Begrüßungsrede Helmut Morsbach (Vorstand der DEFA-Stiftung)
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
herzlich Willkommen zur diesjährigen Verleihung der Preise der DEFA-Stiftung
Johannes Rau, der Vorgänger unseres jetzigen Bundespräsidenten, hat einmal diesen wichtigen Satz gesagt:
„Wir kennen von immer Weniger den Wert, aber immer Mehr den Preis.“
In der gegenwärtigen, in der Gesellschaft derzeit kaum geführten Wertediskussion erscheint mir diese Aussage auch für die DEFA-Stiftung bedeutsam.
Vor ihrer Gründung bemühten sich zunächst vor allem die Ökonomen und Juristen den Preis für den DEFA-Filmstock zu bestimmen, für die Diskussion um seinen wirklichen Wert aber war die Zeit nicht reif.
In diesem Jahr haben wir in mehreren großen Veranstaltungen an den 60. Jahrestag der Gründung der DEFA erinnert. Der Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Matthias Platzeck, hat dafür die schönen und zugleich wichtigen Worte gefunden: „Viele der von der DEFA produzierten Filme gehören zum nationalen deutschen Kulturerbe und sollten auch zukünftig so behandelt werden.“
Auch der Kulturstaatsminister hat in seinem Grußwort daran erinnert, dass der DEFA-Filmstock nicht nur Teil unserer Geschichte ist, sondern auch zur künstlerischen Gegenwart und zur politischen Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Vergangenheit gehört.
Der Wert dieser von der Stiftung vorbereiteten Veranstaltungen war es, auf die Filme selbst und ihre Mitwirkenden zu verweisen. Damit wollten wir aber nicht nur etwas über die Kultur von gestern erzählen, sondern uns auch am aktuellen gesellschaftspolitischen Diskurs beteiligen. Zum Wert dieser Veranstaltungen gehörte aber gleichermaßen, dass sich im Filmpark Babelsberg rund 1.000 ehemalige Mitarbeiter der DEFA noch einmal begegnen konnten. Gemessen daran, waren die entstandenen Kosten durchaus gerechtfertigt.
Der Wert des DEFA-Filmstocks als Teil des nationalen Kulturerbes lässt sich aber auch in anderen Bereichen darstellen. So ist es gemessen am Haushalt der Stiftung schon nicht von unerheblicher Bedeutung, ob die Restaurierung eines Spielfilms vielleicht 20.000 € oder mehr kostet, wichtig aber ist die Nachhaltigkeit dieser Arbeit, die Überzeugung den Film als dauerhaften Wert zu bewahren, zu pflegen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Wenn für den Verleih eines DEFA-Films, beispielsweise an ein kommunales Kino, mehr als 100 € gefordert werden, sind das manchmal kaum zu erbringende Kosten. Andererseits könnte man glauben, der Wert eines DEFA-Films lässt sich am Preis der DVD ablesen, doch 2,99 oder 5,99 oder vielleicht gar 17,99 € bestimmen längst nicht nur seinen Wert. Für die Stiftung bleibt es die diffizile Aufgabe in allen Marktsegmenten dieses Kulturgut jetzigen und künftigen Generationen zugänglich zu machen.
Aber es geht ja nicht nur um die Erhaltung und Vorführung des DEFA-Films. Die Wertschöpfung soll möglichst jährlich auch noch 800.000 € für Projekte, Stipendien und Veranstaltungen abwerfen. Ein Stipendium in Höhe von beispielsweise 7.000 € als Lebensabsicherung kann für gut ein halbes Jahr junge Autoren beflügeln, interessante Recherchen zu einem möglichen neuen Filmstoff anzustellen. Ist das heute nicht auch ein besonderer Wert jungen Kreativen verantwortungsbewusst Geld in die Hand zu geben, ohne Einzelbelege über jeden Cent oder gar nach Erfolg die Rückzahlung zu fordern? Ich habe bisher keinen Grund mein Vertrauen in Stipendiaten in Frage zu stellen.
