Exile On Mainstreet

Vom 18. September bis 22. November besuchte ich auf Einladung der DEFA Film Library, Amherst/MA, und mit Unterstützung der DEFA Stiftung 24 Universitäten, Colleges und kulturelle Einrichtungen in 11 Bundesstaaten der USA und Canadas.
An kaum einem dieser Orte erwarteten mich weniger als drei Veranstaltungen, an vielen mehr als fünf.  Nach einer Anfangsphase von gut 2 Wochen an der UMASS Amherst wechselte ich an jedem zweiten, dritten, spätestens vierten Tag den Ort.
Die Addition aller meiner US Flug-, Zug- und Busstrecken plus Hin- und Rückflug über den Atlantik entspricht dem Erdumfang von 40.000 km. Von den über 100 Lehrveranstaltungen wurde ich bei dreien gebeten, sie nicht in Englisch zu halten, da es sich bei diesen drei geschlossenen Klassen um Deutschstudenten handelte.
Karen Remmler am Mt.Holyoke College und John Brown an der Indiana Wesleyan University schrieben, während ich sprach, Schlagwörter aus meinen Sätzen auf die Klassenzimmertafeln hinter mir, projizierten bei Bedarf die Nachkriegskarte Deutschlands oder stellten zur Sicherung des Verständnisses Zwischenfragen an ihre Studenten. Das waren sehr besondere Momente für mich, so weit weg von zu Hause jungen Menschen in meiner eigenen Sprache zu begegnen und ihnen darin etwas behilflich zu sein. Ansonsten traf ich überall auf gemischtes Publikum, da sich jeweils verschiedene Departments für meine Veranstaltung zusammengetan hatten: Deutsch, Geschichte, Politik, Kunst, Film. Die Studentenzahlen pro Veranstaltung schwankten von 10, 12 über 40, 50 bis zu 80, 90, die Besucherzahlen öffentlicher Abendveranstaltungen lagen auch über 100, 150, im Dryden Theater des Eastman Houses in Rochester sicher über 200. Die Q&As nach einigen Vorträgen oder den Filmen dauerten manchmal länger als eine Stunde. Zwischen den Studenten saßen oft nicht nur deren Professoren, sondern weitere Professoren und Lehrende derselben oder anderer Universitäten, die eigene, oft persönliche oder familiäre Gründe hatten, meinen Vortrag zu hören und ihre Fragen zu stellen. In einigen der universitätsoffenen Veranstaltungen saßen ebenso viele Erwachsene wie Studenten, in den Abendveranstaltungen örtlicher Kinos mehr. Die einzelnen Veranstaltungen dauerten je nach Unterrichtsstruktur 50, 75, 90 oder 90 Minuten plus Spielfilm.

 Im Zentrum meiner Lectures, Workshops, Round Table oder Public Discussions standen Letztes aus der DaDaeR (1990) und drei weitere meiner in den USA englisch untertitelten Filme: Tuba wa duo (1988/89), Rock’n’Roll (1986/87) sowie mein Debütfilm Das Eismeer ruft (1983). In den Abendveranstaltungen überwog DaDaeR, in dessen Einführungen vor und Q&As nach dem Film ich je nach Publikum einging auf die Wenzel/Mensching Vorgeschichte außerhalb der DEFA, die Vorgeschichte der Nachwuchsgruppe innerhalb der DEFA, auf das im Studio über die Jahrzehnte zuerst handwerklich verflachte, dann so gut wie abhanden gekommene und der letzten Regie-Generation komplett verweigerte Genre Musikfilm und auch auf den Rahmen aus den Trümmerfilmern der 40er und den Scherbenfilmen der ersten 90er Jahre. Aber auch Das Eismeer ruft lief an drei verschiedenen Abenden, und meine Sorge, dass der Film für studentisches Publikum eventuell nicht der geeignetste wäre, war umsonst. Selten habe ich zwanzigjähriges Eismeer-Publikum erlebt, das so aufmerksam und dicht am Film reagierte und danach so intensiv und dankbar die Entstehung des Films und Alex Wedding diskutiuerte wie in diesem Jahr in den USA.
Die Kurzfilme Tuba wa duo und Rock’n‘Roll wurden nicht nur, aber mehr innerhalb von Vorlesungen gewünscht, um das Sprachliche mit Filmbeispielen zu ergänzen.
Meinen Rock’n’Roll Film in den USA zu zeigen, ist natürlich wie Eulen nach Athen zu tragen, aber wer über die DDR und ihre Angst vor der Jugend nachdenkt, kommt an dem zehnjährigen Staatsboykott dieses Tanzes und dieser Musik nicht vorbei.
Als es einmal um den damaligen Ausbildungsweg in einen Filmberuf ging, zeigte ich die beiden HFF Übungen Musikübung und Knoten, die ich 1974 und 1976 zusammen mit Thomas Plenert drehte und seit diesem Jahr in Kopie besitze. In beiden Etüden spielen die Rolling Stones eine Rolle, in Musikübung sind sie zu sehen, in Knoten zu hören. Beide Etüden entsprechen nicht den Vorstellungen, die man in Amerika von 70er Jahre Ostblockstudentenfilmen hat. Einige Klassen und Unterrichtende machten von meinem Angebot Gebrauch, mir per Email weitere Fragen hinterherzuschicken, die ich von meinen nächsten Orten aus beantwortete.

