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Katarina Peters macht sehr persönliche Filme. In „Am Seidenen Faden“ beobachtet sie mit der Videokamera die Rekonvaleszenz ihres Mannes, des Musikers Boris Babakoff, nach einem Schlaganfall. Sie beschreibt sehr ehrlich ihre eigenen Gedanken und Gefühle und reflektiert über die Nutzung des Mediums Film in dieser Situation. „Es war eine ganz eigenwillige Chance den Prozess der Verarbeitung des Schicksalsschlages und seiner Folgen auf diese Weise voranzubringen.“ Nach ihrem viel beachteten Debüt, das in aller Welt gezeigt wurde, möchte sie weiter machen. Mit dem Stipendium der DEFA-Stiftung recherchiert sie für eine weitere Selbstbeobachtung. Im Zentrum steht ihre Faszination für die orientalische Welt.
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Zum Film kam sie über Umwege. 1958 wurde sie in Hamburg geboren, wo sie auch aufwuchs. Ihre Mutter unterrichtete Kunsterziehung am Gymnasium Walddörferschule in Hamburg. Ihr Vater schaffte seinen Durchbruch als Künstler in den 70er Jahren in den USA. Der Konflikt zwischen dem kommerziell erfolgreichen Vater und der Mutter, die immer geistig provozierte, hat sie bis heute geprägt. „Sie stritten sich oft über Identität in der Kunst. Das haben sie mir mitgegeben. Ich habe mich immer verweigert Objekte zu schaffen, die man verkaufen kann.“
Als die Eltern Mitte der 70er Jahre in die USA gingen, blieb Katarina Peters 16-jährig in der Hansestadt. „Wir waren zuvor viel in den USA herumgereist. Ich wollte nicht mit umsiedeln, sondern lieber bei meinen Freunden bleiben.“ 1978 ging sie dann doch in die Vereinigten Staaten. Nachdem sie in einen Sommerkurs am San Francisco Art Institute rein geschnuppert hatte, studierte sie dort bis 1981. „Danach hatte ich Sehnsucht nach meiner Muttersprache und dem Wetter in Deutschland. Ich wolle auch weg von der amerikanischen Oberflächlichkeit und nach Berlin, wo mich die Hausbesetzerszene anzog.“
1981 bis 1986 studierte sie an der Hochschule der Künste in Berlin. Schnell fand sie Kontakt zur Künstlerszene im Westen der geteilten Stadt, die ihre Kunst unter politischem Aspekt sah. „Obwohl ich mich gerade auf den Dokumentarfilm konzentriere, möchte ich auch weiterhin in anderen Kunstformen aktiv sein.“
Neben Arbeiten als bildende Künstlerin drehte sie seit den 80er Jahren Dokumentar- und Experimentalfilme, für die sie 1986 die Katarina Peters Filmproduktion gegründet hatte. 1990 bis 1998 leitete sie das Film- und Fernsehstudio "Schnittstelle" in Berlin. Nachdem sie als Einzige von den drei Gründungsgeschäftsführern in der Firma verblieben war, stellte sie ihre künstlerischen Ambitionen zurück und übernahm die finanzielle und organisatorische Verantwortung für das prosperierende Unternehmen. „Zunächst dachte ich toll, jetzt kannst du endlich unabhängig deine eigenen Ideen verwirklichen. Meine Harmoniebedürftigkeit hat dann dazu geführt, dass ich nur darum bemüht war, dass sich alle anderen wohl fühlten. Meine eigenen Ansprüche blieben dabei auf der Strecke.“ Nur ein oder zwei eigenen Experimentalfilme entstanden in diesen Jahren.
„Mit 40 bin ich ein großes Wagnis eingegangen. Ich dachte, jetzt oder nie musst du den beruflichen und privaten Umstieg schaffen. Gegen den Rat einiger Freunde, die mich für verrückt hielten, habe ich meine Firma verkauft und einen acht Jahre jüngeren Mann geheiratet.“ Boris Baberkoff war auf sie zugekommen, weil er ein Video zu seiner Musik aufnehmen wollte. In Katarina Peters Wohnung komponierte er innerhalb von zwei Wochen sechs Stücke, deren Einspiel mit drei Kameras aufgenommen wurde. Es sollte Grundlage für die Vorstellung des Cellisten in New York sein. „Die Herausforderung für mich war, sein Management zu übernehmen und seinen Vertrag mit BMG - einen Knebelvertrag für musikalische Jungtalente - neu zu verhandeln. Die Vereinbarung, die für einen jungen Künstler sehr günstig war, die ihn aber ein Leben lang an die Firma gebunden hätte, wollten wir lockern oder lösen.“
Auf dem Weg nach New York probierte das Paar eine neu erworbene Kamera aus. Die verwackelten Bilder sind die letzten von Boris Baberkoff vor dem Schlaganfall, der beider Leben grundlegend verändern sollte. Die wenigen Szenen sind ebenso wie die Sequenzen, die Katarina Peters vor dem Schlaganfall in New York drehte ausnahmslos Teil des Dokumentarfilms „Am Seidenen Faden“ geworden. Die Kamera legte sie auch während des Anfalls nicht aus der Hand, was ihr später oft vorgeworfen wurde. „Ich glaube, dass ich die Kamera zum Selbstschutz laufen ließ, um auszublenden und das Ereignis besser ertragen zu können. Und als Beweis, dass es wahr ist, denn es dauert lange bis man versteht, dass das die neue Realität ist. Als ich die Bilder ein Jahr später wieder gesehen habe, war ich schockiert über die Perfektion und wie ich mich selbst inszeniert habe.“ Als sie ihren Freunden die ersten Fassungen des Films zeigte, waren diese schockiert, dass sie die Kamera auf einen kranken Mann gehalten habe. „Diese Diskussionen habe ich aufgegriffen und einen Diskurs über die Rolle der Kamera in den Film eingebaut.“
