Akin, Fatih

„Ich fühle mich nicht als Deutscher und nicht als Türke, sondern als Hamburger. Ich habe beide Staatsbürgerschaften und sehe mich als deutscher Regisseur. Aber meine Person, die dahinter steht, die weiß bis heute nicht welcher Nationalität sie ist. Das ist ein wechselnder Zustand. Irgendwann habe ich angefangen, Heimat über die Stadt zu definieren“ Auf diesen Nenner bringt Fatih Akin das Thema, das seine Filme wie ein roter Faden durchzieht: Das Leben und das Selbstverständnis von so genannten Gastarbeiterkindern, Einwanderern der zweiten und dritten Generation, die mit dem Hintergrund zweier Kulturen in der Bundesrepublik aufgewachsen sind.

In seinem Oeuvre finden sich ein Gangster-Buddy-Movie wie „Getürkt“, die komödiantische Coming-of-Age-Story „Kebab Connection“, für die er das Buch schrieb, die leichte Liebesgeschichte „Im Juli“ ebenso wie das episch breite Melodrama „Solino“. Seine unübersehbare Stärke sind kraftvolle, zornige Dramen. Der Film sei wie ein purer Adrenalinstoß, wurde „Gegen die Wand“ von Berlinale-Jury-Präsidentin Francis McDormand gelobt. „Das Lockere von `Im Juli` gehört schon zu mir, aber auch etwas Starkes, Zorniges. Und Aggression, die sich vor `Gegen die Wand` angestaut und in den Film rein geschlichen hat. Ich war morgens oft sauer, wenn ich die Zeitung aufgeschlagen habe und die USA wieder die Entscheidung getroffen hatten, ein Land auszubomben. Das ist einer der Gründe, warum der Film so zornig geworden ist,“ bekennt der Filmemacher.

Fatih Akin wurde am 25. August 1973 in Hamburg geboren. Sein Vater, Mustafa-Enver Akin, war 1965 aus seiner Heimat, einem kleinen Dorf am Ufer des Schwarzen Meeres, nach Hamburg gekommen. Er arbeitete in Fabriken und bei einer Reinigungsfirma. Wie seine Familie es wollte, heiratete er seine Frau Hadyie, die schweren Herzens ihren Beruf als Grundschullehrerein aufgab und 1968 in die Hansestadt ging. Erst nach der Geburt der beiden Söhne arbeitet sie wieder in ihrem Beruf. Akins älterer Bruder Cem, der im türkischen Konsulat Hamburgs arbeitet, übernimmt meist kleine Rollen in den Filmen des Jüngeren.

Seiner Herkunft forscht der Filmemacher in dem Dokumentarfilm „Wir haben vergessen zurückzukehren“ nach, in dem er die Familie seines Vaters porträtiert. Hier finden sich viele kleine Geschichten, die Fatih Akin in seinen Spielfilmen aufnimmt. Sei es ein Detail wie die Verwunderung seiner Mutter oder dass die erste Wohnung in Hamburg kein Innenklo hatte, die er in „Solino“ einbaute. Für die Figur der Cousine der weiblichen Hauptfigur in „Gegen die Wand“ stand wahrscheinlich Akins Cousine Pate, die in Istanbul ein an westlichen Werten orientiertes Leben führt, von dem viele Töchter von Einwanderern nur träumen können.

In seiner Schulzeit in Hamburg-Altona hat Fatih Akin erste Kontakte mit dem Theater. Nach diversen Schulaufführungen wird er Mitglied einer Off-Theater-Gruppe und steht auf der Bühne des Thalia-Theaters. Anfang der 90er Jahre wird der Schauspieler für das Fernsehen entdeckt. Er spielt in Serien wie „Doppelter Einsatz“ und „SK Babies“. Auch in seinen ersten Kurzfilmen „Sensin, du bist es“ und „Getürkt“ spielt er selbst. Zugleich beginnt er die Zusammenarbeit mit Schauspielern  wie Mehmet Kurtulus, Adam Bousdoukos oder Idil Üner,  auf die er bei der Besetzung seiner Langfilme immer wieder zurückgreift. Üners Regiedebüt, den Kurzfilm „Die Liebenden vom Hotel Osman“, unterstützt Fatih Akin 2002, indem er eine Rolle übernimmt.

