler-Deutschland. Der Film wird in der DDR nicht gezeigt. In BERLIN IN DEN ZWANZIGER JAHREN (1987) fügt der Regisseur aus Dokumentaraufnahmen der Zeit einen Bilderbogen der zwanziger Jahre zusammen. Weitere seiner Filmthemen sind der 20. Juli 1944 in DAS ATTENTAT AUF HITLER (1984), DAS JAHR 1939 (1989) und OTTO VON BISMARK (1990). Im Zuge der politischen Wende in der DDR und der Auflösung der DEFA beendet Rolf Schnabel seine Tätigkeit als Regisseur 1990.
Rolf Schnabel stirbt am 12. April 1999 in Berlin.
zusammengestellt von Ines Walk ( www.film-zeit.de ), Stand: Mai 2006
Filmographie
- 1954 Hochwasser
Regie, Text
- 1955 Mode 1956
Regie, Drehbuch, Text
- 1956 Sommer, Sonne, AK 8
Co-Regie, Co-Drehbuch
- 1957 Erinnern Sie sich
Regie, Drehbuch
- 1957 Die ersten 40 Jahre 1917 – 1957
Co-Regie, Co-Drehbuch, Text
- 1957 Luisenstra�e 56-60
Regie, Drehbuch, Text
- 1957 Unser liebes Eigentum
Regie, Drehbuch, Text
- 1957 Der Tintenklecks
Drehbuch
- 1958 Der kleine Reiseführer
Regie, Drehbuch, Text
- 1958 Auf der Tagesordnung steht
Regie, Drehbuch, Text
- 1958 Berliner Festtage
Regie, Drehbuch, Text
- 1958 Wir sind die junge Garde
Regie, Drehbuch, Text
- 1958 Bormann-Moden
Regie, Drehbuch, Text
- 1958 Wahlen für wen
Regie, Drehbuch, Text
- 1958 Das amerikanische Jahrhundert
Regie, Co-Drehbuch
- 1959 Mahnung für alle Zeiten
Co-Regie, Drehbuch, Text
- 1959 Oktoberrevolution 1917 - 1959
Regie, Drehbuch, Text
- 1960 Sport im Examen
Regie, Drehbuch, Text
- 1960 Weite Felder - moderne Technik -
Regie, Drehbuch, Text neue Menschen
- 1961 Die Fensterputzerserenade
Regie, Drehbuch, Co-Text
- 1961 Gedanken am Laufsteg
Regie, Drehbuch, Text
- 1961 Gelöbnis von Sachsenhausen
Regie, Drehbuch, Text
- 1962 Serum für Prag
Regie, Drehbuch, Text
- 1962 Ostsee - Meer des Friedens
Regie, Drehbuch, Text
- 1962 Kaiser, Krupp und Klassenkampf
Regie, Drehbuch
- 1963 Mensch - paß auf!
Regie, Text
- 1965 Stafette der Freundschaft
Regie, Drehbuch, Co-Text
- 1966 20 Jahre SED
Co-Regie, Co-Drehbuch, Text
- 1966 Einheit
Regie, Co-Drehbuch, -Text
- 1966 Lernen und Kämpfen
Regie, Co-Drehbuch, -Text
- 1971 Gardez
Regie, Drehbuch, Text
- 1971 Am Schalthebel der Macht
Regie, Drehbuch
- 1971 Guten Tag in Berlin, der Hauptstadt der DDR
Regie, Drehbuch, Co-Text
- 1971 Im Kampf geboren
Co-Regie, Drehbuch, Text
- 1971 Skizzen aus der DDR
Regie, Co-Drehbuch
- 1972 Fidel Castro in der DDR
Co-Regie, Co-Text
- 1972 Sein Erbe lebt
Regie, Drehbuch, Text
- 1972 Die X.
