Mellies, Otto

Der Schauspieler Otto Mellies überzeugt seit mehr als 55 Jahren auf der Theaterbühne, sein 50. Bühnenjubiläum am Berliner Deutschen Theater begeht er 2006. Hier steht er mit der Darstellung seines "Nathan, der Weise" in der großen Tradition von Paul Wegener, Eduard von Winterstein und Wolfgang Heinz. Die DEFA engagiert den Schauspieler Ende der 50er Jahre zunächst für die Adaption von Klassiker, später überzeugt der Darsteller auch in Gegenwartsstücken.

Otto Mellies und Marita Böhme in 'Minna von Barnhelm' (1962) Foto: DEFA-Stiftung/ Karin Blasig                                                                                                           

Otto Mellies wird am 19. Januar 1931 in Stolp (einige Quellen nennen Schlawe) geboren. Ein Großteil seiner Familie kommt kurz vor Kriegsende um. Er ist als 14jähriger gemeinsam mit seinem Bruder Eberhard Mellies, der später ebenfalls als Schauspieler arbeiten wird, auf sich allein gestellt, arbeitet unter anderem als Pferdepfleger für russische Soldaten. Mit 16 Jahren bewirbt er sich 1947 am Schweriner Theater. Er besteht die Aufnahmeprüfung unter der Leitung der Schauspielerdirektorin Lucie Höflich. Bei der gestandenen Bühnen- und Filmschauspielerin erhält er zwei Jahre Schauspielunterricht. Danach arbeitet der junge Schauspieler auf verschiedenen Bühnen im Osten Deutschlands. Er steht für einige Spielzeiten in Neustrelitz, Stralsund, Rostock und Erfurt auf der Bühne und erarbeitet sich ein umfangreiches Repertoire. Unter anderem spielt er mit 20 Jahren in Stralsund den Tempelherrn in Ephraim Lessings "Nathan der Weise".

1956 holt ihn der Intendant Wolfgang Langhoff ans Deutsche Theater in Berlin, dem der Schauspieler auch heute noch als Gast angehört. Hier wird Otto Mellies zum Charakterdarsteller. Er spielt den Pylades in der legendären "Iphigenie"-Inszenierung von Thomas Langhoff aus dem Jahr 1976 mit Inge Keller in der Hauptrolle. Häufig arbeitet er unter der Regie von Friedo Solter, Alexander Lang, Thomas Langhoff und Joachim Gosch. Zu sehen ist er unter anderem in Stücken von Shakespeare, Ibsen, Shaw, O'Casey, Strindberg, Sartre, Hauptmann und Hacks. Aus seiner mehr als 55 Jahren eindrucksvollen Bühnenpräsenz ragt die Darstellung des Nathan hervor, den Friedo Solter 1987 inszeniert. Dem mehr als 300mal gespielten Stück zollen Kritik wie Zuschauer reichlich Anerkennung. In Berlin steht seine Darstellung in der großen Tradition von Paul Wegener, Eduard von Winterstein und Wolfgang Heinz. Otto Mellies agiert zurückhaltend als erfahrener Jude, dem die Last des Erlebten fast in Resignation fallen läßt.

Seit Mitte der 50er Jahre steht Otto Mellies auch vor der Kamera. Er debütiert mit einer kleinen Rolle in dem Unterhaltungsfilm SOMMERLIEBE (1955) unter der Regie von Franz Barrenstein. Erst vier Jahre später ist er wieder in einem DEFA-Film zu sehen. In der Literaturverfilmung KABALE UND LIEBE (1959) von Martin Hellberg gibt er den jungen Ferdinand. Die Inszenierung wird wegen ihrer großartigen Schauspielerleistung gelobt. In der Folge ist Otto Mellies mehrfach in Klassiker-Adaptionen und Bühnenverfilmungen zu sehen. In der Jacques Offenbach-Operette DIE SCHÖNE LURETTE (1960) von Gottfried Kolditz agiert er als Herzog von Marly, der die schöne junge Frau für ein amouröses Abenteuer gewinnen will und sie danach dem König als neue Mätresse zuführen möchte. Unter anderem gibt er den preußischen Major von Tellheim in MINNA VON BARNHELM ODER DAS SOLDATENGLÜCK (1962) wieder unter der Regie von Martin Hellberg.



