09.11.1989: Die Kinopremiere von „Coming out“, die Grenzen sprengte
Am historischen Donnerstagabend des 9. November 1989 feierte der erste und einzige DEFA-Spielfilm über Homosexualität „Coming out“ von Heiner Carow seine Premiere im Berliner Kino International. Dieses Jahr am Montag, den 9. November, feiern DEFA-Stiftung, PROGRESS Film-Verleih, ICESTORM Entertainment und das Kino International das 20jährige Premierenjubiläum in Anwesenheit vieler Filmschaffenden: den Hauptdarstellern Matthias Freihof, Dirk Kummer und Dagmar Manzel sowie Thomas Gumpert, Walfriede Schmitt u.v.m. Außerdem wird der Film zum Jubiläum „20 Jahre friedliche Revolution“ am 7. November um 23.45 Uhr im RBB ausgestrahlt.
Wegen großen Andrangs und „mit nie vorher erlebten Ovationen“ feierte 1989 der lang erwartete Liebesfilm von Heiner Carow gleich zweimal Premiere im Berliner Kino International. Wieder gelang es dem Regisseur, direkt am Puls der Zeit zu sein, die Stimmung, die im Land herrschte, auf die Leinwand zu bringen und an der Kinokasse trotz stürmischer Zeiten zu reüssieren: „Coming out… Dieser fachwissenschaftliche Terminus bedeutet nichts anderes als ‚Herauskommen’, das Sich-öffentlich-Bekennen zum Anders-sein. … Und nun will es die Ironie des Schicksals, daß ‚Coming out’ justament am Beginn eines hoffnungsvollen politischen Aufbruchs starten konnte. … ‚Coming out’ … zählt für mich zu den bedeutenden künstlerischen Pioniertaten in Sachen Glasnost und Perestroika.“ (Renate Holland-Moritz in Eulenspiegel, 01.12.1989). Die anschließende Premierenfeier fand im Szenelokal „Burgfrieden“, einem der Drehorte in Prenzlauer Berg, statt. Einige der anwesenden Gäste nutzten von hier aus den gerade geöffneten Grenzübergang Bornholmer Straße.
*** Gern senden wir Ihnen digital Fotos und das Originalpresseheft sowie eine Ansichts-DVD zu. Für ein Interview steht Ihnen u.a. der Hauptdarsteller Matthias Freihof zur Verfügung.
Bitte wenden Sie sich an: Barbara Löblein, Progress Film-Verleih, Tel. 030/24 003 473, b.loeblein@progress-film.de
Ort: Kino International, Karl-Marx-Allee 33, 10178 Berlin
Zeit: 9.11. Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr
Eintritt: 8 Euro, Reservierung ab sofort im Kino möglich
Weitere nationale und internationale Aufführungen von „Coming out“:
- International ist bzw. war er 2009 zu sehen in National Film and Sound Archive (NFSA, Canberra, Australien, 29.11.), Goethe Institut Neuseeland (07./15.11.), Goethe Institut Zagreb (ab 05.11.), Xenix Filmclub Zürich (seit 25.10.); auf Festivals in Turin, Padua, Taipeh, bei Goethe Instituten in Triest, Rom, Sydney.
- in
Deutschland außerdem: Heinrich-Böll-Stiftung (Halle, 03.11.), Kleines Kino (Frankfurt/ Oder, 06.11.), Kommunales Kino B-Movie (Hamburg, ab 07.11.), Union Filmtheater (Fürstenwalde, 08.11.), Schauburg (Dortmund, 08.11.), Kommunales Kino mon ami (Weimar, 09.11.), Atelier (München, 09.11.)
Filminformationen:
COMING OUT
(DEFA 1989, Farbe, 112 min.)
Regie: Heiner Carow
Drehbuch: Wolfram Witt
Darsteller: Mathias Freihof, Dagmar Manzel, Dirk Kummer, Michael Gwisdek, Werner Dissel, Gudrun Ritter, Walfriede Schmitt, Pierre Bliß, Lothar Berfelde (genannt Charlotte von Mahlsdorf)
Trailer zum Film: YouTube
Wie ein Schlag trifft es Philipp, als er Matthias begegnet. Jetzt weiß er, worauf er ein Leben lang gewartet hat. Aber da ist Tanja, die Philipp liebt und ein Kind von ihm erwartet, da sind die gesellschaftlichen Vorurteile gegenüber homosexueller Partnerschaft. Keinem der beiden traut er sich die Wahrheit zu sagen und gerät deshalb in eine tiefe Krise. Aber mit der Einsamkeit und Verzweiflung wächst auch eine neue Klarheit und Philipp begreift, dass es für ihn keine andere Möglichkeit gibt, als sich selbst und sein leidenschaftliches Empfinden anzunehmen.
Trotz massiver Widerstände bei der DEFA gelang Heiner Carow, dem Regisseur der berühmten „Legende von Paul und Paula“, dieses Plädoyer für die Toleranz, preisgekrönt mit dem „Silbernen Bären“ und dem „Teddy Award“ auf der Berlinale 1990. Die Berlinale präsentierte diesen Klassiker auch 1997, 2001 und 2006.
Heiner Carow über seinen Film
„Der damalige DEFA-Direktor (Hans Dieter Mäde) sagte, solange er Direktor dieses Studios ist, wird ein solcher Film bei ihm nicht gedreht. Dennoch schrieben Wolfram Witt und ich das Drehbuch ohne Vertrag und holten uns Gutachten von einem Psychiater, einem Rechtswissenschaftler und einem Soziologen ein. Diese legten wir ins Drehbuch und gaben es ab.
Der Rechtswissenschaftler hatte geschrieben, welche Rolle die KPD in den dreißiger Jahren in der Frage der Abschaffung des Paragraphen 175 spielte und daß Thälmann im Reichstag für die Abschaffung des Paragraphen war und daß es eine große Solidarität zwischen Schwulen und Kommunisten in den KZs gab. Trotzdem versuchte Mäde, den Film zu verschleppen. Aber ich schoß das Drehbuch über die Akademie der Künste bis zu Kurt Hager hoch. Aufgrund der Gutachten konnte er den Film unmöglich ablehnen.“
(Zitiert nach: Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg.): Spur der Filme. Zeitzeugen der DEFA)
Während der Dreharbeiten gab es weitere Widerstände von außen: Der S-Bahnchef wollte ursprünglich eine Szene mit jungen Neonazis in der S-Bahn nicht genehmigen. Daraufhin drehte Heiner Carow die Szene provokativ so, dass die Neonazis am Karl-Marx-Platz aussteigen. Auch das Schauspielhaus sträubte sich dagegen, dass der Film zeigt, welche großen Menschenschlangen sogar über Nacht für Theaterkarten anstehen.