am 17. Mai 2006, Potsdam-Babelsberg
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Morsbach, meine sehr geehrten Damen und Herren,
der heutige Tag erinnert an die Gründung der DEFA vor 60 Jahren. Bis 1991 hat sie – trotz oder gerade wegen der staatlichen Kontrolle in der damaligen DDR – deutsche Filmgeschichte geschrieben, mit manchen großen und kleinen Meisterwerken, von denen viele noch einer Würdigung und Anerkennung harren.
Um die DEFA zu verstehen, muss man das historische Umfeld betrachten, in dem sie entstanden ist. Es war eine Zeit, in der Deutschland in Trümmern lag, Krieg und Holocaust hatten Millionen Menschenleben gekostet, das Land war am Ende und ausgeblutet. Ungeachtet dieser Schwierigkeiten, gab es nach der künstlerischen und moralischen Eiszeit des Nationalsozialismus eine kleine Gruppe Filmschaffender, die den geistigen Hunger und Enthusiasmus hatte, etwas Neues zu wagen und wieder Filme zu machen.
Während der 45 Jahre DEFA, die darauf folgten, entstand ein riesiges Spektrum an Filmen. Hierzu zählt nicht nur die ganze Palette von Genres, sondern auch eine breite Palette von Stoffen und persönlichen Stilen. Dies reichte von den ersten Auseinandersetzungen über den sozialistischen Realismus bis hin zu gesellschaftskritischen Stoffen, die allerdings 1965 mit dem Verbot einer fast vollständigen Jahresproduktion unterbunden wurden.
Diese Bandbreite der Genres und Inhalte steht auch für die vielen einzelnen Persönlichkeiten, die für die DEFA arbeiteten und sie prägten: den Regisseuren wie Wolfgang Staudte, Kurt Maetzig, Konrad Wolf, Frank Beyer, Egon Günther, Jürgen Böttcher und Volker Koepp. Und wer weiß, ob es ohne die DEFA eine Angelica Domröse, eine Renate Krößner, eine Katrin Sass oder einen Armin Mueller-Stahl gegeben hätte. Viele bedeutende Schriftsteller wie Christa Wolf, Jurek Becker, und Ulrich Plenzdorf haben als Autoren für die DEFA gearbeitet.
Und auch die Ästhetik der DEFA ist nicht tot. In Filmen wie „Sommer vorm Balkon“ feiert die milieusichere realistische Erzählweise und genaue Beobachtung von Menschen wieder ein Comeback und bildet damit ein Pendant zur Werbeästhetik vieler Mainstream-Produktionen.
Der DEFA–Filmstock, der auch Dokumentarfilme, Trickfilme und Synchronisationen umfasst, ist also nicht nur Teil unserer Geschichte, sondern gehört zu unserer künstlerischen Gegenwart und unserer politischen Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Vergangenheit. In der Zukunft bildet er einen Teil unseres kulturellen Erbes. Er legt ein bedeutendes Zeitzeugnis über die Menschen, den Alltag und das politische System der DDR ab.
Es war daher eine berechtigte Forderung vieler DEFA-Künstler und eine richtige politische Entscheidung, den DEFA-Filmstock nicht zu veräußern. Stattdessen wurden die Filmrechte an die DEFA-Stiftung übertragen. Die DEFA-Stiftung leistet mit der Erschließung und Auswertung der Filme nicht nur einen großen Beitrag für dieses filmische Erbe. Sie trägt darüber hinaus mit ihren Publikationen, ihren Preisen und Stipendien in hervorragender Weise zum Diskurs über bedeutende gesellschaftspolitische Fragen bei.
Ich danke daher Ihnen, Herr Morsbach, und Ihren Mitarbeitern, für diese Veranstaltung, mit der Sie die DEFA-Filme als Quelle der Zeitgeschichte und des künstlerischen Erbes ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Und ich wünsche diesen Filmen die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.
Bernd Neumann, MdB Staatsminister bei der Bundeskanzlerin Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien |