Schindler, Monika

An weit mehr als 90 Spiel-, Dokumentar- und Fernsehfilmen ist Monika Schindler als Schnitt-meisterin beteiligt. Sie beginnt Ende der 50er Jahre bei der DEFA, lernt den Beruf von der Pike auf; 1968 erhält sie ihren eigenen Schneideraum im DEFA-Studio für Spielfilme. Die Cutterin wird zu eine der angesehensten Fachkräfte des Studios. Es entwickeln sich intensive Arbeitsbeziehungen zu Roland Gräf, Herrmann Zschoche und Günter Reisch. In den 90er Jahren gibt sie ihre Erfahrungen an junge Regisseure des deutschen Films weiter, arbeitet unter anderen mit Andreas Dresen und Winfried Bonengel.

Monika Schindler wird am 12. Januar 1938 in Berlin geboren. Ihre Familie begibt sich kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges auf einen Flüchtlingstreck, bei dem sie sich bei einem Unfall eine schwere Verletzung der Hände zufügt. Ihre Eltern möchten, dass sie sich zur Lehrerin ausbilden lässt, aber sie hat andere Pläne. 1955 beginnt Monika Schindler im DEFA-Studio für Spielfilme eine Lehre als Filmfotograf. Hier erlernt sie das Filmhandwerk von der Pike auf: neben der fotografischen Grundausbildung gibt es Ausbildungsbereiche im Kopierwerk sowie in der Trickabteilung. Ein halbes Jahr lernt sie im Schneideraum von Hildegard Conrad bei dem Film DER LOTTERIE SCHWEDE (1958) von Hans-Joachim Kunert.

Nach Abschluss der Berufsausbildung ist sie nochmals ein Jahr im Schneideraum, diesmal lernt sie bei der Altmeisterin Lena Neumann, die bereits in den 30er Jahren für die Produktionsfirma Tobis viele Filme geschnitten hat. Der Cutterin darf sie während dieser Zeit bei ihrer Arbeit an den Filmen DAS LIED DER MATROSEN (1958) und DER SCHWEIGENDE STERN (1959), beide unter der Regie von Kurt Maetzig, über die Schultern schauen. Danach beginnt Monika Schindler ein Studium an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg in der Fachrichtung Schnitt und kehrt nach dem Abschluss zur DEFA ins Spielfilmstudio zurück. Zunächst ist sie Assistentin, bis sie ihre ersten eigenen Filme schneidet und 1968 endlich ihren Vertrag als Schnittmeisterin sowie einen eigenen Scheideraum erhält. In der Folge kommt es zu intensiven Arbeitspartnerschaften mit Regisseuren wie Roland Gräf, Herrmann Zschoche und Günter Reisch.



Szene aus "Nelken in Aspik" (1976)

Foto: DEFA-Stiftung/Fotograf unbekannt

Zehn Filmen schneidet Monika Schindler für den Regisseur Roland Gräf. Ihr erster gemeinsamer Film wird MEIN LIEBER ROBINSON (1970). Das genaue und glaubhafte Arbeiterporträt BANKETT FÜR ACHILLES (1975) mit Erwin Geschonneck in der Hauptrolle gehört genauso dazu wie die Friedrich Wolf-Verfilmung DAS HAUS AM FLUß (1986) und die sorgfältige Literaturverfilmung DER TANGOSPIELER (1990) nach dem gleichnamigen Buch von Christoph Hein. In den meisten Fällen ist die Cutterin seit Beginn der Dreharbeiten an dem Herstellungsprozess des Films beteiligt. Sie liest die Drehbücher, erarbeitet schon während der Dreharbeiten gemeinsam mit dem Regisseur Ideen für den Schnitt. Mit Regisseur Hermann Zschoche findet die Cutterin aussagekräftige Bilder in BÜRGSCHAFT FÜR EIN JAHR (1981), ist an acht seiner Filme beteiligt. Ihr gemeinsamer Film DAS MÄDCHEN AUS DEM FAHRSTUHL (1991) wird wegen seiner deutlichen Kritik am Schulsystem der DDR nicht realisiert, er feiert erst während der 41. Internationalen Filmfestspiele Berlin 1991 Premiere. Günter Reisch holt die Cutterin fünfmal an sein Set.