Und ein letztes Beispiel: Die DEFA-Stiftung vergibt heute wichtige Preise. Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass die bedeutendste Auszeichnung Wolfgang Kohlhaase erhält. Sie alle sind mit mir vermutlich einer Meinung, dass dieser – wenngleich gut dotierte – Preis dennoch in keinem Verhältnis zu seiner Lebensleistung steht. Der Wert seiner Arbeit ist messbar an Filmen, die zu unserem kulturellen Erbe gehören. Er ist gleichermaßen aber auch messbar an seinen aktuellen Arbeiten im 60. Jahr der Gründung der DEFA.
Wie in jedem Jahr möchte ich danken:
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der zunehmenden Zahl von Sponsoren, die den Wert der Arbeit der DEFA-Stiftung wahrgenommen haben und wissen, dass manches seinen Preis hat,
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den engsten Partnern PROGRESS Film-Verleih, defa-spektrum, ICESTORM Entertainment, Bundesarchiv-Filmarchiv und Depunktsign, die mit beispielhaftem Engagement deutlich mehr tun, als es sich in bloßen Zahlen ausdrücken lässt,
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und nicht zuletzt meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Stiftung, die den Wert ihrer Arbeit auch in den langen Wochen der Vorbereitung der großen Veranstaltungen nicht in Frage stellten.
Sie alle darf ich herzlich einladen, die DEFA-Stiftung auch weiterhin bei der Bewahrung des kulturellen Erbes und bei ihrer Teilhabe am aktuellen öffentlichen Dialog zu begleiten.
Herzlichen Dank.
Preis zur Förderung des künstlerischen Nachwuchses
Laudatio Ralf Schenk
Benjamin Heisenbergs erster langer Spielfilm „Schläfer“ kreist um das Thema des Verrats. Was bringt einen Menschen dazu, einen Kollegen, einen Freund zu beschatten? Was können die auslösenden Momente sein; was ist bereits im Charakter angelegt? Und was hat eine Gesellschaft damit zu tun, die an die Wahrheit, Wirksamkeit und Notwendigkeit von Dossiers glaubt?
In „Schläfer“ wird nichts aufs schlichte Schwarz-und-Weiß-Schema reduziert. Die Figuren erweisen sich als widersprüchlich und bergen Geheimnisse in sich. Nicht der arabische Freund, den es zu beobachten gilt, ist der wirkliche Schläfer, sondern der Deutsche Johannes, der dem Nachrichtendienst und der eigenen Karriere seine Unschuld opfert. Doch Heisenberg liegt es fern zu verurteilen; er lässt seinen zwiegespaltenen Helden vielmehr in Einsamkeit und Verlorenheit zurück: Zum Schluss beschwört das Irrationale, weil er in der rationalen Welt keinen Halt mehr zu finden glaubt.
Benjamin Heisenbergs erster langer Film ist in jeder Beziehung klug inszeniert, Inhalt und Form gehen eine bemerkenswerte Liaison ein. Konsequent verweigert die stilisierte, wie beiläufig beobachtende Kamera den Figuren eine vertraute Nähe. Gegenstände schieben sich vor die Gesichter der Handelnden; Schauplätze in der Totale werden zu wichtigen atmosphärischen Spielorten. Kein Schielen nach äußerer Attraktion, kein historisches Abrechnungskino, sondern ein dichtes, nachdenkliches, packendes Psychogramm, angesiedelt mitten in unserer Gegenwart. Für mich der bessere Verratsfilm des letzten Kinojahres.
Danksagung Loretta Pflaum stellvertretend für Benjamin Heisenberg
Ja, ich hätte mir auch so einen Zettel machen sollen wie Herr Hartmann, kann sein, dass ich jetzt Unsinn rede, aber ich werde mir Mühe geben, wenigstens gut dabei auszusehen. Eigentlich sollte ja Benjamin jetzt hier sein, der wie gesagt krank ist, der auch recht hübsch ist aber weniger Unsinn redet.
