Mueller-Stahl, Armin


"Das Schreiben, Malen, Musizieren und die Schauspielerei gehören für mich einfach zusammen," umreißt Armin Mueller-Stahl seinen beruflichen Werdegang, der von seinem Leitspruch geprägt war, man müsse an die eigenen Produktionen immer wieder zweifelnd herangehen, um nicht stehen zu bleiben. Vergessen hat der Schauspieler, der in mehr als 120 Filmen sowie und Fernsehproduktionen zu sehen war, in der eigenen Aufzählung die Regie. Ursprünglich wollte Armin Mueller-Stahl, dessen Mutter das leicht verwechselbare Müller in Mueller umwandelte, Konzertgeiger werden. Doch dann wandte er sich dem Schauspiel zu.

Seit Anfang der 60er Jahre gehörte er zu den Großen Stars am Theater, bei der DEFA und beim Fernsehen der DDR. Fünfmal hintereinander wurde er zum beliebtesten Schauspieler der DDR gewählt. Nach seiner Übersiedelung in die Bundesrepublik 1980 konnte er an seine einstigen Erfolge anknüpfen, bevor ihm Mitte der 80er Jahre der Sprung nach Hollywood gelang.

Die Liebe zum Schreiben entdeckte er eher zufällig. Als ihn die Behörden der DDR zur beruflichen Untätigkeit zwangen, hielt er seine Gefühle und Gedanken in „Verordneter Sonntag“ fest. "Mich interessiert an der Literatur das Geheimnis. Wenn ich eine Geschichte von A bis Z erklärt bekomme, wenn sie ihre Endgültigkeit hat, dann fühle ich mich hinterher, als hätte ich Nachrichten gehört“ umschreibt er sein Credo (Berliner Morgenpost). Zugleich widmete er sich in diesen Jahren intensiver der Malerei, die er schon früh als Ausdrucksform für sich entdeckt hatte. Seit  1952 nutzt er Drehpausen und Reisen zum bildnerischen Gestalten von Federzeichnungen, Lithografien sowie Farbkompositionen in Öl und Acryl. Sein bildnerisches Schaffen wurde von der Kunstkritik und einer größeren Öffentlichkeit erstmals in einer Ausstellung im Potsdamer Filmmuseum 2001 und später im Buddenbrook-Haus in Lübeck und in Meiningen wahrgenommen.

Die vielfachen Begabungen waren ihm in die Wiege gelegt worden – doch Mueller-Stahl scheute sich auch nie, Risiken einzugehen und seinen eigenen Weg zu suchen. Geboren wurde er am 17. Dezember 1930 im ostpreußischen Tilsit, dem heutigen Sowjetsk. Die Heimat musste Armin Mueller-Stahl in den letzten Wochen des 2. Weltkriegs mit seinen Geschwistern und der Mutter verlassen. Zuvor hatte er das Glück, in einem Kunst liebenden Haushalt aufzuwachsen. Die Großmutter legte den Pinsel kaum aus der Hand, mit dem sie Porträts von Verwandten und Bekannten auf die Leinwand bannte. Seine Eltern Editha und Alfred Mueller-Stahl waren begeisterte Laienschauspieler und infizieren Minchen, wie er von der Familie getauft wurde, und seine zwei Schwestern und zwei Brüdern mit der Liebe zum Theater. Die Mutter hatte dem sechsjährigen auch die erste Geige geschenkt. Bei der Aufnahmeprüfung für die Berliner Musikhochschule fiel er 1948 durch. Das erste Mal bewies er Stehvermögen und seinen Dickschädel. Er vervollkommnet sein Spiel bei einem berühmten Geigenvirtuosen und schafft den Sprung zum Studium ans Städtische Konservatorium.

