Jeder Film sei für ihn eine Reise, die er antrete, um neue Entdeckungen zu machen, formuliert Andres Veiel sein Credo. „Es ist ein großes Privileg, dass ich in meiner Arbeit meinen eigenen Fragen nachgehen kann. Es muss etwas mit mir zu tun haben, sonst könnte ich mich nicht Jahre meines Lebens mit einem Projekt beschäftigen.“ Zugleich setzt er seine Filme bewusst ab von den Anforderungen der schnellen Rezeption im Fernsehen, in der Information über historische Fakten der Analyse von Prozessen gewichen ist. Er inszeniert für den Blick hinter die Kulissen, für den das Kino der Ort ist. „Generell haben wir ja alle die Erfahrung gemacht, dass man Bildern nicht mehr trauen kann. Selbst Nachrichtenbildern nicht. Und so denke ich, die Aufgabe für den Dokumentarfilm ist Bilder zu zeigen, die hinter den Nachrichten- oder Fernsehbildern liegen, die ihnen auf den Grund gehen.
In seinen Dokumentarfilmen skizziert er Lebensläufe. Den Psychologen interessiert dabei nicht die glatte Oberfläche im Leben einer Persönlichkeit. Er nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in die Tiefen der Seele der Porträtierten. Ihr Schicksal stellt er dabei auf der einen Seite in den Kontext der Prägung von Elternhaus, Zeitgeschichte und Gesellschaft während des Aufwachsens. Aber er begreift Lebensläufe nie als schicksalhaft. In all seinen Filmen arbeitet er Wendepunkte heraus, an denen sich die Porträtierten entscheiden mussten, welchen Platz sie sich in der Welt suchten und wie sie dies umsetzen wollten.
Ins inhaltliche Zentrum seiner Filme rückt so der Zwiespalt zwischen Anpassung und der Umgang mit den Grenzen, die Eltern und Institutionen setzten oder nicht setzten sowie die Reaktion der Gesellschaft auf die Verletzung der von ihr aufgestellten Regeln. Daraus ergibt sich die Frage nach den Ursachen für den Entschluss, Gewalt gegen sich, den Staat und dessen Repräsentanten sowie Andersdenkende anzuwenden. Auf der Suche nach möglichen Antworten steht bei ihm die die Wirkung von zwei gesellschaftlichen Erfahrungen, die die Einstellung der Einzelnen geprägt haben. Zum einen Erfahrung des Terrors der RAF und der Reaktion des Staates auf diese Herausforderung. Zum anderen der Umgang der Väter und Mütter seiner Generation mit ihren Erlebnissen unter der Nazidiktatur und deren Verdrängung sowie die Auswirkung des Schweigens auf ihre Kinder. In diesem Komplex vergisst auch die andere Seite nicht: Die Menschen jüdischen Glaubens, deren Leben bis heute von den Erfahrungen des Holocaust geprägt wird und die darauf in Israel einen Staat aufbauten, der mit seinen arabischen Nachbarn keinen Frieden finden kann.
Die Auseinandersetzung mit der Herkunft dieser unsichtbaren Mauern und den Möglichkeiten der Rebellion gegen sie durch den Einzelnen werden auch nicht zufällig zum roten Faden in seinem filmischen Werk. „Meine Eltern haben einen Teil ihrer Jugend durch den Zweiten Weltkrieg verloren und wurden dadurch geprägt. Aus dieser fundamentalen Verunsicherung heraus hatten sie ein ausgeprägtes Sehnen nach Sicherheit entwickelt und kaum Lust zu experimentieren. Daraus leitete sich ab, dass ich etwas Handfestes lernen sollte, bevor ich in einen künstlerischen Beruf gehen kann.“
Als Andres Veiel sein Diplom im Fach Psychologie ablegte war seine Entscheidung schon gefallen, nicht in dem Beruf arbeiten zu wollen. Geboren wurde er am 16. Oktober 1959 in Stuttgart, wo er aufwuchs. Von 1982 bis 1988 studierte er Psychologie in Berlin. In der Studienzeit wurde aus Andreas auch Andres Veiel. In der WG lebten drei junge Männer mit dem gleichen Namen. Um Verwechslungen zu vermeiden, wurde aus Andreas Andres.
Parallel zum Uni-Studium absolvierte er zwischen 1985 und 1989 eine Regie- und Dramaturgie-Ausbildung im Rahmen der internationalen Regieseminare am Künstlerhaus Bethanien, wo unter anderem Krzysztof Kieslowski lehrte. Dem akademischen Lehrbetrieb blieb Andres Veiel treu. Er war und ist Lehrbeauftragter an verschiedenen Filmhochschulen und Universitäten, unter anderem an der Deutschen Film- und Fernsehakademie, der Freien Universität Berlin, der Universität Zürich, in Johannesburg und Neu-Delhi.