Ich finde es super, dass es die DEFA eigentlich nicht mehr gibt, aber sie immer noch Geld hat - das ist ja in Deutschland meistens umgekehrt: die Leute gibt’s und alle sind so wichtig und alle behaupten, sie hätten kein Geld mehr. Also herzlichen Dank und ich möchte mich noch bedanken bei dem Team, das es uns ermöglicht hat, so zu arbeiten, wie wir gearbeitet haben. Dankeschön.
Preis zur Förderung der deutschen Filmkunst
Laudatio Fred Gehler
Bei Andres Veiels immer wieder transparenter Affinität zum Theater sind ihm natürlich diese Sätze des großen B.B. vertraut:
„Wir müssen nicht nur Spiegel sein, welche die Wahrheit außer uns reflektieren. Wenn wir den Gegenstand in uns aufgenommen haben, muß etwas von uns dazukommen, bevor es wieder aus uns herausgeht."
Andres Veiel hat ein unbedingtes, ja rigoroses Verständnis von FILM/DOKUMENTARFILM als moralische Anstalt, als Sonde in die soziale und menschliche Realität. Exemplarisch vom Frühwerk „Balagan“ über „Black Box BRD“ bis zu seiner bislang letzten Arbeit „Der Kick“. Stets charakteristisch bei aller Unterschiedlichkeit der Sujets die dokumentarische Unbestechlichkeit des Autors, das Streben nach möglichst komplexer Wirklichkeitsreflexion, die sich nicht reduziert auf eine "korrekte" politische Wahrheit.
Ein Autor auch zwischen Skepsis und Hoffen.
Veiel fragt nach der Möglichkeit einer individuellen Entscheidung- bei aller Determination.
Letztlich bleibt die Hoffnung immanent auf eine persönliche Wahl, auf eine humane Chance, - bei aller "Schicksalhaftigkeit", bei all noch so dunklen Momentaufnahmen unserer Zeit.
Denn so Andres Veiel: "Die Gewalt ist wie ein Krater, durch den man ans Magma kommt."
Danksagung Andres Veiel
Vielen Dank. Der Preis und die Auszeichnung erlauben mir, etwas sehr kostbares zu tun, nämlich mit sehr viel Zeit, ohne Druck und Hektik, am nächsten Projekt zu arbeiten.
In diesem Sinne sehe ich den Preis auch als eine Ermutigung, so weiter zu machen - und besonders freue ich mich über den Stifter dieses Preises weil er zweifaches leistet: das eine ist, dass ich in meiner Arbeit, gerade beim „Kick“, immer wieder auf Filme stoße, von der DEFA-Stiftung, die für mich wichtig sind, die ich neu entdecke, „Ich war Neunzehn“ beispielsweise oder „Nackt unter Wölfen“, die nicht nur eben etwas aus der Vergangenheit – ein Zeichen der Vergangenheit sind, sondern in ihrem besonderen Charakter etwas für’s Heute bedeuten.
Und darum geht’s auch in meiner Arbeit immer wieder: dass ich zurückgucke und durch den Versuch von Tiefenbohrungen etwas neu entdecke und im Heute weiter verwenden möchte. Und in diesem Spannungszustand versuche ich, meine eigene Arbeit zu definieren und freue mich eben, dass die DEFA-Stiftung da in dieser Weise dazu beitragen kann, weiterzuarbeiten.
Mein Physiklehrer hat immer mal gesagt „das Perpetuum Mobile ist eine Chimäre, das gibt es nicht“, aber ich finde die DEFA-Stiftung ist genau das, nämlich: sie bezieht dadurch, dass sie die Vergangenheit sichtbar macht, zur Verfügung stellt, Energie und gibt diese Energie an uns Filmemacher weiter, die wir heute mit dieser Energie versuchen, neue Arbeiten zu machen. In dem Sinne freue ich mich über diesen Preis und darüber, dass ich meinen Physiklehrer widerlegen konnte. Vielen Dank.