Otto Mellies mit Karola Ebeling in "Kabale und Liebe" (1959)
Foto: DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Aber der Schauspieler ist auch in Gegenwartsstoffen zu sehen. In SIMPLON-TUNNEL (1959) von Gottfried Kolditz spielt er Erich, einen deutschen Arbeiter, der sich mit einem Italiener um das Mädchen Rosa streitet. Beide arbeiten mit vielen anderen Anfang des 20. Jahrhunderts am Simplon-Tunnel, der durch die Alpen eine Eisenbahnverbindung zwischen der Schweiz und Italien ermöglichen soll. Der Schauspieler überzeugt in DER ARZT VON BOTHENOW (1961) unter der Regie von Johannes Knittel. Hier spielt er den Arbeitersohn Harry Brenner, der nach einem erfolgreichen Medizinstudium eine steile Karriere in der Hauptstadt macht, aber wegen einer groben Pflichtverletzung in die Provinz versetzt wird. Hier beginnt er, sein Leben neu zu gestalten.

Anfang der 60er Jahre ist der Schauspieler auch im Fernsehen der DDR präsent. Mit der Darstellung des Arztes in dem Fünfteiler "Dr. Schlüter" (1965) von Achim Hübner wird Otto Mellies über die Grenzen des Landes bekannt. Erzählt wird die Geschichte eines Wissenschaftlers, der sich zunächst ganz in den Dienst der Großchemie stellt, bis er das chemische Werk eines Konzentrationslagers in Polen übernehmen soll. Er flieht an die Front, bedenkt dort mit Hilfe sowjetischer Freunde sein Leben neu. Die TV-Serie ist beim Publikum überaus beliebt. Am 03. Februar 1966 erhält der Film viel Lob auf einer Tagung des Präsidialrats des Deutschen Kulturbundes, wogegen die Filme DAS KANINCHEN BIN ICH (1965) und DENK BLOß NICHT, ICH HEULE (1965) kritisiert werden und gar nicht erst den Weg zum damaligen Publikum finden.

In der fünfteiligen Fernsehinszenierung "Begegnungen" (1967) von Georg Leopold und Konrad Petzold spielt er den deutschen Wehrmachtsangehörigen Walter Reinhardt im antifaschistischen Widerstand. In einem weiteren erfolgreichen Fünfteiler, der Filmbiographie "Ich - Axel Caesar Springer - Erklärung eines Wunders" (1968-1970), agiert er als Horst-Herbert Alsen, alter Freund von Axel Springer (gespielt von Horst Drinda). Die Rollenangebote sind zahlreich: Otto Mellies spielt ein Mitglied des Nationalkomitees "Freies Deutschland" in "Geheimkommando Spree" (1968), agiert als Lehrer in einer Geschichte um Liebe, Ehe und Partnerschaft wie "Spätsaison" (1974) oder als Dr. Kiebaum in der Serie "Kriminalfälle ohne Beispiel".

Auch die DEFA hat für Otto Mellies zahlreiche Aufgaben in Gegenwartsstoffen parat. In der Anna Seghers-Verfilmung DER FRÜHLING BRAUCHT ZEIT (1968) von Günter Stahnke spielt er den parteilose Heinz Solter, Ingenieur eines Energieversorgungsbetriebes, dem grobe Fahrlässigkeit vorgeworfen wird. Er kann aber nach zahlreichen Diskussionen in seinem Betrieb seine Unschuld beweisen. Der Betriebsleiter ist der eigentlich Schuldige, da er alles in Bewegung setzt, um Wettbewerbssieger zu werden. Der Film wurde kurz nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED aus den Kinos genommen. Die Kritik des Films war zu deutlich: Ursache des Betriebsunfalls sind mangelnder Sachverstand der Leitung sowie die Uneffektivität des Leitungssystems. Otto Mellies ist in dem Episodenfilm AUS UNSERER ZEIT (1969) zu sehen und agiert in ZEIT ZU LEBEN (1969) von Horst Seemann.

Ab den 70er Jahren konzentriert sich der Schauspieler auf seine Theaterarbeit, ist nur noch selten in Hauptrollen vor der DEFA-Kamera präsent. Dafür wirkt er in zahlreichen Fernsehsendungen mit, ist wie viele seiner Kollegen in Teilen der Reihen "Polizeiruf 110" und "Der Staatsanwalt hat das Wort" zu sehen. Auch im wiedervereinigten Deutschland ist Otto Mellies darstellerische Ausstrahlung gefragt, allerdings weniger auf der Kinoleinwand als in gehobener Fernsehunterhaltung.