Ihre Liebe zur Biologie, die sie einst zu Ihrem Berufswunsch machen wollte, half ihr, sich den medizinischen Fakten anzunähern. Zur zentralem Thema in ihrem Denken wurde, was die Nerven zum wachsen motiviert und was die Rehabilitation voranbringt? Außerdem fragte sie sich natürlich, ob der Schlaganfall hätte verhindert werden können. Heute ist sie der Überzeugung, dass er mit den entsprechenden Maßnahmen hätte verhindert werden können. Die typischen Vorzeichen für einen Schlaganfall – Schwindelanfälle und Sehstörungen - waren in einer Berliner Klinik nicht richtig eingeordnet worden. Die Klage gegen die Fehldiagnose, mit der die karge Rente des Musikers aufgebessert werden sollte, konnte sie mit ihrem schmalen finanziellen Budget nicht durchziehen. „Die extremen Existenzängste und der Stress, die Schulden, die ich noch heute abtrage – das alles hätte nicht sein müssen. Daher ärgere ich mich heute auch ein bisschen, dass ich diese Episode aus dem Film raus gelassen und nicht über die ersten Symptome dieser Volkskrankheit informiert habe.“
Das Sozialamt stellte sogar die Leistungen ein als die Förderung des Medienboards Berlin-Brandenburg für den Film geflossen war. Die Beamten verlangten, dass das Filmbudget für den Privatverbrauch der Familie einzusetzen sei und verrechneten auch das Honorar von Katarina Peters, das Teil der Filmförderung war. „Dort wurde gar nicht verstanden, was Filmförderung überhaupt für einen Produzenten heißt und das ein Filmbudget an bestimmte Leistungen gebunden ist. Auf der anderen Seite war der Film für uns ein ungeheures Glück. Er brachte uns zurück zur künstlerischen Zusammenarbeit, Boris konnte den Soundtrack einspielen und ich konnte verarbeiten.“
Das Bedrohliche, Unaussprechliche findet sich wieder in den Bildern des Films. So bezieht sich der Titel auf eine Geschichte aus dem Mittelalter, die sie in ihrer Kindheit gehört hatte. Mit unendlicher Hingabe knüpften die Frauen Amulette aus ihrem eigenen Haar für den Geliebten, bevor er in die Welt oder den Krieg zog. "Im Traum habe ich mehrfach Boris „sein" Gehirn gehäkelt, es gewissermaßen wieder hergestellt.“ Dieser Traum nahm mehrmals Gestalt in eigenen Arbeiten an.
Während der Arbeit am Filmkonzept stieß sie auf eine Traumnotiz aus der Zeit noch vor dem Schlaganfall, die ihr den Atem verschlug: "Ich baue eine Geige. Mir ist erst viel später bewusst geworden, wie sie aussah: Dass ihr der Hals steckte rückwärts im Leib, so dass sie niemals einen Ton von sich geben würde. Sie ist eigentlich ein Krüppel".
Vor allem ist „Am seidenen Faden“ ein sehr ehrlicher Film über die physischen und vor allem psychischen Befindlichkeiten von Angehörigen bei der Pflege von schwer erkrankten Partnern. „Ich wollte ehrlich über meine widersprüchlichen Gefühle sprechen, so wie ich sie erlebt habe. In den ersten Fassungen des Filmes fehlte diese Ebene. Es waren eher Porträts von Boris, weil ich hinter der Kamera stand und meine Not nicht abgebildet war. Diese Ebene musste aber rein, wie die Situation an mir zerrte und mir an die Nerven ging: Das zentrale persönliche Problem der Rolle der Frau, die zur Übermutter wird, weil Krankenkassen, Freude, und Verwandte versagen im Angesicht der Aufgaben und der daraus entstehenden Belastungen, die auf dem Pflegenden ruhen. Ich habe gekämpft es auszuhalten, alles lange ertragen, aber manchmal ging in mir doch das Ventil hoch. Und das fand dann später seinen Weg in den Text des Filmes.“
Nach ihrem ersten Kinodokumentarfilm will Katarina Peters auf diesem Weg weiter machen. Eine Liebe galt immer der orientalischen Welt. Anfang der 80er Jahre war sie für 1/2 Jahr mit einem Filmteam in der Türkei, Iran, Pakistan bis nach Nepal unterwegs. Jetzt hat sie die Schnipsel von damals gesichtet. Sie sollen als Rückblenden und Erinnerungsfetzen in einen Film einfließen, wie der Kulturkreis der Filmemacherin heute begegnet.
Zuvor wird sie „Men for a Day“ realisieren, einen Film über Dragking Diane Torr, der Frauen einlädt, in einem einwöchigen Workshop ihre männliche Seite zu entdecken, indem sie sich wie Männer kleiden, eine männliche Biographie entwickeln, männlichen Gestus einstudieren und die Welt aus der Sicht des Mannes erleben.
Autorin: Katharina Dockhorn
Stand: Oktober 2006