Regie, Drehbuch, Text
- 1973 Mit der Sowjetunion auf ewig verbunden
Regie, Drehbuch
- 1973 20 Jahre Kampfgruppen der Arbeiterklasse
Regie, Drehbuch
- 1974 Leute vom Bau
Regie, Co-Drehbuch, -Text
- 1974 Zeit der Riesen
Regie, Drehbuch
- 1974 Freundschaft - Drushba - Herzenssache
Regie, Drehbuch, Text
- 1974 Weggefährten - Begegnungen im 25. Jahr der DDR
Gesamtleitung, Co-Regie, Drehbuch
- 1975 Freunde - Drusja
Regie, Drehbuch
- 1975 An der Seite der Genossen
Regie, Drehbuch, Co-Text, Szenarium
- 1975 Berlin - Hauptstadt der DDR
Co-Regie
- 1976 Auf gutem Kurs
Co-Regie
- 1976 Berliner Konferenz
Regie, Drehbuch
- 1976 Sonnabend, Sonntag in Berlin, Hauptstadt der DDR
Regie, Drehbuch
- 1977 Eine Reportage von der Drushba-Trasse
Regie, Drehbuch, Text
- 1977 Blick hinter die Kulissen
Regie, Drehbuch, Text
- 1977 Max Reimann Die Partei war mein Leben
Regie, Drehbuch
- 1977 Salut, Roter Oktober
Regie, Co-Drehbuch, Text
- 1977 Unser Fliegerkosmonaut
Co-Regie, Drehbuch
- 1979 Auferstanden aus Ruinen
Co-Regie
- 1979 Kleberg, Gerhard Jentsch 60 Jahre KPD
Regie, Drehbuch
- 1979 Himmelsstürmer
Co-Regie, Co-Drehbuch, Text, Szenarium
- 1980 Berlin, Stadt des Friedens
Co-Regie, Drehbuch
- 1980 Guten Tag, Berlin, Hauptstadt der DDR
Co-Regie
- 1981 Im Strom der Zeit
Co-Regie
- 1982 Kopenhagen - Paris
Regie, Co-Drehbuch
- 1982 Auf, auf zum Kampf
Co-Regie, Drehbuch
- 1982 Pfingsten 82
Regie, Co-Drehbuch
- 1982 Wie sich die Bilder gleichen
Regie, Drehbuch
- 1982 Alles zum Wohle des Volkes
Regie, Drehbuch, Text
- 1982 Dem Frieden verpflichtet
Co-Regie, Drehbuch, Text
- 1982 Ein neuer Tag bricht an
Regie, Co-Text
- 1982 Mit der Jugend, für die Jugend
Regie, Co-Drehbuch, Text
- 1983 Ein Lied für die Menschen
Co-Regie, Drehbuch
- 1983 Gestern und heute
Regie, Drehbuch, Text
- 1984 Das Attentat auf Hitler
Regie, Co-Drehbuch, -Text
- 1984 Kontra Hitler an der Saar
Regie, Co-Drehbuch, -Text
- 1984 Guten Tag, Berlin
Regie, Drehbuch, Text
- 1984 Unser Zeichen ist die Sonne - Zur Geschichte der FDJ
Co-Regie
- 1985 Berlin im Frieden
Regie, Co-Drehbuch, -Text
- 1985 Unser Berlin - Auferstanden aus Ruinen
Regie, Drehbuch
- 1986 Auf, auf zum Kampf
Regie, Drehbuch, Text
- 1986 Bilder aus Berlin
Regie, Drehbuch, Szenarium
- 1987 Unser Berlin - 750 Jahre Stationen seiner Geschichte
Co-Regie
- 1987 Unser Marsch
Regie, Drehbuch, Text
- 1987 Bilanz '87
Regie, Drehbuch
- 1987 Berlin in den zwanziger Jahren
Regie, Drehbuch, Text
- 1987 Guten Tag, Berlin
Regie, Drehbuch, Text
- 1988 Komplott zum Krieg
Regie, Drehbuch
- 1988 Berliner Bilderbogen
Regie, Drehbuch, Text
- 1988 Das war dufte
Regie, Drehbuch, Text
- 1989 Ernst Thälmann - Deutschlands unsterblicher Sohn
Regie, Drehbuch
- 1989 Das Jahr 1939
Regie, Drehbuch, Text
- 1989 Auferstanden aus Ruinen - unser Berlin
Regie, Drehbuch
- 1990 Das große Bündnis
Regie, Drehbuch
- 1990 Otto von Bismarck - Bilder aus seinem Leben
Regie, Drehbuch, Text
Auszeichnungen
1955 Heinrich-Greif-Preis: 1. Klasse (im Kollektiv) für den Augenzeugen
1961 DIE FENSTERPUTZERSERENADE
Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Ehrendiplom
1979 Nationalpreis der DDR: II. Klasse für das Gesamtschaffen (im Kollektiv von Regisseuren)
1984 UNSER ZEICHEN IST DIE SONNE
Nationalpreis der DDR: II. Klasse (im Kollektiv)
? Artur Becker-Medaille
? Johannes R. Becher-Medaille
? Kunstpreis der DDR
Ausgewählte Literatur
o. A.: Rolf Schnabel, in: Werkstatt - Dokumentaristen und Publizisten im 25. Jahr der DDR über sich, Berlin 1974.
Jutta Voigt: Ich bin eben einer mit Schlips, in: Sonntag, 28/1981.
G. H.: Zeigen, was geschafft wurde: Interview mit Rolf Schnabel, in: Sonntag, 05.04.1981.
Helmut Lange: Geschichte - das ist unser Leben: Interview mit Rolf Schnabel, in: Filmspiegel 20/1984.
Horst Knietzsch: Ein parteilicher Chronist unseres Weges, in: Neues Deutschland, 11.02.1985.
Angelika Rätzke: Berlin heute - ein Film über uns. Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Rolf Schnabel, in: Berliner Zeitung, 19.04.1985.
Rüdiger Rätzke: "In jedem Film stecken hundert neue" - Gespräch mit dem Dokumentaristen Rolf Schnabel, in: FF Dabei, 14.08.1989.
Michael Polster: Von der Kraft der Bilder oder Berlin, seiner Liebe, in: FF dabei, 11.05.1987.
Inge Heller: Seiner Zeit verpflichtet. Zum 60. Geburtstag von Rolf Schnabel, in: Berliner Zeitung, 12.02.1985.
Klaus Dieter Winzer: Freundliche Filme sind ganz normal. Im Gespräch mit dem Regisseur Rolf Schnabel, in: Nationalzeitung, 21.02.1987.
Horst Knietzsch: Fürs Freundliche (Nachruf), in: Neues Deutschland, 22.04.1999.
Ralf Schenk: Rolf Schnabel (Nachruf), in: film-dienst 10/1999.