Neben seiner umfangreichen Theaterarbeit synchronisiert Otto Mellies. Er leiht seine wundervoll sonore Stimme unter anderem den Schauspielern Paul Newman, Christopher Lee und Sean Connery. Auch der Hamster im "Märchenland" wird von Otto Mellies gesprochen. Bereits Ende der 50er und bis Mitte der 60er Jahre ist er Sprecher in zahlreichen Dokumentationen des DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme. Ab den 80er Jahren reist er mit Lesungen durch das Land, tritt unter anderem bei den Berliner Märchentagen auf. Der Schauspieler spricht auch Hörbücher. Dazu zählt zum Beispiel "Die Legende vom vierten König" von Edzard Schaper. In dem Programm "Tanz, Gesang und Küchentratsch" steht er neben anderen Künstlern aus der DDR zum Gedenken an Helga Hahnemann auf zahlreichen Bühnen des Landes.

Otto Mellies lebt mit seiner Familie in Berlin. Er ist mit einer Sopranistin verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn.

zusammengestellt von Ines Walk (www.film-zeit.de)


Filmographie

  • 1955 Sommerliebe
    Darsteller
  • 1959 Kabale und Liebe
    Darsteller
  • 1959 Simplon-Tunnel
    Darsteller
  • 1960 Die schöne Lurette
    Darsteller
  • 1961 Der Arzt von Bothenow
    Darsteller
  • 1962 Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück
    Darsteller
  • 1962 Altweibersommer
    Darsteller
  • 1964 Pension Boulanka
    Darsteller
  • 1965 Der Frühling braucht Zeit
    Darsteller
  • 1965 Entlassen auf Bewährung
    Darsteller
  • 1968 Das siebente Jahr
    Darsteller
  • 1969 Aus unserer Zeit, Episode "Das Duell"
    Darsteller
  • 1969 Zeit zu leben
    Darsteller
  • 1970 Meine Stunde Null
    Darsteller
  • 1977 Trampen nach Norden
    Darsteller
  • 1977 Einer muß die Leiche sein
    Darsteller
  • 1979 Lachtauben weinen nicht
    Darsteller
  • 1986 Fahrschule
    Darsteller
  • 1989 Ein brauchbarer Mann
    Darsteller
  • 1989 Die Geschichte von der Gänseprinzessin und ihrem treuen Pferd Fallada
    Darsteller
  • 1991 Superstau
    Darsteller
  • 1991 Der Straß
    Darsteller


Sprecher

  • 1957 An der Via Egnatia
    Sprecher
  • 1957 Zwischen Himmel und Erde
    Sprecher
  • 1957 Hellas ohne Götter
    Sprecher
  • 1957 Hokuspokus Fidibus
    Sprecher
  • 1957 Insel der Rosen
    Sprecher
  • 1957 Zwischen Himmel und Erde
    Sprecher
  • 1958 Die Elenden
    Sprecher
  • 1958 In den Bergen Nordvietnams
    Sprecher
  • 1958 Tiere im Winter
    Sprecher
  • 1958 Tierfreundschaften
    Sprecher
  • 1958 Der Winter ist ein harter Mann
    Sprecher
  • 1958 Es ist kein Geheimnis!
    Sprecher
  • 1959 Wir berichten aus Pan Yü
    Sprecher
  • 1960 Georg Friedrich Händel
    Sprecher
  • 1960 Heilende Worte
    Sprecher
  • 1960 Das kosmische Zeitalter hat begonnen
    Sprecher
  • 1960 Der Altar von Pergamon
    Sprecher
  • 1960 Robert Koch
    Sprecher
  • 1961 Genosse Sziau erzählt
    Sprecher
  • 1961 Signale aus dem All
    Sprecher
  • 1962 Verlorenes Land
    Sprecher
  • 1963 Ein Falterleben
    Sprecher
  • 1963 Entzauberte Kristalle
    Sprecher
  • 1963 Mit einer Lupe fing es an
    Sprecher
  • 1965 Narkose
    Sprecher