Preis für die Verdienste um den deutschen Film
Laudatio Andreas Dresen
„In den folgenden 3 Tagen werde ich Ihnen erklären, wie man ein Drehbuch schreibt. Am 4.Tag bin ich weg, denn dann würden Sie merken, dass ich es selbst nicht weiß.“ So spricht Wolfgang Kohlhaase gerne, wenn er beispielsweise Studenten etwas über seine Arbeit erzählen soll.
Das ist keine Koketterie, sondern die Klugheit eines Mannes, der weiß, auf welch rätselhaftem, unerklärlichem Gelände man sich von Zeit zu Zeit bewegt, wenn man Filme erfindet.
„Ein Drehbuch ist das Notieren einer Geschichte zum Zwecke ihrer Verfilmung.“, sagt Wolfgang. So einfach ist das also. Und doch so schwer.
Es sind gerade mal 30 Seiten, die ich in den Händen halte. Da schreibt einer von den Schwierigkeiten, den richtigen Menschen zu finden, von Einsamkeit und Alter, von erster Liebe und erstem Schmerz, vom Absturz und vom Aufgefangen-Werden. Vom ganzen Leben in einem halben Sommer. Er schreibt es so, dass man lachen muss, obwohl es ziemlich traurig ist. Es ist nicht das große, konstruierte Drama, das hier stattfindet, es sind all die banalen, kleinen, traurigen, lustigen Geschichten, die Alltag bedeuten. Es sind 30 Seiten, auf denen viel mehr steht, als manch einer auf 120 zu Papier bringt. Ich bin sofort verliebt in diese Geschichte, in ihre Figuren, in ihren Ton. Es ist ein Drehbuchentwurf von Wolfgang Kohlhaase. Er trägt den etwas saloppen Titel „Sommer vorm Balkon“.
Ich bin mit Wolfgangs Geschichten aufgewachsen. Manche zielten auf seine Herkunft, den Krieg, die Nazizeit, andere mitten in die Gegenwart: „Ich war 19“, „ Der nackte Mann auf dem Sportplatz“, „Solo Sunny“, „Der Aufenthalt“... Filme, die Wolfgang geschrieben hat. Sie haben meine Sicht auf die Welt und das Kino nachdrücklich geprägt. Manche seiner wunderbaren Dialoge kann ich auswendig.
Die Kunst von Wolfgang ist Poesie in Kurzform. Pathos oder Sentimentalität sind ihm fremd. Er beschreibt komplizierte Dinge mit einfachen Worten. Seine Texte sind klar und direkt. In ihrem Lakonismus treffen sie trotzdem mitten ins Herz. Das hat damit zu tun, dass er die Menschen und seine Figuren mit den Augen der Liebe betrachtet.
Regieanweisungen im klassischen Sinne kommen in Wolfgangs Drehbüchern nicht vor. Es gibt keine in Klammern gesetzten Einschübe vor Dialogsätzen, die die Gefühlslage der Figuren genauer erläutern. Dafür manchmal kleine, kommentierende Sätze von großer poetischer Genauigkeit. Wolfgang vertraut seinen Partnern und das sie genau lesen können.
82.Bild Truck Dämmerung
Die Türen der Kabine stehen offen. Nike und Ronald essen belegte Brote und trinken Cola dazu.
RONALD
Deine Stullen sind gut. Ist überhaupt schön, dass du mit bist. Sonst ist es manchmal sehr einsam.
NIKE
Du sollst verheiratet sein und ein Kind haben?
RONALD
Wer erzählt denn so was?
NIKE
Habe ich gehört.