Mit den beiden kurzen Streifen beginnt Fatih Akin, sich seinen Traum von einer Karriere als Filmemacher zu erfüllen.  Mit 19 Jahren stand er mit dem Buch von „Kurz & Schmerzlos“ in der Tür von Stefan Schubert und Ralf Schwingel von der Wüste Filmproduktion. Die Produzenten erkennen das Talent. Bevor sie Fatih Akin die Regie in einem Langfilm anvertrauen wollten, sollte er seine Handschrift in Kurzfilmen ausprobieren. Gleichzeitig studierte er von 1994 bis 2000 im Fachbereich Visuelle Kommunikation/Medien an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste.

Im Zentrum von Akins Debüt „Sensin, du bist es“, steht der  junge Türke Kubilei, den Akin selbst spielt, der in einer Kellerbar auf St. Pauli von seiner Traumfrau träumt. In seinem zweiten Film „Getürkt“ spielt er mit der Bedeutung des Wortes, wenn Musa, ein junger Türke, der mit seiner Mutter aus Deutschland in sein Heimatdorf an der türkischen Schwarzmeerküste kommt, von einheimischen Dealern gelinkt wird. Beide Filme sind unübersehbar vom modernen amerikanischen Kino von Coppola bis Tarantino beeinflusst.
An diese Wurzeln und die Anfänge als Filmemacher erinnert sich Akin humorvoll in „Kebab Connection“. Als neunjähriger schwärmte er für Bruce Lee, nach dessen Filmen er nicht schlafen konnte. Damals träume er vielleicht auch einen türkischen Martial Art-Film zu inszenieren. Erste eigene Experimente hatte er mit der Super-8 - und Videokamera in einem Hamburger Jugendzentrum gemacht. Mit 16 stand für den Hamburger fest, dass er Regisseur werden will.

1997 gibt Fatih Akin mit „Kurz & Schmerzlos“ sein Langfilmdebüt. Im Zentrum des Dramas stehen drei Freunde aus Hamburg-Altona. Der Türke Gabriel, der gerade eine Freiheitsstrafe wegen einer Prügelei verbüßt hat, der sanfte Grieche Costa, der im Fahrwasser seiner Freunde mitschwimmt, und der Serbe Bobby, der im kriminellen Geschäft im Kiez mitmischen will. Schnell und schmerzvoll werden ihm seine Grenzen im großen, miesen Geschäft aufgezeigt. In den Abwärtsstrudel, in dem dramaturgisch ein Rädchen passgenau in das nächste greift, reißt er seine Freunde mit.

Der wie ein klassisches Gangsterdrama aufgebaute Film, der seinen Antihelden konsequent ein Happy End verweigert und sie statt dessen in die Katastrophe führt, lebt vor allem von der emotionellen Wucht der Inszenierung und der genauen Einbettung in den sozialen Hintergrund des Migrantenmilieus, das Akin seit Jahrzehnten kennt. Begriffe wie Ehre und Familie werden zum Auslöser des Geschehens. Das Trio verteidigt nicht nur die eigene Ehre – es legt die aus der Heimat und dem kriminellen Milieu übernommenen Werte auch an das Leben anderer an.  Während die Männer scheinbar nicht von ihnen loskommen, rebellieren die Frauen. Gabriels Schwester lebt zum Ärger der Familie ohne Trauschein mit einem Deutschen zusammen.

Dass die Rebellion gegen den Willen der Eltern im islamischen Kulturkreis bei aller sonstigen Toleranz noch immer zu den Tabus gehört, hatte Akin als 12-jähriger zum Beispiel auch gespürt, als ihm seine Eltern verboten, den Klassiker „…. denn sie wissen nicht was sie tun“ im Fernsehen zu sehen. Das gesellschaftlich brisante Thema nimmt er auch in seinem bisher erfolgreichsten Film „Gegen die Wand“ auf. Sein Siegeszug begann mit dem Gewinn des „Goldenen Bären“ im Wettbewerb der Berlinale. Was für Akin und seine Produzenten eine Bestätigung für ihren Wagemut war.