TV-Filme und Serien

  • 1962 Die neue Losung
    TV-Film, Darsteller
  • 1965 Dr. Schlüter,
    5 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1967 Begegnungen,
    5 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1968 Geheimkommando Spree
    TV-Film, Darsteller
  • 1968 Ich - Axel Caesar Springer - Erklärung eines Wunders
    TV-Film, Darsteller
  • 1969 Geheime Spuren
    TV-Film, Darsteller
  • 1970 Folge einem Stern
    TV-Film, Darsteller
  • 1974 Spätsaison
    TV-Film, Darsteller
  • 1975 Mord im Märkischen Viertel
    TV-Film, Darsteller
  • 1975 Steckbrief eines Unerwünschten
    TV-Film, Darsteller
  • 1977 Polizeiruf 110, Episode "Kollision"
    TV-Serie, Darsteller
  • 1978 Polizeiruf 110, Episode "Die letzte Chance"
    TV-Serie, Darsteller
  • 1978 Polizeiruf 110, Episode "Doppeltes Spiel"
    TV-Serie, Darsteller
  • 1979 Martha, Martha
    TV-Film, Darsteller
  • 1980 Jugend ohne Gott
    TV-Film, Darsteller
  • 1980 Überblickt man die Jahre
    TV-Film, Darsteller
  • 1980 Wie soll sich eine Frau entscheiden?
    TV-Film, Darsteller
  • 1981 Zahl bar, wenn du kannst
    TV-Film, Darsteller
  • 1982 Das Mädchen und der Junge
    TV-Film, Darsteller
  • 1983 Martin Luther
    TV-Film, Darsteller
  • 1984 Klassenkameraden
    TV-Film, Darsteller
  • 1984 Drei reizende Schwestern: Ein Mann fürs Leben
    TV-Film, Darsteller
  • 1986 Polizeiruf 110, Episode "Mit List und Tücke"
    TV-Serie, Darsteller
  • 1987 Der Geisterseher
    TV-Film, Darsteller
  • 1988 Tiere machen Leute,
    8 Folgen TV-Serie, Darsteller
  • 1989 Schulmeister Spitzbart
    TV-Film, Darsteller
  • 1990 Liebesfilm
    TV-Film, Darsteller
  • 1990 Der Staatsanwalt hat das Wort, Episode "Bis zum bitteren Ende"
    TV-Film, Darsteller
  • 1991 Jugend ohne Gott
    TV-Film, Darsteller
  • 1992 Tatort, Episode "Tod aus der Vergangenheit"
    TV-Serie, Darsteller
  • 1996 Natascha - Wettlauf mit dem Tod
    TV-Film, Darsteller
  • 1997 Raus aus der Haut
    TV-Film, Darsteller
  • 1997 Polizeiruf 110, Episode "Über den Tod hinaus"
    TV-Film, Darsteller
  • 1999 Stubbe - Von Fall zu Fall, Episode "Kein Tod ist wie der andere"
    TV-Serie, Darsteller
  • 2001 Das Staatsgeheimnis
    TV-Film, Darsteller
  • 2002 Gefährliche Nähe und du ahnst nichts
    TV-Film, Darsteller
  • 2003 Tatort, Episode "Sag nichts"
    TV-Serie, Darsteller
  • 2004 Tatort, Episode "Hundeleben"
    TV-Film, Darsteller
  • 2004 Mord am Meer
    TV-Film, Darsteller
  • 2004 Bloch - Ein krankes Herz
    TV-Film, Darsteller


Auszeichnungen

1960 KABALE UND LIEBE
Heinrich-Greif-Preis I. Klasse im Kollektiv (gemeinsam mit Martin Hellberg, Karl Plintzner und Harald Horn)

Ausgewählte Literatur

M. Heidicke: "Sich immer neu stellen" – Otto Mellies, in: Filmspiegel, 14/1977.

Ursula Mewes: Unsere Kunst soll für den Tag und auch darüber hinaus wirken. Im Gespräch mit dem Schauspieler Otto Mellies, in: Neues Deutschland, 11.12.1984.

Klaus Piontek: "Es ist alles viel einfacher" und doch nicht selbstverständlich – Otto Mellies 60, in: Berliner Zeitung, 19.01.1991.

Marlis Linke: Erfolg läßt sich nicht programmieren: Der Schauspieler Otto Mellies, in: Filmspiegel 26/1989.

Christoph Funke: Die Angst des weisen Nathan. Heute begeht der Schauspieler Otto Mellies seinen 70.Geburtstag, in: Neues Deutschland, 19.01.2001.

Detlef Friedrich: Nicht die Kinder bloß speist man mit Märchen ab. Der Nathan des DT: Otto Mellies wird siebzig, in: Berliner Zeitung, 19. 01.2001.