Filmen bedeutet Vermessen, Wahrnehmen, auch Täuschen. Oder ist das Täuschen das Formen der Welt zum Tonbild? Die Frage des Stils. Die Welt täuscht auch die FilmemacherInnen. Es ist beileibe nicht einfach in komplexen (ideologischen) Verhältnissen eine klare Wahrnehmung zu haben,“ denkt der Dokumentarfilmregisseur Bernhard Sallmann über seinen Beruf. „Wahrscheinlich ist es auch nicht nötig.“ (zitiert nach "Dorf Welt Kino", SCHNITT, 58, 2/2010.)
Seine Filme sind Heimatfilme im besten Sinne des Wortes. Was für Volker Koepp die Uckermark, ist für ihn Brandenburg, speziell die Lausitz. Seit knapp zwei Jahrzehnten durchstreift der gebürtige Österreicher mit dem Fahrrad die Landschaft rund um Berlin. Später kam die Kamera hinzu. Für seine Filme findet er Bilder dieser alten Kulturregion, oft rau und unnahbar, bizarr und einladend. Oft sind es beinahe Stilleben, die den Zuschauer zum Betrachten auffordern und zum Verweilen einladen.
„Der Blick auf die Landschaft ist auch ein Blick auf Filmleinwände. 1:1,33. 1:1,66. Cinemascope. Als Möglichkeit: Das dynamische Quadrat. Ein Blick in Jahreszeiten und durch Farbskalen. Das Kino ist überall! Und es war schon immer schon da. Der Kinematograph musste nur noch die vorhandenen Elemente in eine technische Anordnung setzen und sich apparativ erfinden.“ (siehe ebd.)
Sallmann liebt auch die Menschen, die hier Wurzeln geschlagen haben. In seinen ersten Filmen stand noch die Landschaft im Zentrum. In „Träume der Lausitz“, dem letzten Teil seiner Trilogie über die von der Kohle gezeichnete Gegend, stellt er das Heilen der Wunden der Natur durch die bewusste Gestaltung der Umwelt durch den Menschen in den Mittelpunkt.
Bernhard Sallmann wird 1967 in einem Dorf in der Nähe von Linz geboren. Die Erfahrungen mit der Zerstörung der Umwelt in seiner Kindheit haben seinen filmischen Blick geprägt. „Das Dorf Ansfelden im oberösterreichischen Voralpenland ist in einen Hügel hinein gebaut. Wenn ich auf den Kamm des Hügels gehe, sind zweierlei Blicke möglich: Bei Föhnlagen sehe ich ein gigantisches Alpenpanorama, das sich über etwa 200 Kilometer hinstreckt. Die markanteste westliche Erhebung ist der Traunstein, mittig zeigt sich das Tote Gebirge, die markanteste östliche Erhebung ist der Schneeberg. Fremde meinen, dass die Berge „zum Greifen nahe“ seien, tatsächlich befinden sie sich in etwa 100 Kilometer Entfernung. Dieser Blick offenbart in überwältigender Weise das Naturschöne.
Ein anderer Blick: Vom elterlichen Haus sehe ich das Weichbild der Industriestadt Linz. Die qualmenden Schlote. Ein Zivilisationsraum, verdichtet, urban. Nachts zeigt sich ein Netz aus Lichtgeflechten. Die Abstraktion des Stadtraums. Nacht/Tag. Naturlicht/Kunstlicht. Der Fernblick: Es berührt mich immer ein Brief des Dichters Adalbert Stifter an seine Frau. Von der Höhe des Kurortes Kirchschlag blickt er mit dem Fernrohr auf das etwa 40 Kilometer entfernte Wohnhaus in Linz hinab und sieht seine Frau.“ (siehe ebd.)
Schon früh ist er mit der Zerstörung des Schönen durch die Industriegesellschaft konfrontiert. Die Autobahn durchschneidet die idyllische Landschaft, bricht unüberhörbar in die Stille des Dorflebens ein.