 Parallel zur Auswahl eines Filmes konnte sich jeder meiner DFL Tour Partner ein eigenes Vortragsthema wünschen oder auch für einen der von mir angebotenen Aspekte zur DEFA Geschichte entscheiden, für die ich jeweils eine Reihe von Spielfilmclips vorbereitet und auf DVD mitgenommen hatte. Denn von Anfang an war mir klar, dass es Unsinn wäre, in den USA zu stehen und nur über meine eigene Arbeit, meine eigenen Versuche und Misserfolge Auskunft zu geben, ohne einige der Zusammenhänge, Hintergründe und Vorgeschichten der DEFA, ohne die Nöte und Zwänge ehemaliger Studiokollegen ebenso zu bedenken. Deshalb hatte ich auch vorab versucht, einige Gespräche zu führen und gemeinsam mit anderen dieses und jenes zu erinnern. Allein diese Phase meiner Reisevorbereitungen war ein großes Glück. Natürlich traf ich Freunde, aber eben auch Persönlichkeiten, denen ich bisher nie direkt oder nie unter vier Augen begegnet war und mit denen ich ohne diese bevorstehende Reise aller Wahrscheinlichkeit nach niemals mehr gesprochen hätte.

 Allen, die mir diese für mich wichtigen Begegnungen und Gespräche gestatteten, Fragen beantworteten oder Materialien aus ihren Archiven liehen, möchte ich an dieser Stelle noch einmal sehr herzlich danken: Evelyn Carow, Gabriele Denecke, Corinna Erkens, Heinrich Gebauer, Frank Burkhard Habel, Siegfried Hartmann, Holger Lochau, Rudolf Jürschik, Helmut Nitzschke, Günter Reisch, Evelyn Schmidt, Ulrich Weiß, Heidrun Wilkening.

Im Frühling vor diesen angenehm offenen Gesprächen war ich noch einmal abgetaucht in die frühesten DEFA Filme, in die ersten, zweiten und dritten Kapitel des Studios, weil sich jeder einzelne Film von heute aus natürlich anders ansieht als zur Zeit seiner Entstehung oder zur Zeit der DDR. Zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der DDR sieht oder ahnt man ihn kommen, - in fast jedem DEFA Film. Heute guckt man das Ende der sich damals vorzeitig selbsternannten Sieger der Geschichte mit.

Ihre konservierte Zuversicht und Siegesbotschaft, dieselben Happy Ends und Illusionen erscheinen nicht mehr nur heroisch peinlich, sondern menschlich klein, eher verzagt und hilflos als unangemessen und größenwahnsinnig. Vielleicht liegt hier eines der Geheimnisse des  US Interesses an den Babelsberger Filmen aller Genres und Jahrzehnte. DEFA Filme bleiben eine Lupe, ein Brennglas ihrer Zeiten. Man erlebt Nachkrieg, Kalten Krieg, Welten- und Deutsche Teilung, Berliner Mauer und auch die Ablenkung davon nicht nur als Geschichtsbuch, Wikipedia oder Millionenfrage, sondern als meist künstlerisch stark erzählte Einzelschicksale und Familiengeschichten, deren Autoren, Regisseure, Teams und Besetzungen es sich selten leicht machen wollten. Selbst die oft unvermeidliche Propaganda und Hetze bleibt eher Dokument, gibt heute mehr Auskunft über das Klima und Dilemma einer bestimmten Situation als über die individuellen Boshaftigkeiten der Filmemacher.

 Zweimal hatte ich die große Ehre Letztes aus der DaDaeR als Doppelvorstellung zusammen mit einem anderen Film einzuführen und zu diskutieren.  In Boston war das Die Unberührbare von Oskar Roehler und in New York City Miraculi von Ulrich Weiß. Beide Kopplungen und Diskussionen bewegten das Publikum ebenso wie mich. Die Unberührbare als einziger westdeutscher Spielfilm, der das Ende des Ostens nicht auf die leichte und gut vermarktbare Juxschulter nimmt, sondern seine extravagante Heldin daran leiden und sterben lässt, und Miraculi, der sicher weitsichtigste und existentiellste der späten DEFA Scherben-Filme, der nicht nur seinen beunruhigten Helden leiden und, niemand weiß wohin, entfliehen lässt.