Monika Schindler gehört zu den wenigen Fachkräften der DEFA, die auch nach dem Zusammenbruch der DDR auf eine kontinuierliche Arbeit im Filmgeschäft verweisen können. Zum einen arbeitet sie weiterhin mit ehemaligen DEFA-Regisseuren zusammen. Unter anderem ist es Egon Günther, mit dem sie nochmals im Schneideraum sitzt. Er hatte bereits bei seinem Verbotsfilm WENN DU GROß BIST, LIEBER ADAM (1965) mit ihr zusammengearbeitet. Der Film, im Zuge des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED verboten, wird von ihnen gemeinsam mit der Drehbuchautorin Helga Schütz erst 1990 restauriert, aus erhaltenem Materialien wird eine fragmentarische Fassung hergestellt. In den 90er Jahren engagiert der Regisseur die Cutterin für seine Arbeiten STEIN (1991) und DIE BRAUT (1999).

Zum anderen sind es westdeutsche Regisseurinnen, die sich die Cutterin an ihr Set holen. Monika Schindler arbeitet mit Helma Sanders-Brahms erstmals bei APFELBÄUME (1999), der im havelländischen Apfelanbaugebiet spielt, zusammen; spätere Arbeiten der Regisseurin, die sich nach dem Zusammenbruch der DDR leidenschaftlich für den Erhalt der DEFA eingesetzt hat, schneidet sie ebenfalls. Außerdem montiert sie für Ula Stöckl den Film DAS ALTE LIED ... (1991), eine Ost-West-Geschichte.

Auch Regisseuren des jüngeren deutschen Films steht die Cutterin mit ihrer mehr als 35jährigen Erfahrung zur Seite. Sie arbeitet mit Andreas Dresen bei dem erfolgreichen Episodenfilm NACHTGESTALTEN (1999) zusammen. Für die Arbeit an DIE POLIZISTIN (2000), ebenfalls unter der Regie von Andreas Dresen, wird Monika Schindler mit dem Deutschen Schnitt-Preis in der Kategorie Spielfilm ausgezeichnet. Die Jury lobt die Montage des Films: Sie schafft es - ganz ohne Musik - Rhythmus und Atmosphäre zu transportieren und eine zusätzliche emotionale Dimension in den Film einzubringen. Sie arbeitet mit Winfried Bonengel bei FÜHRER EX (2002) zusammen, einem Film über junge Rechtsextreme in Ostberlin. Weitere junge Regisseure, mit denen sie im Schneideraum sitzt, sind Elke Weber-Moore, Daphne Charizani und Georg Maas.

Monika Schindler ist verheiratet und hat eine Tochter. Nadine Schindler arbeitet mittlerweile bei ihrer Mutter als Assistentin. Die Familie lebt in Berlin.