Mit der 5. Klasse wechselt Sallmann aufs Gymnasium nach Traun nahe Linz, wo er 1985 die Matura ablegt. Er entdeckt das Theater und ab 1982/1983 in einem Pornokino, das abends Filmklassiker spielt, Pasolini, Tarkowski, Fassbinder und andere Meisterregisseure der siebten Kunst. Zu den Österreichischen Filmtagen im 30 km entfernten Wells fährt er regelmäßig mit dem Fahrrad. Dort lernt er den experimentellen Film kennen. „In der Pubertät war es für mich entscheidend, aus dem Dorf auszubrechen.“
Nach dem Zivildienst studiert Sallmann Publizistik, Kommunikationswissenschaften und Germanistik in Salzburg. An der Freien Universität studiert Bernhard Sallmann ab 1988 Medienwissenschaften. Seine Abschlussarbeit schreibt er über die linken Filmemacher Straub und Huillet. In den letzten Wochen des Studiums schwankt er, ob er die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen soll oder selbst Filme macht. Den Ausschlag gibt die Chance auf seinen ersten Film, mit dem er an die während des Studiums entstandenen Videoarbeiten im VHS-Format anknüpfen kann.
In Berlin hatte Sallmann begonnen, für renommierte Filmzeitschriften wie „BLIMP“ in Graz, „Die Filmfaust“, „Filmzeit“ und „Filmforum“ zu schreiben. Erste Videoprojekte stellte er in der Filmwerkstatt der FU vor. Auf der Werkstatt der Diagonale in Graz pitcht er erstmals „Deutsche Dienststelle“, das er dann im Sommer 1999 für 3sat/ZDF dreht. In der Deutschen Dienststelle (WASt) für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht hatte Sallmann im Sonderreferat gearbeitet, das Akten für die Vorbereitung von Kriegesverbrecherprozessen sucht. Solche spektakulären Anfragen werden jedoch seltener. Die Mehrzahl der Gesuche betrifft die Suche nach Angehörigen oder die Klärung von Rentenansprüchen. „Durch die Arbeit merkte ich aber endgültig, dass der Krieg nichts Heroisches hat.“
Bernhard Sallmann bleibt in seinem Film ganz nah an der eigenen Erfahrung dran, zeigt die Menschen, die mit den Akten täglich umgehen, Anfragen bearbeiten oder Daten in den Computer übertragen.. „Mich faszinierten die Leute, die mit den Akten täglich umgehen, nicht die, die über die Akten reden.“ Mit dieser Konzeption stieß er nicht unbedingt auf Gegenliebe bei der Leitung der hierarchisch aufgebauten Behörde. Mit ihnen hatte er gedreht, die Interviews aber nicht verwendet. „Sie erwarteten wohl, dass ich einen zweiten Teil der TV-Dokumentation `Krieg im Karteikasten` aus den 60er Jahren mache. Das war aber nie meine Intention.“
Im gleichen Jahr entsteht die Vorlage für „Menschen am Kanal“. Außerdem steht Sallmann das erste und vorerst auch letzte Mal selbst vor der Kamera. In „Virtual Vampire“ seines Freundes Michael Busch spielt er einen Fernsehkonsumenten, der auf der Couch vor der Glotze vor sich hindämmert. „Ich habe das gerne gemacht und würde es wieder machen. Leider habe ich den Kontakt verloren.“
Für das Kleine Fernsehspiel des ZDF kann der junge Regisseur 2002 einen weiteren Dokumentarfilm drehen. „Berlin-Neukölln“, ein Porträt des Bezirkes, der für Bernhard Sallmann seit 1988 zur zweiten Heimat wurde. Noch heute wohnt er im gleichen Haus. Seine Motivation ist eindeutig. „Anfang der 90er Jahre und 1997 erschienen in einem großen deutschen Nachrichtenmagazin mehrere Artikel, die dem Bezirk ein Schumddel- und Kriminalitätsimage gaben. Dieses Bild entsprach nicht der Realität, wie ich sie erlebt habe.“
Der Regisseur hält nichts von solch grundsätzlichen Ideologiedebatten um verwahrlosende Kieze, die nur zu Klischees führen. Er will genauer hingucken und vor allem die andere, die normale Seite des Lebens im Kiez des Dreiecks zwischen Hermannplatz, Sonnenallee, Karl-Marx-Straße und der Ringbahn zeigen, in dem „sich jeder sein eigenes Fürstentum aufgebaut hat“. Dort porträtiert der Regisseur im Frühjahr 2001 Menschen, die sich im Kleinen verantwortlich fühlen, die sich engagieren, für ihre Umgebung und vor allem ihre Mitbürger.
Beide Filme entstehen neben Sallmanns Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Er hat sich nur dort beworben, weil er in der Region bleiben will. Er kann sich während der Ausbildung auf das Filmemachen konzentrieren und das Studium bei Helke Misselwitz schnell absolvieren, da ihm die theoretische Abschlussarbeit auf Grund seiner bisherigen Abschlüsse erlassen wird.