Doch der Drang zu spielen blieb wach. In der Schule, die er mit 16 schmiss, stand Armin Mueller-Stahl mit seinem vier Jahre älteren Bruder Hagen oft auf der Bühne. „Ich wollte ein geigender Hamlet sein“, erinnerte er sich später an seinen beruflichen Traum aus dem Jahre 1947 beide Künste zu vereinen. Die Ostberliner Schauspielschule schmeißt ihn jedoch wegen „mangelnder Begabung“ hinaus. Er nimmt privat Schauspielunterricht und findet sein erstes Engagement bei Fritz Wisten, dem Intendanten des Theaters am Schiffbauerdamm und der Volksbühne, der ihm eine winzige Rolle in einem Märchenstück gibt. Später wird er festes Mitglied des Ensembles der Volksbühne, wo er als Narr in Shakespeares „Was ihr wollt“ erstmals die Aufmerksamkeit der Kritik auf sich zieht. Wenn er an die Jahre zurück denkt, fallen ihm die Namen der hoch geschätzten Kollegen Willy A. Kleinau, Eduard von Winterstein, Wolfgang Heinz und Franz Kutschera ein, denen er viel verdankt. Bis zu seiner Ausreise in den Westen wird er am Theater am Rosa-Luxemburg-Platz bleiben. Dass die Kollegen nicht den Mut hatten sich von ihm zu verabschieden, versteht er zwar. Doch es hat ihn auch getroffen.

Die gerade begonnene Karriere schien durch den Mauerbau ein jähes Ende zu nehmen. Armin Mueller-Stahl wohnte im Westen Berlins, von wo aus er an den Prenzlauer Berg zog. „Kommunisten zu spielen entsprach von Zeit zu Zeit schon meiner Überzeugung. Der Gedanke, eine gerechtere Welt zu schaffen, in der es keine Kriege mehr gibt – das war nach 1945 unser Hauptthema. Und auch mein Thema und meine Hoffnung. Das wurde nur leider immer durch gewisse Daten unterbrochen – wie etwas den 17. Juni 1953, 1956 den Aufstand in Ungarn, 1961 der Mauerbau und 1968 der Einmarsch in der Tschechoslowakei.“ (Super Illu, Sonderausgabe 2006)  

1955 hatte er auch sein Debüt bei der DEFA, obwohl er beim ersten Vorsprechen mit Argumenten wie „zu westlich“ und „aus ihnen wird nie ein Günther Simon“ abgeblitzt war. Das Debüt in der missratenen Komödie „Heimliche Ehen“ geriet bald in Vergessenheit. 1960 gelang ihm der Durchbruch in dem Fernsehvierteiler „Flucht aus der Hölle“ als Abenteurer, den es in die Französische Fremdenlegion verschlägt. Der Rollentyp des verwegenen Einzelgängers, der wilde Verfolgungsjagden und sportliche Höchstleistungen zu meistern hatte, lag ihm. Und die Zuschauer liebten Armin Mueller-Stahl. Er machte 1973 bis 75 auch „Das Unsichtbare Visier“ zu einem legendären Straßenfeger für das DDR-Fernsehen.

Im DEFA-Indianerfilm und historischen Abenteuerfilmen wurde er gerne und oft besetzt. Zugleich machte er sich einen Namen als Komödiant und Charakterdarsteller. Egal ob als Kämpfer gegen den Faschismus in „Königskinder“ und anderen Filmen zum Thema Antifaschismus, in Komödien wie „Nelken im Aspik“, der im Archiv verschwand, Gegenwartsdramen wie „der Dritte“ oder Literaturverfilmungen wie „Wolf unter Wölfen“ und „Nackt unter Wölfen“ – Armin Mueller-Stahl hat sie mit seinem nuancenreichen Spiel geprägt.


Fred Delmare und Armin Mueller-Stahl in "Nackt unter Wölfen" (1962)
(Fotografin: Waltraut Pathenheimer)

Die Regisseure rissen sich um ihn. Das Kino der DDR sei damals um Klassen besser gewesen als das der BRD, denkt Armin Mueller-Stahl noch heute. Was Konrad Wolf, Frank Beyer, Egon Günther und andere gemacht haben, hätte in der BRD kaum ein Pendant gehabt. Eine enge Freundschaft und Zusammenarbeit verband ihn mit Frank Beyer. 1960 arbeiteten sie in „Fünf Patronenhülsen“ das erste Mal zusammen. In die 70er Jahren folgten zwei Filme, die Geschichte schreiben sollten: Die Adaption von Jurek Beckers „Jakob der Lügner“, die der DEFA 1975 die einzige Oscar-Nominierung ihrer Geschichte einbringen sollte.

