von Fred Gehler am 17.05.2006 in der Caligari-Halle Potsdam Babelsberg anlässlich des 60. Gründungstages der DEFA
Die meisten von Ihnen haben Ihren Sergey Eisenstein gelesen, vermutlich auch diese Zeilen. Ich zitiere:
"Stoße ich beim Lesen von Biografien auf jenes in jeder Biografie einzigartige und einmalige Moment, das in den magischen Worten enthalten ist:" ...Und erwachte eines Morgens und fand sich berühmt...", erfüllt mich dies stets mit tiefer Erregung."
Sergej Eisenstein reflektiert mit diesen magischen Worten, die im Übrigen dem englischen Dichter Byron zuzuschreiben sind, den Erfolgsmythos seines Filmes "Panzerkreuzer Potemkin":
"So war es auch später mit der Premiere des POTEMKIN in Berlin...Von der Friedrichstrasse wanderte der Film ins Zentrum der Stadt nach dem Kurfürstendamm. Schlangen. Schlangen. Alles ausverkauft. Der Film läuft in mehreren Häusern... Die Zeitungen sind voll davon. 'Und erwachte eines Morgens.'
Am 15.0ktober 1946 hat in der Berliner Staatsoper der erste deutsche Nachkriegsfilm seine Premiere: DIE MÖRDER SIND UNTER UNS. Am Tage der Uraufführung schreibt die "Tägliche Rundschau":
"Vielleicht ist es schon der große Wurf geworden... Wie dem auch sei, mit dem ersten Film ist der Bann gebrochen… Die deutsche Filmkunst lebt wieder..."
In der "Berliner Zeitung" lesen wir: "Deutsche Wirklichkeit, unser aller Wirklichkeit, beklemmendes Schreiten durch unsere verhangene seelische Landschaft."
Und der "Sonntag" schreibt:" Der neue deutsche Spielfilm ist geboren. Das Neugeborene wird wachsen. Dieser neue Film geht neue Wege."
"erwachte eines Morgens und fand sich berühmt..."
Die DEFA-Filmgeschichte kann in einer durchaus denkwürdigen Verkürzung mit dieser magischen Formel fortgeschrieben werden. Allerdings in terminologischen Varianten - in einem Wechselbad der Auf- und Abwärtsbewegungen. Film an der Schnittstelle materieller Konflikte und regressiver politisch-sozialer Einflüsse.
z.B. „erwachte, und fand sich verfemt“:
Ich zitiere: 1951 "Das Beil von Wandsbek“ - der erste Verbotsfall:
"Noch krasser offenbaren sich die Fehler des kritischen Realismus in dem Film DAS BEIL VON WANDSBEK, der nicht die Kämpfer der deutschen Arbeiterklasse zu den Haupthelden macht, sondern ihren Henker..."
1957 "Berlin-Ecke Schönhauser"
Zitat: "Aufgabe im Sinne des sozialistischen Realismus nicht erfüllt...weil auch in diesem Film eben zu große Konzessionen an die Gestaltungsweise des italienischen Neorealismus gemacht sind."
Dezember 1965 das 11. Plenum des ZK der SED - das Kahlschlagplenum:
Zitat: "Wir stimmen jenen zu, die feststellen, dass die Ursachen für diese Erscheinungen der Unmoral und einer dem Sozialismus fremden Lebensweise auch in einigen Filmen, Fernsehsendungen, Theaterstücken, literarischen Arbeiten und in Zeitschriften bei uns zu sehen sind... In einigen während der letzten Monate bei der DEFA produzierten Filmen- DAS KANINCHEN BIN ICH und DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE zeigen sich dem Sozialismus fremde, schädliche Tendenzen und Auffassungen."
17. November 1981: "Neues Deutschland" veröffentlicht auf Seite 2 den Leserbrief eines Genossen Hubert Vater aus Erfurt. Im Vater-Brief wird der DEFA ein „Herumstochern in Problemchen" vorgeworfen, stattdessen fordert er "Kunstwerke, die das Titanische der Leistungen bewusst machen, die in der Errichtung, im Werden und Wachsen unseres stabilen und blühenden Arbeiter- und Bauernstaates bestehen..."
Und dann, 15 Jahre nach dem Ende des Staates DDR wieder die magische Formel:
"erwachte eines Morgens und fand sich berühmt..."
7. - 23. 0ktober 2005 Screened at the Museum of Modern Art New York REBELS WITH A CAUSE.THE CINEMA OF EAST GERMANY. Eine Retrospektive mit 21 Filmen, begleitet von einer Round Table Diskussion mit dem markanten Titel "Lost in Unification".
Meine Damen und Herren!
Die Erinnerung an die DEFA, an ihre Filmgeschichte und ihre Filmgeschichten ist durchaus treffend mit der Symbolik eines Januskopfes zu fassen und zu deuten.
Ich erinnere an die sich kontrastierenden Gesichtshälften: Kritisches Bewusstsein und Opportunismus, dogmatische Ideologiegläubigkeit und resistentes Aufbegehren. Löcken wider den Stachel und resignatives Verharren. Das Lavieren auf den schwankenden Böden der scheinbar unumstößlichen oder ewigen Wahrheiten. Wechselnde Täter- und Opferperspektiven. Solidarität und Verrat. Das Ausklammern der Widersprüche des eigenen Systems bei Engagement für die Opfer des anderen Systems. Anpassung und Emanzipation.
Der DEFA-Film als Ort von Illusionen und Verrenkungen, Spiegel menschlicher Flüge und Abstürze. Stätte von Selbsttäuschungen und Kompromissen, aber auch immer wieder von menschlichen Hoffnungen und Visionen.