Außenseiter bleibt Bernhard Sallmann nicht. Ihn interessiert die Vergangenheit der Hochschule, von der nach seinem Eindruck nicht viel mehr als einige Filme übrig geblieben sind. Persönliche Konflikte und Verstrickungen mit dem Machapparat der DDR sind unter den Teppich gekehrt worden. „Es war eine merkwürdige Stimmung, in der viele darauf scharf waren, dass dies jemand Mal anspricht. Nur selbst wollte dies keiner angehen.“ Bernhard Sallmann versucht, das Schweigen zu brechen, hofft über Dramaturgie-Lehrer Egbert Lipowski einen Film zu machen, über den sich bislang Ungesagtes erschließt. Im letzten Moment sagt Lipowski ab. „Der Film bleibt als Fragment ´L. schweigt´.“ Ein ähnliches Schicksal ereilt zwei weitere Projekte zur Geschichte der HFF, die Kommilitonen von Sallmann planen, darunter einen Vergleich zwischen den Hochschulen in Potsdam und Ludwigsburg.
Durch die Bildsprache seiner Filme ist Sallmann doch Außenseiter. Rosa von Praunheim, für den er zur Geschichte der HFF-Filme recherchiert, formuliert, er sei wild, Sallmann der Purist. Das spiegeln sein Wanderfilm „400 km Brandenburg“ und die ersten Teile seiner „Lausitz-Trilogie“ wieder, „Die Freiheit der Bäume“ und „Die Lausitz 20x90“.
Im Februar/März 2001 wandert Sallmann mit seinem Kameramann Alexander Gheorgiu durch die Kulturlandschaft Brandenburgs rund um Berlin. Die schwarz-weißen Bilder zeugen vom Ende des Winters und dem zaghaften Erwachen der Natur, bizarre Wechsel in der Stimmung zwischen Licht und Schatten bestimmen den Rhythmus von Natur und Film. Sallmann arbeitet jenen Still heraus, der die Filme verbindet. Er arbeitet mit langen Einstellungen. Die Kamera bleibt minutenlang starr an einem Ort und verharrt im gleichen Blickwinkel. So wird dem Zuschauer Muße zum Betrachten, zum Sicheinlassen auf die bizarre Schönheit der Landschaft gelassen.
In die Lausitz kommt der Filmemacher erstmals 2000 für einen Kurs investigativer Journalismus „PARK PÜCKLER MACHBUBA“. Er ist fasziniert. „ Menschen finden intuitiv die Landschaften, die zu einem passen. In Bad Muskau fand ich den Grabstein eines Kaufmanns Bernhard Sallmann. Der Name ist dort auch sehr häufig“. Mit dem Fahrrad und wandernd erkundet er fortan die geschundene Landschaft des Braunkohlereviers. „Ich kannte die Zerstörungen durch den Bergbau vorher nicht.“
Aus der Liebe zur Lausitz entstehen drei Filme. Mit Unterstützung von ZDF/3sat dreht er „Die Freiheit der Bäume“, einen 24minütigen essayistischen Dokumentarfilm über die ästhetische Konzeption des von Fürst Pückler im 19. Jahrhundert eingerichteten Landschaftsgartens in Bad Muskau.
Der metrische Landschaftsfilm „Die Lausitz 20x90“ entsteht nach dem Vorbild der Filme des Kaliforniers James Benning. „Ich bewundere die unverfälschte, reine Wahrnehmung und den scheinbaren Stillstand in seinen Filmen, die in 90 Minuten mit 36 Einstellungen auskommen.“ Sallmann gestaltet seinem 34minütigen Film, für den er sich überlagertes Filmmaterial aus den Beständen einer Firma erbettelt, mit Einstellungen, die je 90 Sekunden haben. Sie zeigen Folgelandschaften des Bergbaus. Die Orte entdeckt der Student gemeinsam mit dem Fotografen Peter Radke, dem Fotografen der Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbaugesellschaft. Sie nutzt den Film für die Feierlichkeiten zu ihrem 10. Jubiläum. Außerdem wird er für den Deutschen Wettbewerb beim Dokfilmfestival in Leipzig nominiert.