zusammengestellt von Ines Walk ( www.film-zeit.de ), Stand: Mai 2006


Filmographie

  • 1963 Das Stacheltier - Paris sur glace im Friedrichstadt-Palast Berlin
    Kurzfilm: Schnitt
  • 1965 Tiefe Furchen
    Schnitt
  • 1965 Wenn Du gro� bist, lieber Adam
    Schnitt
  • 1966 Ein Lord am Alexanderplatz
    Schnitt
  • 1967 Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche
    Schnitt
  • 1969 Unterwegs zu Lenin
    Schnitt
  • 1969 Hans Beimler, Kamera
    TV-Film: Schnitt
  • 1969 Krupp und Krause
    TV-Film: Schnitt
  • 1970 Mein lieber Robinson
    Schnitt
  • 1971 Tecumseh
    Schnitt
  • 1971 Trotz alledem!
    Schnitt
  • 1972 Aus dem Leben eines Taugenichts
    Schnitt
  • 1975 Hostess
    Schnitt
  • 1975 Bankett für Achilles
    Schnitt
  • 1976 Nelken in Aspik
    Schnitt
  • 1977 Die Flucht
    Schnitt
  • 1977 Severino
    Schnitt
  • 1977 Feuer unter Deck
    Schnitt
  • 1977 Trampen nach Norden
    Schnitt
  • 1978 P.S.
    Schnitt
  • 1979 Die Schmuggler von Rajgrod
    Schnitt
  • 1980 Glück im Hinterhaus
    Schnitt
  • 1980 Und n�chstes Jahr am Balaton
    Schnitt
  • 1980 Der Spiegel des gro�en Magnus
    Schnitt
  • 1981 Märkische Forschungen
    Schnitt
  • 1981 Bürgschaft für ein Jahr
    Schnitt
  • 1982 Das Mädchen und der Junge
    Schnitt
  • 1983 Zauber um Zinnober
    Schnitt
  • 1983 Fariaho
    Schnitt
  • 1984 Hälfte des Lebens - Hölderlin
    Schnitt
  • 1985 Wie die Alten sungen...
    Schnitt
  • 1985 Es ist der Wald so schweigen
    TV-Film: Schnitt
  • 1986 Das Haus am Fluß
    Schnitt
    1987 Die Alleinseglerin
    Schnitt
  • 1988 Grüne Hochzeit
    Schnitt
  • 1988 Fallada - Letztes Kapitel
    Schnitt
  • 1990 Das Mädchen aus dem Fahrstuhl
    Schnitt
  • 1990 Der Tangospieler
    Schnitt
  • 1990 Verbotene Liebe
    Schnitt
  • 1990 Im Durchgang: Protokoll für das Gedächtnis
    TV-Film: Schnitt
  • 1991 Das alte Lied...
    Schnitt
  • 1991 Apfelbäume
    Schnitt
  • 1991 Die Spur des Bernsteinzimmers
    TV-Film: Schnitt
  • 1991 Stein
    Schnitt
  • 1992 Apfelbäume
    Schnitt
  • 1992 Erste Begegnung
    Schnitt
  • 1993 Der olympische Sommer
    Schnitt
  • 1993 Die wilde Bühne
    TV-Film: Schnitt
  • 1993 Olli in der Unterwelt
    TV-Film: Schnitt
  • 1993 Wolf bleibt Wolf
    Trickfilm: Schnitt
  • 1994 Jetzt leben - Juden in Berlin
    Schnitt
  • 1994 Paradshanow - ein Requiem
    Dokfilm: Schnitt
  • 1994 Imken, Anna und Maria oder Besuch in der Zone
    TV-Film: Schnitt
  • 1995 Matulla und Busch
    TV-Film: Schnitt
  • 1995 Die neue Mordwaffe
    TV-Film: Schnitt
  • 1996 Die kaukasische Nacht
    Schnitt 1997
  • Friedrich und die verzauberten Einbrecher
    Schnitt
  • 1997 Mein Herz - Niemandem!
    Schnitt
  • 1997 Polizeiruf 110, Epsiode "Der Tausch"
    TV-Film: Schnitt
  • 1998 Einschub in den Bericht des Politbüros
    Schnitt
  • 1999 Nachtgestalten
    Schnitt
  • 1999 Die Braut
    Schnitt
  • 1999 Hans Warns - Mein 20. Jahrhundert. Gordian Maugg
    Schnitt
  • 2000 Die Polizistin
    Schnitt
  • 2000 Zone M
    Dokfilm: Schnitt
  • 2000 Verzweiflung
    Schnitt
  • 2001 Die Erpressung - Ein teuflicher Pakt
    TV-Film: Schnitt
  • 2002 Führer Ex
    Schnitt
  • 2002 Storno
    Schnitt
  • 2002 Messerscharf - Tödliche Wege der Liebe
    TV-Film: Schnitt
  • 2003 Zutaten für Träume
    TV-Film: Schnitt
  • 2003 Tal der Ahnungslosen
    TV-Film: Schnitt
  • 2003 Madrid
    Schnitt
  • 2003 Neufundland
    Schnitt
  • 2004 Am Kap der Liebe
    TV-Film: Schnitt
  • 2005 Der Brand
    Schnitt
  • 2005 Drei gegen Troja
    Schnitt
  • 2005 Hitlerkantate
    TV-Film: Schnitt
  • 2005 Zeppelin!
    Schnitt
  • 2005 Wenn der Vater mit dem Sohne
    TV-Film: Schnitt


Auszeichnungen

1986 DAS HAUS AM FLUß
Nationales Spielfilmfestival der DDR: Bester Schnitt

1989 Heinrich Greif-Preis

2001 DIE POLIZISTIN
Schnitt-Preis in der Kategorie Spielfilm

Ausgewählte Literatur

Renate Brandt: Du muß mit der Geschichte leben, in sie hineinkriechen [Interview], in: Film und Fernsehen, 01+02/1996.

Michael Hanisch: Die Chemie muss stimmen: Die Cutterin Monika Schindler im Gespräch, in: film-dienst 22/1999.