 Aus den Schaufenstern aller Straßen, den Auslagen aller Flughäfen und Bahnhöfe, lächelte mich Keith Richards vom Einband seines Bestsellers LIFE an. Er startet sein Lebensbuch mitten in den 70ern, nachdem die USA zusätzlich zur musikalischen Identität auch die steuerliche der Rolling Stones geworden waren. Er startet mit den Problemen, die die USA mit dem Rock’n’Roll hatten, und mit denen, die die Rolling Stones in den USA hatten. Doch 2010, im Jahr vor der Rolling Stones Abschiedstour, scheint sich der Titel ihres 1972er Albums Exile On Mainstreet, das sowohl für konzeptionelle Herkunft stand, als auch für die damals neuen Lebensmittelpunkte der Stones, endgültig einzulösen. 1972 hatte ich nach meinem Volontariat das Regiestudium in Babelsberg begonnen. Es war nach dem Scheitern des Jahres 1968 eine der kraftvollsten Zeiten. Für 2011 ist eines der Exile On Mainstreet Konzerte als DVD angekündigt. Doch jetzt erobert Keith Richards die USA from Coast to Coast mit einem Buch wie mit einem Pflasterstein, sein Exil auf der Hauptstraße ist keins mehr.

Als es die DEFA nicht mehr gab, ihr Name aus dem Handelsregister gestrichen wurde und sich alle ihre Angestellten auf dem freien Markt behaupten durften, hatte jeder Einzelne dieses Filmstudio auch in sich zu schließen, abzuschließen, um frei zu sein für neue Chancen und Herausforderungen. Jeder DEFA Mitarbeiter hatte vor 20 Jahren, ob er wollte oder nicht, die DEFA bei Strafe seines eigenen Unterganges zu vergessen. Aber so verständlich das mediale und öffentliche Desinteresse an den ostdeutschen Filmen in der Bundesrepublik Deutschland war, so frappierend einleuchtend scheint inzwischen die damals sicher kühne Idee Barton Bygs zu sein, eine DEFA Film Library in den USA aufzubauen. Die US Nachfragen nach den seitdem aufgearbeiteten, untertitelten und angebotenen DEFA Filmen nehmen jährlich zu, die Themenvielfalt der ihnen gewidmeten Forschungsprojekte und Lehrstoffe ist umwerfend. Ich habe auf meiner Herbstreise durch die USA die Filme, die hier auf der alten Hälfte der Welt vor zwei Jahrzehnten beerdigt zu werden hatten, dort auf der Seite der Neuen Welt wieder aus der Erde wachsen sehen. Und zwar nicht als unverbesserliche Boten eines vielfach, in jeder Hinsicht gescheiterten linken Gesellschaftsversuches, sondern als Zeugnis, als Augenzeuge, heiterster Hoffnung und bittersten Irrtums.  DEFA Filme taugen in ihrer Gesamtheit, um sowohl mit in der Ferne Nachgeborenen als auch mit älterem US Publikum den Osten Deutschlands von seinem Nachkriegsstart mit all den paradiesischen Visionen und verlockendsten Versprechungen über teuflische Sündenfälle und vier jahrzehntelang  einander immer wieder abwechselnden Illusionen und Tiefschlägen bis hin zu einem lange überfälligen Untergang zu begreifen. Nach dem „Zweiten Leben der Filmstadt Babelsberg 1946 – 1992“ hat in Amerika ein drittes begonnen. Ich habe es gesehen.

 Danke Hiltrud Schulz für Dein unvorstellbares Organisationstalent und Deine unverwüstliche innere Sonne, Danke Barton Byg für Deine weder damals noch heute hier so nicht mögliche DEFA Vision und ihre kaum zu fassende Realisierung, Danke Skyler Arndt-Briggs für Deine Power, Dein Engagement und Deine immer charmante Aufmerksamkeit, Danke Jason, Evan, Barth für Euren Humor, Danke allen auf Eurer Etage nicht nur für das Geburtstagslied, Danke Benita, Jenn und Freunden, Reinhild und Freunden für Eure Wanderungen ins Grüne, Danke allen DFL Tour-Partnern, denen ich überall wie Road Runner begegnet war. Eure herzlichen Empfänge und Betreuungen haben mich umgehauen.

 Good Luck, Take Care, See You
Jörg Foth