„Träume der Lausitz“ ist eine Art Zusammenführung und öffnet den Blick von der Bestandsaufnahme der Natur hin zum Menschen, der in sie eingegriffen hat und sie weiter gestaltet. 20 Jahre nach Peter Rochas erschütterndem Dokumentarfilm „Die Schmerzen der Lausitz“ bietet Sallmann einen visionären Ausblick und eine optimistische Bestandsaufnahme des Heilungsprozesses einer uralten Kulturlandschaft.
Die Zuversicht strahlen drei Lausitzer aus, denen der Filmemacher ganz in der Tradition von Altmeister Koepp Raum und Zeit lässt, von sich zu erzählen und ihre Visionen zu entwickeln. Das Leben eines Elektrikers war eng mit dem Kraftwerk verbunden. Der Abbau der Braunkohle und die dabei entstandenen öden Kraterlandschaften waren für ihn der Preis, der für die Energiewirtschaft der DDR zu zahlen war. Jetzt will er die Platte und die geschundene Heimat nicht verlassen, träumt von blühenden Landschaften.
Ein unantastbares Refugium der Natur war auch für die DDR der jahrhundertealte Park von Branitz, der allen Veränderungen des ökologischen Kreislaufes durch den Bergbau getrotzt hat. Für die Zukunft des größten Landschaftsgartens Kontinentaleuropas muss der Mensch heute richtungweisende Entscheidungen treffen. Ein Landschaftsgärtner, der Jahrzehnte in der Region wirkte, mischt sich als Rentner aktiv in der Diskussion ein. Sein Verbündeter im Geiste ist ein junger Mann aus Hoyerswerda, der in den neu geschaffenen Naturoasen den Freiraum entdeckt, in dem Mensch und Tier wieder zusammen leben können.
In die Richtung der Suche nach Spuren des Menschen, die eine Landschaft für immer prägen werden, geht auch sein aktuelles Filmprojekt, für das er immer wieder nach Hause zurückkehrt, um dort dem Wechsel der Jahreszeiten einzufangen „Der Film beschäftigt sich mit dem Blick auf das dem Elternhaus gegenüberliegende Feld. Es wird von den Einheimischen das ´schlechte´ Feld genannt, weil dort nie gutes Getreide stand. Das jetzt Unsichtbare ist dafür verantwortlich: In der Zeit des Nationalsozialismus wurde dort ein Lager für Kriegsgefangene errichtet. Es wurde nach dem Krieg abgerissen, doch die Betonfundamente liegen noch im Erdinneren. Beim Pflügen des Feldes treten sie wieder zutage. Sie arbeiten sich empor. Wie ein Stachel, der vom entzündeten Fleisch ausgeschieden werden will. Das Filmemachen ist diesem Mechanismus verwandt. Etwas sichtbar machen. Etwas erinnern. Die Vergangenheit mit der Gegenwart überblenden.“ (siehe ebd)
Zwischen den Filmen machte sich Sallmann in „Briefe nicht über die Liebe“, 2006, auf eine Spurensuche besonderer Art. In seinem Videoessay für Splitscreen, in dem er sein Interesse am Experimentieren mit Videokunst und Sprache ausprobieren konnte, gestaltet er den Briefwechsel zwischen dem im Berlin der 20er Jahre lebenden sowjetischen Autor Viktor Schklowski und seiner fiktive Geliebte.
„Der Drehbuchautor war ein avancierter Theoretiker des Formalismus und hat mein Filmleben begleitet und beeinflusst. Beim Umzug nach Berlin 1988 hatte ich seinen Roman „ZOO oder Briefe nicht über die Liebe“ gelesen. Ursprünglich wollte ich ihn schon zur Grundlage meines Diplomfilms machen “
Mit Schklowskis Freund und Weggefährten Osip Mandelstamm will sich Sallmann 2011 eingehender beschäftigen und einen Film über dessen „Armenisches Tagebuch“ drehen. Der russische Intellektuelle fasziniert ihn schon lange – mögliches Thema einer Promotion wäre für ihn „Optik und Akustik im Werk Mandelstamms mit besonderem Schwerpunkt auf der Wahrnehmung des Visuellen“ gewesen..
Für Sallman war es nicht einfach, für „Träume der Lausitz“ Produzenten und Fernsehpartner zu finden. Die Hilfe Volker Koepps war ausschlaggebend. „Ich bin ein Außenseiter mit meinen Filmen, die sich unter kommerziellen Gesichtspunkten nicht rechnen.“
Zusammengestellt von Katharina Dockhorn (Stand: Juni 2010)