Schon während des Studiums stellt er sich im Kontext mit seiner zentralen inhaltlichen Fragestellung der Hinterfragung der Darstellung von Gewalt. Seine ersten künstlerischen Arbeiten entstehen bei der Auseinandersetzung mit dem Entstehen von Gewalt. Zunächst auf der Gefängnispsychiatrie der Haftanstalt Berlin-Tegel, später auch im Normalvollzug inszeniert er Stücke mit Häftlingen über die latent vorhandene physische und psychische Gewalt. Sie wurden erst zensiert und dann abgesetzt. Der Weg zur Suche nach der adäquaten Form, um sich Tätern und Opfern anzunähern, gipfelt in dem szenischen Experiment „Der Kick“. In dem Lehrstück in Brechtscher Tradition wählt Andres Veiel den Weg der Distanz und Verfremdung.
Aus dem Blick verliert er in seinen Filmen andererseits nie die Kommunikation mit dem Zuschauer und dessen Chance der Rezeption von Stücken oder Filmen. Das ist eingebettet in die Auslotung der Möglichkeiten der Darstellung psychischer und physischer Prozesse im Schauspiel, die Annäherung von Schauspielern an die Facetten von Stücken und deren Eintauchens in die Tiefe einer Figur. „Ich lasse mich nicht leicht zufrieden stellen mit Vordergründigem oder Bewährtem und habe gewisse Ansprüche, was die Glaubwürdigkeit betrifft. Ich habe gemerkt, dass die Übergänge vom dokumentarischen Arbeiten zum fiktiven Erzählen absolut fließend sind. Es muss mir nur gelingen einen Rahmen zu bauen, wo jemand sich präsentieren kann, und ich muss für jeden Schauspieler den Schlüssel finden, damit seine Energie freigesetzt wird.“
In seinem ersten Film „Winternachtstraum" porträtiert er die damals 83-jährige Schauspielerin Inka Köhler-Rechnitz. Nach der Schauspielausbildung Ende der 20er Jahre scheitert ihr Engagement am Stadttheater von Görlitz, weil ihr Ehemann die - damals notwenige - Erlaubnis arbeiten zu dürfen verweigert. Sie arrangiert sich mit der Situation. Als so genannte Halbjüdin muss sie ihrem Mann und sich wenig später vor der Deportation ins KZ retten. Nach dem Ende der Nazi-Diktatur ordnet sie sich wie Millionen Frauen wieder unter. Erst Mitte der 80er Jahre gibt sie in der Berliner Senioren-Laienspielgruppe ihr Bühnendebüt. Veiel schreibt für sie ein Stück, in dem er sie mit den Texten der Väter der französischen bürgerlichen Revolution konfrontiert und fängt den Prozess der komplizierten künstlerischen Annäherung während der Proben für die Uraufführung des Stückes in Görlitz ein.
Schon in seinem ersten Film ist der Ansatz für seine Porträts zu spüren. „Mich interessiert, wie Menschen über sich nachdenken. Daher ist es kein Frage-Antwort-Spiel. Ich geben den Raum, damit jemand in seinem inneren Film drin ist. Wenn ich Glück habe, ist es nicht vorformuliert, was sie sagen. Wenn Schweigen eintritt, greife ich nur ein, wenn ich Hilflosigkeit spüre. Tränen im Film sind dann das Heikelste und Schwierigste. Ich möchte Tränen nicht ausstellen. Über die Hinführung zu solchen Momenten mache ich mir die meisten Gedanken.“ Ist Andres Veiel in seinen frühen Dokumentarfilmen als Filmemacher direkt präsent, findet er in „Black Box BRD“ zu der Form, die auch in der Tradition der DEFA steht. Er tritt völlig in den Hintergrund. Das Bild der Porträtierten entsteht über die Erzählungen der Interviewten.