Wieder porträtiert er mit Sibel eine starke Frau, die offen rebelliert. „Der Druck auf türkische Mädchen erzeugt einen starken Gegendruck. Ihr Elternhaus ist nicht religiös, aber den Traditionen verpflichtet. Wenn ich die Religion ausstellen würde, hätte ich ein Klischee bedient und damit eine zusätzliche Front aufgemacht. Doch es geht nicht um Religion, sondern um das Aufbrechen des Männerpatriarchats. Dieses Phänomen ist hier oft stärker als im Mutterland.“

Sibel will ein Leben auf der Achterbahn führen wie viele ihrer deutschen Altersgefährtinnen. Die Familie will sie verheiraten. Dem Wunsch entzieht sie sich durch einen Selbstmordversuch. „Eine Freundin von mir hat sich mit 16 umgebracht, weil die Eltern nicht wollten, dass sie sich weiter mit ihren deutschen Freund trifft. Diese Wut wollte ich in dem Film ebenso aufarbeiten wie die Bitte einer anderen Bekannten sie zu heiraten, um ihrem Elternhaus zu entkommen.“

In der Klinik lernt Sibel den gestrandeten Landsmann Cahit kennen. Sie gehen eine Scheinheirat ein. Sibel hat nun die Freiheit, ihre Sexualität in wechselnden Bekanntschaften auszuleben, während Cahit sein bisheriges Leben weiterführt. Die fragile Vereinbarung funktioniert so lange bis Cahit seine Gefühle für sie entdeckt. Es kommt zur Katastrophe. Cahit verletzt einen Nebenbuhler tödlich. Während er im Knast ist, beginnt Sibel in Istanbul ihr zweites Leben, bei dem sie auch Abschied von ihrem Idol nimmt, dass sie in ihrer beruflich erfolgreichen und unabhängigen Cousine gefunden hatte. Die lebt nur noch für die Arbeit, was Sibel nicht will.

Bei der Inszenierung dieser tragischen Liebesgeschichte wagt Fatih Akin viel und gewinnt alles. Das Schicksal des Paares, das nicht zueinander finden kann, geht Kritikern und Zuschauern weltweit unter die Haut. Kameramann Rainer Klausmann dreht aus der Hand und ist immer ganz nah an den Figuren dran. Die männliche Hauptrolle hat er auf Birol Ünel zugeschrieben. „Mindestens 50% des Films gehen auf ihn zurück. Er ist ebenso unkonventionell, spricht kaum türkisch und hört Punk. Er ist ein Außenseiter in einer Minderheit. Und dann fängt es an interessant zu werden.“

Das gibt dem Film seine emotionale Kraft. Auch die kompromisslose Dramaturgie und Inszenierung aus „Kurz & Schmerzlos“ hat Fatih Akin in einem universellen Drama zur Meisterschaft geführt. Wieder schöpft er bei der Bestimmung des Ortes seiner Geschichte aus dem sozialen Hintergrund von Migranten in den alten Bundesländern Deutschlands. Das gibt dem Film zum einen hohe Authentizität und zugleich eine Atmosphäre, die rund um den Globus verstanden wurde.
 
Zwischen den beiden Filmen steht ein radikaler Genrewechsel. „Im Juli“ ist eine Mischung aus märchenhaft-romantischer Liebesgeschichte, skurrilem Roadmovie und Coming-of-Age-Film. Mit leichter Hand und viel Humor inszeniert, folgt der Film dem schüchternen Hamburger Referendar Daniel Bannier. Am letzten Tag vor den großen Ferien findet er seine große Liebe, Juli, eine flippige, selbstbewusste und moderne Frau, die genau das Gegenteil des gefühlsmäßig verunsicherten Beamten ist. Um sie wieder zu sehen, hat Bannier nur einen Anhaltpunkt: Sie hat ein Treffen in Istanbul. Er setzt sich in sein Auto und folgt ihr. Die Reise über den Balkan wird zu einer turbulenten und abenteuerlichen Odyssee, in der die beiden immer wieder mit fremden Kulturen konfrontiert werden und ihre eigenen Werte und Vorstellungen an ihnen überprüfen.   

Wer selbst mal auf der Route unterwegs war, findet eigene Erfahrungen in vielen liebevoll geschilderten Details wieder. Diese genaue Beobachtungsgabe zeichnet alle Filme Akins aus. Außerdem beweist er in dem heiteren Sommerfilm wieder sein Geschick, beliebte Genres zu mischen und ihnen einen eigenen Touch zu geben.

An den Filmklassiker „Cinema Paradiso“ erinnern Szenen in dem zwei Jahre später gedrehten „Solino“. Nach einem Buch von Ruth Toma erzählt Akin die Geschichte einer italienischen Gastarbeiterfamilie, die Anfang der 60er Jahre mit ihren beiden Söhnen aus dem sonnigen Süden in das triste Ruhrgebiet kam und dort die erste Pizzeria eröffnete. Der Erfolg bleibt nicht aus. Trotzdem will keiner der Söhne das Restaurant übernehmen. Der Jüngere, Gigi, der schon als Kind gerne fotografierte und einem Regisseur bei den Dreharbeiten assistieren durfte, träumt von einer Karriere als Filmemacher. Der Sprung auf den Regiestuhl scheint zum Greifen nah, als er einen Amateurfilmwettbewerb gewinnt. Den Preis holt sein älterer Bruder Giancarlo ab, während Gigi die kranke Mutter in Italien pflegt. Den Irrtum machen beide nie rückgängig. Gigi findet sein privates Glück in der Heimat. Seine berufliche Karriere macht Giancarlo in Deutschland.