Klaus Wischnewski hat es einmal in dem bekennenden Text "Die zornigen jungen Männer von Babelsberg" so beschrieben:
"Aber wir sahen keine Alternative. Das ist nämlich das Schreckliche. Noch schien die Utopie nicht ausgereizt, schien Hoffnung möglich: es muss doch Vernunft beginnen und sich durchsetzen..."
Das Symbol des Januskopfes. Die Geschichte einer deutschen Filmgesellschaft als Substrat von Jahrhunderthoffnungen und Irrtümern des Jahrhunderts....
Wie ist diese Geschichte weiterhin zu schreiben? Welche Wege geht noch das Erinnern? Fürwahr ein weites Feld. Und sehr viele offene Fragen...
Manches mal bieten alte Texte der menschlichen Überlieferung einen Schlüssel. Gestatten Sie deshalb ein Blättern in dem Buch Kohelet der Heiligen Schrift und das Zitieren diese folgenden Metaphern daraus:
"Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit. Eine Zeit zu Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen. Eine Zeit zum Töten, und eine Zeit zum Heilen. Eine Zeit zum Steine werfen und eine Zeit zum Steine sammeln. Eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen."
Wer wüsste es in diesem Raume hier nicht: in den 90er Jahren dominierte im wiedervereinigten Deutschland die Zeit zum Verlieren und die Zeit zum Wegwerfen.
Lost in Unification.
Die Auflösung eines Systems, das Verschwinden eines Staates schien analog auch die Deklassierung des DDR-Films zu schlussfolgern und zu beinhalten. Auch das Tilgen oder das Verzerren der Erinnerung.
Die Aufnahmegebühr zum deutschen Filmerbe stieg in abstruse Höhen.
Nicht zuletzt im Bewusstsein des 17.Mai 1946 ein unverständlicher, ja geschichtsmanipulierender Vorgang. Ist doch gerade die Gründungsphase der DEFA, um nur sie zu nennen, ein in der deutschen Filmgeschichte exemplarisches Bündnis linker, antinazistischer und liberaler Cineasten.
Das Prinzip Hoffnung führte zusammen Wolfgang Staudte, Erich Engel, Slatan Dudow, Georg C. Klaren, Peter Pewas, Gerhard Lamprecht - um nur die wesentlichen zu nennen, bei denen die Traditionslinien besonders sinn- und augenfällig. Eine andere außergewöhnliche Persönlichkeit des deutschen Films der 20er und 30er Jahre konnte schon nicht mehr dabei sein. Werner Hochbaum, Regisseur der Filme BRUDER, MORGEN BEGINNT DAS LEBEN, DIE EWIGE MASKE, verstarb einen Monat vor der DEFA-Gründung am 15. April 46 in Potsdam.
1939 war Werner Hochbaum aus der Reichsfilmkammer ausgeschlossen worden, erhielt Berufsverbot.
Im August 1945 schrieb er: "Psychologischer Impress1onismus, das ist ein Schlagwort, aber es enthält vielleicht doch viel von dem, was die stilistische Ausgangsbasis der neuen deutschen Filmform sein könnte. Wir wollen den Menschen darstellen, glasklar und durchsichtig... Wir müssen wehtun, damit das alles von uns abfällt."
Werner Hochbaum bereitete schon Ende 1945 einen Film nach eigenem Drehbuch vor - "DER WEG IM DUNKELN!“ Zu den Dreharbeiten kam es nicht mehr. Eine denkbare Variante der DEFA-Filmgeschichte: Ihr erster Film hätte auch DER WEG IM DUNKELN sein können.
"Eine Zeit zum Suchen, eine Zeit zum Behalten."
Vielleicht ist sie vorbei – ich hoffe wenigstens -, die Zeit zum Niederreißen, das Kapitel 2 des Kahlschlags, das Ausgrenzen kreativer ästhetischer und geistiger Potentiale in beklemmenden Größenordnungen. Schließen wir das Buch Kohelet.
"Alles hat seine Stunde"
Für mich ist der Mai 2006 die Stunde des Erinnerns, des Bewahrens und Behaltens. Wahrlich keine mystische Totenfeier, keine makabre Totenbeschwörung.
Vielmehr eine Hommage an eine deutsche Filmgeschichte der eigenen Art, mit ihren Widersprüchen, ihren Siegen und Niederlagen. Eine Hommage an Filmgeschichten, die uns weiterhin begleiten werden.
Ich möchte einen unverdächtigen Zeugen zitieren: Das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung", Gustav Seibts Essay über den Film "Sommer vorm Balkon":
"Was immer in den Rezensionen von der sozialdiagnostischen, also realistischen Qualität des neuen Films geschrieben wurde, muss mit dem Umstand verrechnet werden, dass seine Anlage sich offenkundig auch einem filmgeschichtlichen Zusammenhang verdankt - einer ästhetischen Tradition also... In vielerlei Hinsicht ist 'Sommer vorm Balkon' noch einmal ein klassischer DEFA-Film- eine letzte Blüte der großen Filmtradition der DDR..."
Vor 10 Jahren entstand zum 50.Jahrestag der DEFA-Gründung eine Dokumentation mit dem Titel "Es werden ein paar Filme bleiben". Der Titel ein unentschiedenes Schwanken zwischen resignativer Melancholie und trotziger Fanfare.
2006 ist die Gewissheit des Bleibens gewachsen. Die Gewissheit, dass diese besonderen Filmgeschichten gebraucht werden, unverzichtbar sind! Was wäre deutsche Kultur-, Zeit- und Filmgeschichte ohne diese Wahrheit?
" Und erwachte eines Morgens und fand sich berühmt..." |