Den Themen Schatten des Holocaust und Theater bleibt er auch in seinem zweiten Film „Balagan“ treu. Balagan ist die hebräische Umschreibung für Chaos in Kopf und Bauch. 1993 entstanden, wirkt der Film, den Andres Veiel selbst als Beschreibung „einer sich selbst infizierenden Wunde sieht“, als sei er gestern gedreht worden. Im Zentrum steht die jüdisch-palästinensische Theatergruppe AKKO, die mit ihrem Stück „Arbeit macht frei“ für Furore in Israel sorgte weil sie das scheinbar Unmögliche wagte, die Ereignisse des Holocaust in provokante Bühnenbilder zu fassen. In der von Andres Veiel mit der Kamera beobachteten Vorbereitung auf die Aufführung hinterfragen die Schauspieler radikal und tabulos die eigene Gegenwart sowie ihr Selbstverständnis, das von der Definition Israels als Zufluchtsstätte für die Opfer des Holocaust geprägt wurde. Die Angst vor einer Wiederholung der Shoa führt auch zum israelisch-palästinensischen Konflikt, in dem sich die Gegenseite als Opfer sieht. Der Hass der Palästinenser gipfelt in der Leugnung des Holocaust, so eingefangen im Heimatort des einzigen Schauspielers palästinensischer Herkunft. Gegen die Vorurteile seiner Familie und Nachbarn scheint er machtlos. „Das ist das Großartige an dem Film, dass er keine Tabus scheut und deshalb allen Fundamentalisten – welcher Art auch immer – Paroli bietet,“ urteilte Walter Jens über den Film, der Ausschnitte aus der Theaterarbeit mit biografischen Skizzen zu einer Collage verbindet, die das Land Israel verstehbar macht.
Um die Auswirkungen der Verdrängung der eigenen Mitwirkung in der faschistischen Diktatur – sei es als Täter oder Mitläufer – und den Glauben an das Wirtschaftswunderland BRD auf die Seelen der eigenen Generation rankt sich Veiels persönlichster Film „Die Überlebenden". Er beginnt mit einem Klassentreffen 17 Jahre nach dem Abi, bei dem drei der einstigen Schüler fehlen. Über die Lebenswege der Jungen, die durch die Erzählungen von Mitschülern, Freunden und Verwandten verfolgt werden, entsteht ein Bild des Denkens und Seins einer Generation, die sich zwischen Leistungsdruck- und Wille, Suche nach Freiheit und Selbstverwirklichung sowie der Rebellion gegen Tabus von Eltern und Institutionen im Nachhall der 68er auf der einen und der Anpassung an deren Erfordernisse auf der anderen Seite entscheiden muss.
Wolfgang Grams hätte einer von ihnen sein können. Der Wiesbadener suchte in den 70er Jahren engen Kontakt zu den Häftlingen der "Ersten Generation" der RAF in Stuttgart-Stammheim, deren Prozess auch Andres Veiel hautnah verfolgte. Beide empörten sich über die Haftbedingungen. Wo ist aber der Scheideweg, an dem ein intelligenter, musisch begabter Junge aus einem kleinbürgerlichen Elternhaus, in dem kaum über die Zeit der Nazidiktatur gesprochen wird, erst der linksradikalen Szene anschließt und dann zum Terroristen wird? „Was hat Menschen meiner Generation getrieben, 1984 in den Untergrund zu gehen, als die RAF mit ihren Zielen und Mitteln für kaum jemand nachvollziehbar war?“ fragte sich auch der Filmemacher. „Doch man kann über die RAF nicht reden, ohne über ihre Opfer zu sprechen – und zwar nicht nur als Fußnote. Daher war klar, dass `Black Box BRD` etwas Unmögliches versuchen musste: Beide Perspektiven zusammenbringen.“
Veiel versucht zu ergründen, warum sich Grams vermutlich Alfred Herrhausen als Opfer für sein letztes Attentat ausgesucht hat, einen Mann, der die Eliteschule der Nazis absolvierte und später die Chancen nutzte, denen sich Grams verweigerte. Als Vorstandssprecher der Deutschen Bank wurde Herrhausen zu einem der mächtigsten Männer der BRD, der aneckte, indem er sich in den letzten Jahren seines Lebens für die Entschuldung der so genannten Dritten Welt eingesetzt hatte. „Alfred Herrhausen war ein besonderes Hassobjekt, weil er sich aus Sicht der radikalen Linken eine `scheinsoziale Maske` aufsetzte. Seine Vorschläge zur Entschuldung der dritten Welt wurden als gerissene Taktik gedeutet, diese Länder noch effizienter auszubeuten. Dieses Zerrbild wurde ein Problem bei der Recherche, weil heute noch viele froh sind, dass er `weggeblasen` wurde. An der differenzierten Darstellung seiner Ideen waren genauso wenige interessiert wie an einem differenzierten Bild von Wolfgang Grams.“
Die Parallelmontage „Black Box BRD" stellt die Lebensläufe der beiden gegenüber ohne den Anspruch zu erheben Antworten geben zu können. Er findet auch eine Gemeinsamkeit. „Der Wille, für ihre Ideen mit dieser Unbedingtheit einzustehen, hat beide an unterschiedlichen Punkten ihres Lebens zunehmend isoliert. Es gab kaum noch Menschen, die ihnen folgen konnte.“ Wie immer lässt Andres Veiel dem Zuschauer Interpretationsmöglichkeiten, um mit seinen Erfahrungen die Black Box zu füllen.