Ronald lacht eine Weile künstlich, aber schließlich klingt es echt.
RONALD
Wenn es wahr wäre, würde ich es zugeben.
NIKE
Du musst nicht lügen. Musst du nicht. Ich habe nichts mit dir vor.
Jedenfalls will sie glauben, dass es so ist.
Oft sagen die Figuren von Wolfgang nicht das was sie meinen, manchmal genau das Gegenteil. Gerade, wenn sie sich danach sehnen, geliebt zu werden. Sie verstecken ihre Verletzbarkeit hinter einer robusten, manchmal rauen Schale, die sie unverwundbar scheinen lässt. Sie lassen sich nicht so schnell in die Karten gucken. Das macht ihr Geheimnis aus und bringt sie uns nahe. Wer ist schon gerne verletzbar? Wer möchte nicht gerne geliebt werden?
Bricht die Fassade auf, schaut man zuweilen in tiefe Abgründe, manchmal – und zum Glück nicht zu selten – sind die kleinen Träume auch einfach nur komisch.
Wolfgangs Humor ist direkt, aber nie verächtlich. Die Menschen versuchen, ihrem kleinen Leben die größtmögliche Würde abzugewinnen. Manchmal ziehen sie dabei die falschen Schlüsse. Der Taxifahrer Harry sagt in SOLO SUNNY: „Mensch Sunny, bei der Kohle, die ick verdiene kann ick doch nich doof sein.“ Ronald, der Trucker, meint in SOMMER VORM BALKON auf die Frage, was er denn in seinem großen Auto eigentlich transportiert: „Meistens Teppiche. Aber das füllt mich nicht aus. Nicht beruflich und auch nicht menschlich.“
Kleine Menschen und ihre großen Träume. Bei Wolfgang ist das lustig, aber nie lächerlich. Er wirkt mit seinen 75 Jahren manchmal wie ein großer Junge, der sich gerade einen neuen Streich ausgedacht hat.
Im Gespräch reibt er sich bisweilen die Hände an der Brust, so wie andere sich an der Stirn kratzen. Es ist eine unbewusste Geste, als wolle er sich im Gedankenflug seiner Körperlichkeit versichern, sich konzentrieren, ohne grüblerisch zu sein. So bleibt er im Nachdenken offen.
Wolfgang hat ein erstaunliches Gedächtnis für besondere Sätze, besondere Geschichten. Manchmal scheinen sie Jahrzehnte in seinem Gedächtnis bewahrt, bis er die passende Szene für sie gefunden hat.
Er ist voller Anekdoten. Bei einer mehrstündigen Bahnfahrt mit Wolfgang reist man außer von einem Ort zum anderen auch noch durch Zeiten, zu Menschen und besonderen Begebenheiten. Und immer sind sie rührend, meist auch zum Lachen.
Auch über ihn selbst gibt es viele Geschichten. Einmal soll er ins DEFA-Studio gekommen sein, mit einer Blume am Revers. Jemand flaxte: „Na Wolfgang, biste jetzt schwul geworden?“ Wolfgang antwortete: „Halb Berlin weeß et besser.“
Jede Art von Künstlerattitüde ist Wolfgang fremd. Er liebt einfache Sätze, nicht die intellektuelle Phrasendrescherei. Die vielen Jahre in einer Branche voller Neid und Eitelkeiten haben ihn nicht beschädigen können. Bei all seiner Klugheit ist er trotzdem auf zauberhafte Weise der einfache Junge geblieben.
Vor gar nicht langer Zeit hat Wolfgang eine wunderbare Rede gehalten. Es war in der Akademie der Künste. Sein Freund und Weggefährte Frank Beyer war gestorben. Wolfgang fand auf seine unvergleichliche Art knappe Worte, pointiert und trotzdem sanft und würdig. Mit den richtigen Fragen.