Armin Mueller-Stahl schien auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Nachdem er den Protestbrief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns im Dezember 1976 unterschrieben hatte, standen bei dem Star, der sich sonst vor Angeboten nicht retten konnte, die Telefone still. Zunächst setzte sich Armin Mueller-Stahl heftig gegen die Repressionen zur Wehr. Eine Brücke der Verständigung wollte er, der sich stets auch als Architekt solcher Bauwerke unter Menschen sah, gemeinsam mit Frank Beyer mit dem Fernsehfilm „Geschlossenen Gesellschaft“ bauen.

Das Drama um einen Mann, der beim Nachdenken über den Zustand seiner Ehe zu dem Schluss kommt, dass er in Routine und Kleingeist erstickt ist, reflektierte im Privaten den Zustand einer Gesellschaft, die droht an ihren eigenen Konventionen zu ersticken und Idealen und Träume zu Ritualen macht. Der Film wurde von der Zensur ins Nachtprogramm verbannt und verschwand dann im Panzerschrank.

Das heftige Echo der Zensur zerstörte endgültig alle Illusionen des Stars. Er stellte den Antrag aus der DDR auszureisen.„Ich habe das Publikum in der DDR sehr ungern verlassen. Das ist mir schwer gefallen. 1975 kam mein Bruch mit dem `Unsichtbaren Visier`, dessen Drehbücher immer unerträglicher wurden, und 1976 die Biermann-Resolution. Damit war mein Leben in der DDR vorbei. Das stand für mich so fest wie dicke Tinte, dass ich mit diesem Land nichts mehr zu tun haben wollte.“ (ebd.)

Mehrere Jahre lang konnte Armin Mueller-Stahl wie alle Unterzeichner der Biermann-Resolution, die nicht mea culpa schrien und ihre Unterschrift unter die Resolution zurückzogen, nicht arbeiten. Das Vertrauen in Freundschaften, die über Jahre gewachsen waren, bekam erste Risse. Oder sie zerbrachen ganz in dieser Periode der politischen Diskussionen und der Verunsicherung, die Parteibürokratie, Staat und Stasi säen konnten. „Viele Leute wussten ja gar nicht mehr, wer ist Freund und wer ist Feind. Mit wem sind sie mehr befreundet – mit dem Staat oder dem Freund, den sie gerade verraten.“ Bei der Durchsicht seiner Stasi-Akten nach der Wende musste er zudem zu seinem Entsetzen feststellen, unter anderem von seinem besten Freund an die Staatssicherheit verraten worden zu sein. Dies war für ihn der Anlass für den Entschluss, nie wieder in Deutschland heimisch werden zu wollen. Kalifornien wurde zu seiner zweiten Heimat.

Im Herbst 1979 wurde ihm ein auf die Jahre befristetes Ausreisevisum aus der DDR ausgestellt. 1980 konnte Armin Muller-Stahl mit seiner Frau und seinem fünfjährigen Sohn Christian in die BRD übersiedeln. Der berufliche Neuanfang ist schwer. Titelrollen in „Der Alte“, „Schwarzwaldklinik“ oder „Der große Bellheim“ lehnt er trotzdem ab. Die zweite Karriere begann mit einem Anruf von Rainer Werner Fassbinder. Für die Hauptrolle des Baudezernenten Bohm in „Lola“ in der Hommage an die „Untertan“-Verfilmung „Der blaue Engel“ gewinnt er den Deutschen Filmpreis. Mit Fassbinder folgt noch „Die Sehnsucht der Veronica Voss“. Er dreht mit Patrice Chéreau, Andrzej Wajda, István Szabo, Alexander Kluge, Bernhard Wicki und Agniezka Holland. Nachdem „Bittere Ernte“ und „Oberst Redl“ 1985 für den Oscar nominiert wurden, wird er Klient bei Hollywood-Agent Walther Kohner. „Ich bin Amerika sehr dankbar, wie sie mich aufgenommen haben, denn ich bin ja rüber gegangen ohne Englisch zu sprechen oder kaum zu sprechen. Da war eine große Bereitschaft da, die schon eine große Toleranz aufweist.“ (Meine zweite Heimat Hollywood)