Nach diesem Stück spannender Zeitgeschichte beendet Andres Veiel die Langzeitdokumentation "Die Spielwütigen". Er folgt vier Schauspielschülern der Hochschule "Ernst Busch" in Berlin von der Aufnahmeprüfung durch das Studium. Zugleich beendet er einen inhaltlichen Zyklus. Zum ersten Mal sind die Porträtierten jünger als er und gehören zu einer Generation, die relativ frei von durch Eltern und gesellschaftlichen Institutionen gesetzten Grenzen aufgewachsen ist. „Wenn Eltern für alles Verständnis haben, kann der Wunsch nach Rebellion nicht umgesetzt werden Vor den Studenten steht die Frage, wie können wir uns selbst Grenzen setzen oder wie gehen wir mit Grenzen um, wenn sie plötzlich von außen wie in einer Institution wie der `Ernst Busch` gesetzt werden.“
Nach diesem Film wollte sich Veiel auf das Schreiben konzentrieren. Mit dem Publizisten Gerd Koenen arbeitete er auf Grundlage von dessen Erzählung „Vesper, Ensslin, Baader“ an einem Drehbuch über das Leben der Gründungsmitglieder der RAF in den 60er Jahren. „Das Befreiende am Spielfilm wird sein, dass ich nicht die Verantwortung für das Leben der Beteiligten trage wie bei meinen Dokumentarfilmen. Bei allen Filmen habe ich massiv in die Biographien der Beteiligten eingegriffen.“
Er unterbricht die Arbeit für das Lehrstück „Der Kick“, dessen Vorlage er gemeinsam mit der Dramaturgin Gesine Schmidt schrieb und das nach der Uraufführung in Basel und Berlin als Filmversion in die Kinos kommt. Nach intensiven Recherchen rekonstruieren sie in dem Stück die Ereignisse um den Mord an einem Jugendlichen durch drei Teenager im brandenburgischen Potzlow und nähern sich den Ursachen für den Ausbruch der Gewalt. „In den Medien und der Politik wird auf solche Fälle meist reflexartig reagiert. Wenn Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm zum Beispiel den Mord an neun Babys auf die Proletarisierung und das Verlernen bürgerlicher Werte in der DDR schiebt, führt das in die argumentative Leere. Diese Form von schneller Stigmatisierung kann nicht funktionieren. Das Verbrechen hat sich aus der Mitte der Gesellschaft entwickelt. Die Eltern der Täter waren nicht gewalttätig, der Vater hatte Arbeit, war kein Alkoholiker. Das macht den Fall für mich so nahe, weil ich mich frage, wie fern ich selbst davon bin. Wer sagt denn, dass mein eigener Sohn nicht an einem bestimmten Punkt ausrastet und Sachen tut, die mir absolut fremd sind.“
Zugleich experimentiert Veiel in dem Zwei-Personen-Stück weiter mit den Möglichkeiten der Darstellung von Gewalt und wählt den Weg der Verfremdung. Alle Frauenrollen werden von einem Schauspieler, alle Männerrollen von einer Schauspielerin gespielt. „Wenn ein Schauspieler den Täter, ein anderer den Staatsanwalt spielen würde, wäre mir das viel zu nahe an einer naturalistischen Erzählweise, die dem Kern der monströsen Tat nicht näher kommt. Im Gegenteil, ich brauche diese Distanz, weil ich die Tat so unerträglich finde. Zugleich bietet die Form eine größere Chance der Verallgemeinerung. Bei der naturalistischen Erzählweise ist der Zuschauer verleitet, die Täter in einen Monsterkäfig zu stecken. Er selbst hat nichts damit zu tun.“
Die Erfahrungen mit der Inszenierung und der Rezeption des „Kicks“ werden mit in das Drehbuch über die Anfänge der RAF einfließen, das Andres Veiel wieder mit zero Film entwickelt. Der Produzent Thomas Kufus stand schon hinter „Black Box BRD“. Seine ersten Dokumentarfilme wurden von Klaus Volkenborn produziert.
Neben seinen Filmen lotet er seine Stoffe in Sachbüchern aus. "Black Box BRD - Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams" geht in seiner umfassenden Recherche weit über den gleichnamigen Film hinaus und gehört "zu den besten Büchern, die je über die RAF-Zeit geschrieben wurden" (SZ). Im Februar 2007 erscheint "Der Kick - ein Lehrstück der Gewalt".
Autorin: Katharina Dockhorn
Stand: Dezember 2006