Es ist schwer, auf der Trauerfeier eines Menschen zu sprechen, mit dem einen so viel gemeinsam gelebtes Leben verbindet. Es gilt, Distanz zu wahren, um Nähe zu ermöglichen.
Wolfgang hat mein Herz berührt wie kein zweiter an diesem Vormittag.
Als ich es ihm sagte und ihn dankbar umarmte, sah ich dieses verräterische Schimmern in seinen Augen. Es wären doch etwas viele Nachrufe gewesen, die er in letzter Zeit gehalten habe, meinte er.
Seine Kunst hat immer etwas mit Partnerschaft, Freundschaft zu tun. Wolfgang trifft sich nicht nur mit Menschen, um mit ihnen zu arbeiten. Er möchte mit ihnen das Leben und die Sicht auf die Welt teilen. Er ist treu. Gerhard Klein, Konrad Wolf, Frank Beyer hießen einige seiner wichtigsten Weggefährten.
Mit jedem von ihnen ist auch ein Stück Integrität, Aufrichtigkeit, Ernsthaftigkeit gegangen, ein Rest von Anstand in einer manchmal unanständigen Branche.
Doch weil es Menschen wie Wolfgang gibt, ist die Arbeit beim Film trotz aller Kämpfe immer wieder so eine große Freude.
Lieber Wolfgang, ich danke dir sehr, für die wunderbaren Filme, die du geschrieben hast, für die schöne Zeit, die wir miteinander verbracht haben und hoffentlich viel noch verbringen werden und ich bin sehr froh, dass dieser Preis heute ausnahmsweise mal nicht an Florian Henckel von Donnersmarck geht, sondern an dich!
Danksagung Wolfgang Kohlhaase
Wenn ich diesen Preis entgegennehmen darf, dann sehe ich damit in aller Öffentlichkeit die Vermutung gestärkt, dass Filme auf Drehbüchern beruhen.
Wenn ein Drehbuch etwas taugt, arbeiten die schönen Berufe die sich seiner annehmen mit mehr Aussicht auf Erfolg. Andererseits: was ist ein Drehbuch ohne die Kunststücke die ihm auf die Leinwand helfen?
So denke ich - und wiederhole einige Namen - wenn ich hier stehe an Gerhard Klein, Konrad Wolf und Frank Beyer, an Bernhard Wicki, an Volker Schlöndorff und auch aus neuerem Anlass und gutem Grund an Andreas Dresen. Ich denke auch an Kamera, Schnitt, Szenenbild, Produktion und Musik, vor allem aber über die Jahre hinweg an Schauspieler und ihre Gesichter.
Ich bin vielen Menschen verpflichtet, die ich bei der geselligen Beschäftigung getroffen habe, für die ich das Filmemachen halte. Weil zu diesem Abend der Name DEFA gehört, will ich auch hier sagen, dass wir damals Filme im Sinn hatten, die mit Wirklichkeit umgingen. Die Konflikte, wie man weiß, stellten sich ein, wenn die Filmbilder mit den Wunschbildern der Politik nicht zusammenpassten. Aber wie man auch weiß, sind wir nicht immer gescheitert.
Kino ist Ansichtssache. Man kann Filme machen über Eisberge und große Affen, über Weltuntergänge und das tägliche Glück, über die Königin und über das Mädchen, das um die Ecke wohnt, man kann weite Reisen machen oder nur vor die Tür treten. So oder so: Film sollte mehr sein als Unsinn und mehr als die Benennung von Tatsachen, die einem auch ohne Eintrittskarte zur Verfügung stehen.
Das Kino schuldet seinem Publikum das Leben, als Sicht auf das Leben. Der Film kann Fantasie betäuben und er kann sie wecken. Man braucht aber eine Menge Fantasie, um die Dinge zu sehen, wie sie sind.
Ich danke der DEFA-Stiftung für die Ehrung - und eins möchte ich noch sagen: Ermutigung ist angenehm in jedem Alter.