Die melodramatische Familiengeschichte nimmt inhaltlich viele Gedanken aus Akins Dokumentarfilm „Wir haben vergessen zurückzukehren“ auf. Da ist der Glaube der Einwanderer, in Deutschland das schnelle Geld zu machen und dann zurückzukehren, aber vor allem auch der Ehrgeiz, dass es den Kindern besser gehen soll. Deren in Deutschland geprägten Ideale, die ihre Identität prägen, kollidieren natürlich mit denen ihrer Eltern. Und sie stellen sich die Frage, zurückkehren oder bleiben?
Zugleich beweist der in zwei Sprachen gedrehte Film ebenso wie seine Vorgänger, dass die Zuschauer auch andere Sprachen und Untertitel im kommerziellen Kino akzeptieren. „Die Diskussion mit den Geldgebern waren bei `Solino` heftig, dass solche Filme nicht markttauglich seien. Bei `Gegen die Wand` kam der Einwand dann von keinem mehr. Für diesen kollektiven Mut bin ich dankbar, denn ich musste an dieser Front nicht mehr kämpfen.“  
 
Diese Filme hat Fatih Akin mit der Wüste Filmproduktion realisiert. 2003 gegründete er seine eigene Produktionsfirma Corazón International. Seine Partner sind Andreas Thiel, der im Herbst 2006 verstarb, und Klaus Maeck, der seit 20 Jahren den Musikverlag Freiban betreibt und seit mehr als 25 Jahren Manager der „Einstürzenden Neubauten“ ist. Für „Gegen die Wand“ produzierten Maeck und Alexander Hacke, Sänger der Gruppe, die Songs, die die Kapitel des Films abgrenzen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand die Idee, Alexander Hacke in Istanbul, auf Spurensuche nach traditioneller türkischer Musik zu schicken. Daraus entstand „Crossing the Bridge“, ein Streifzug Vielfalt der Musik in der Heimat von Fatih Akins Eltern.  

Akins Liebe zur Musik, der er noch heute frönt, wenn er in Altonaer Klubs als DJ Platten auflegt, hatte sich parallel zu seiner Faszination für den Film entwickelt. Prince, den er 1984 über „Purple Rain“ entdeckte, inspiriere ihn für seine Filme, gestand er zur „Crossing the Bridge“-Premiere. „Auch das Improvisierte an den Platten von Prince gefällt mir: Dass sie zum Beispiel wie ein normaler Popsong starten, dann ein Kurve nehmen und ganz woanders landen. Das ist in meinen Film auch ein wenig so.“

Seine filmische Beschäftigung mit Musik setzt Fatih Akin 2005 mit seinem Beitrag „Die alten bösen Lieder“ für den Arte Themenabend „Die alte Welt ganz jung“ fort. Er hinterfragt die Diskriminierung anderer Länder in Texten von Musikstücken. 
 
Im August und September 2006 dreht Fatih Akin das Drama „Auf der anderen Seite“, in dem er dem roten Faden seines Oeuvres treu bleibt. In einem der beiden Handlungsstränge verliebt sich die verwöhnte Hamburger Endzwanzigerin Lotte Staub in der Mensa der Uni in die Türkin Ayten Öztürk, die wegen ihrer politischen Aktivitäten nach Deutschland fliehen musste.

Akin kündigt an, dass auch die Drehorte – Hamburg, Lübeck, Bremen und Istanbul – eine eigene Rolle im Film spielen werden. In seiner Erzählweise will er mit den klassischen Strukturen brechen und vom Dreiakter wegkommen, der vom Hollywood-Kino geprägt wurde.  Künstlerisch bleibt er also seiner Risikobereitschaft treu. Zugleich will er mit Corazón International anderen Filmemacher die ersten Schritte ermöglichen. 2007 wird Özgür Yildirim mit „Chiko“ dort seinen ersten Film inszenieren.

Stand: November 2006
Autorin: Katharina Dockhorn













 

 

Fatih Akin
Foto: DEFA-Stiftung/Horst Redlich