Der 60-jährige zieht in ein Viertel von Los Angeles, in dem vor ihm die Emigranten Thomas Mann, Arnold Schönberg, Theodor Adorno und Lion Feuchtwanger ein zweites Zuhause gefunden hatten, und kann sich in Hollywood, der Heimat seiner größten Kinohelden, ein drittes Standbein aufbauen. Er wird als „The Veteran East German Star“ geschätzt. Der Start in den USA war verknüpft mit dem Bruch alter Freundschaften aus der DDR. Dass Armin Mueller-Stahl in der Serie „America“ den Oberkommandierenden Sowjetischer Streitkräfte spielt, die die USA okkupieren, nahm ihm zum Beispiel Jurek Becker übel.

Der Siebenteiler wird zugleich seine Fahrkarte in die Filmindustrie. In Filmen wie Barry Levinsons „Avalon“, Costa Gavras „Music Box“, Scott Hicks „Shine“ und der Neuverfilmung von „Jakob der Lügner“ macht er sich einen Namen als Schauspieler, der ambivalente Charaktere meisterhaft verkörpern kann. Doch auch das Pop-Corn-Kino ist ihm nicht fremd, was Auftritte in Phantasymärchen wie „T.Rex“ und „Akte X“ oder dem Science Fiction Film „The 13th Floor“ beweisen.

1996 wagt er den nächsten Schritt. Bei „Interview mit einem Biest“, in dem ein 103-jähriger behauptet Adolf Hitler zu sein, führt er das erste Mal Regie. Er wählt in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Diktator den Weg, ihn als Monster zu interpretieren. Gedreht wurde der Film im Studio Babelsberg, wohin Armin Mueller-Stahl seit Anfang der 90er Jahre für die Arbeit an Filmen wie „Der Kinoerzähler“ oder Volker Schlöndorffs „Der Unhold“ zurückgekehrt ist. 

Zu einem Meilenstein in seiner Karriere und der deutschen Fernsehgeschichte wird 2001 der Dreiteiler „Die Manns“, den Mueller-Stahl in der Rolle des Familienpatriarchen Thomas Mann entscheidend mitprägt.

Am 30. September 2006 kündigt er seinen Abschied von der Leinwand an. „Ich muss nicht mehr mit hängender Zunge von einem Film zum nächsten rennen. Und ich muss auch niemandem mehr beweisen, dass ich noch gut im Geschäft bin,“ begründete er die Entscheidung, die mit einer gewissen Distanz zu seinem Beruf und Entwicklungen in der Filmindustrie verknüpft ist. „So wie die Schauspielerei heute funktioniert, kann ich sie nicht ernst nehmen. Wenn ich jemanden von der Straße hole, in eine Serie setze und der wird anschließend berühmt, hat das mit meiner Auffassung dieses Berufs nichts zu tun.“ (Bams)

Nur noch drei Rollen wolle er annehmen. Zu den letzten Premieren gehört Margarethe von Trottas „Ich bin die andere“.  In der Produktion sind Alexander Burowskis „Leningrad“ und David Cronenbergs „Eastern Promises“. Seinen Abschied wird er wohl in der Neuverfilmung der „Buddenbrooks“ von Heinrich Breloer nehmen. Anschließend wolle er sich nur noch der Malerei, der Musik und der Förderung junger Künstler widmen.

Stand: Januar 2006
Autorin: Katharina Dockhorn