Cho, Sung-Hyung

„Es war schon etwas Besonderes als ich 1990 aus Südkorea in das noch geteilte Deutschland kam. Wenn über die DDR geredet wurde, hatte ich oft das Gefühl, dass ich ein wenig über den Norden Koreas erfahre,“ bekennt die Filmemacherin Sung-Hyung Cho, die mit ihrem ersten Dokumentarfilm „Full Metal Village“ einen der warmherzigsten deutschen Heimatfilme der vergangenen Jahre realisiert hat. Von der DEFA weiß sie bis 2006 nicht. Erst durch Monika Schindler, die ihr beim Schnitt von „Full Metal Village“ beratend zur Seite stand, entsteht der erste Kontakt zur ostdeutschen Filmtradition. Doch als Sung Hyung Cho die Nachricht von der Auszeichnung mit dem Preis der DEFA-Stiftung erhält, schaut sie zunächst ins Wörterbuch, um den Stifter zu identifizieren.   

 

Sung-Hyung Cho wurde 1966 in Busan, Südkorea, geboren. Nach dem Abitur studierte sie Kommunikationswissenschaften in Seoul. „In dieser Zeit wuchs mein Entschluss, das Land zu verlassen, weil die Situation durch die Auseinandersetzungen zwischen der Staatsmacht und der Stundentenbewegung ständig unruhiger wurde. Das Land war in einer Aufbruchstimmung wie vielleicht Deutschland in den 68ern. Die Studentenbewegung war jedoch stalinistisch geprägt und die Führung agierte sehr diktatorisch, so dass man ständig den Eindruck hatte, man könne nur wählen Führer der Arbeiterbewegung in einer Fabrik zu werden oder würde vollständig vom Kapitalismus korrumpiert.“

1990 geht Sung-Hyung Cho nach Marburg, wo sie Kunstgeschichte, Medienwissenschaften und Philosophie studiert. „Der Wechsel war nicht kompliziert, da ich einen Hochschulabschluss hatte.“ Erste Kontakte mit der deutschen Literatur hat die Teenagerin durch die Bücher von Heinrich Heine. Im Goethe-Institut von Seoul lernt sie parallel zum Studium die deutsche Sprache. „Als ich nach Marburg kam, hatte ich wie viele Asiaten die Vorstellung vom Volk der Dichter und Denker. Ich konnte deutsch gut lesen und schreiben, aber kaum sprechen und verstehen.“

Ursprünglich will sie Journalistin werden. „Mir wurde aber bewusst, dass es unmöglich ist ein aufrechtes Leben in diesem Beruf in Südkorea zu führen.“ Sie beginnt sich ihre Nische in Kunst und Film zu suchen. „Ausschlaggebend für die Wahl waren die deutschen Experimentalfilme und die Werke des deutschen Expressionismus der 20er Jahre, die ich im Goethe-Institut gesehen habe.“

Nach ihrem Magister-Abschluss 1996 will Sung-Hyung Cho in Deutschland bleiben. „Die Zwänge, die sich daraus ergaben, haben sich alle zum positiven gewendet.“ Um Bleiben zu können, braucht sie einen festen Arbeitsplatz und einen Mann. „Mein Mann, der Regisseur Thomas Carle, hat mir zuliebe seine Abneigung gegen die Ehe zurückgestellt. Da ich auch drei Jahre verheiratet sein musste um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, war ich in der Ehe kompromissbereiter als in früheren Beziehungen. Das hat ihr und auch meiner Arbeit gut getan. Ich bin viel geduldiger geworden.“ 

Zwei Jahre lang arbeitet sie als Schnittassistentin unter anderem für die Serien „Ein Fall für 2“ und „Die Kommissarin“. Sie gibt Seminare am Filmhaus Frankfurt/Main und lernt die Filmszene der hessischen Metropole kennen. Seit 1997 konzipiert sie eigene abstrakte und skurrile Doku-Clips und alternative Musikvideos. „Auslöser der Underground-Videos waren immer visuelle Einfälle und Bilder, die ich im Kopf hatte. Anschließend habe ich mir die passende Musik gesucht.“


Von Frankfurt zieht sie in eine kleine Gemeinde im Taunus, wo sie heute noch die Blicke der Nachbarn spürt. 2002 beginnen die Arbeiten an ihrem ersten Dokumentarfilm „Full Metal Village“. Sung-Hyung Cho entdeckt in der FAZ ein Foto von Heavy-Metal-Fans in Wacken und wird neugierig. Nach ersten Recherchen in der Szene und dem kleinen Ort in Schleswig-Holstein, wo jedes Jahr im August Europas größtes Open-Air-Festival stattfindet, schickt sie 2004 eine Synopsis für einen Dokumentarfilm an vier Produzenten. „Ich hatte an der Uni gelernt, wie man kurz und knallig Synopsen formuliert.“ Helge Albers von der Flying Moon Filmproduktion begeistert sich für die Idee.

Im Zuge der Recherchen und der Suche nach Protagonisten verschieben sich die Akzente. Zunächst sollten die Heavy-Metal-Fans und ihre Musik gleichberechtigt mit den Dorfbewohnern im Zentrum des Films stehen. Doch obwohl Sung-Hyung Cho sie ins Herz geschlossen hat, rücken die Dorfbewohner in den Fokus der Aufmerksamkeit. „Die Heavy-Metal-Fans sind einfach zu glücklich während des Festivals. Menschen im Paradies sind aber die langweiligsten für einen Filmemacher. Die Dorfbewohner, die um ihre Existenz kämpfen, aber alle sehr freundlich sind und auf Fremde zugehen, sind viel interessanter.“

Durch diese Konzeption ist der 2005 gedrehte Film „Full Metal Village“ vor allem ein unvoreingenommenes Porträt einer Dorfgemeinschaft, in der die Uhren etwas langsamer ticken und deren Ruhe einmal im Jahr durch das Festival unterbrochen wird. Beide Seiten haben sich nicht nur miteinander arrangiert, was auch in der Professionalisierung der Organisation des Festivals zu bemerken ist. Sie haben sich angenähert, akzeptieren einander und angefreundet. So wird der Film zu einer Parabel über das friedliche Miteinander von verschiedenen Kulturen und zugleich ein Beispiel für ein in den vergangenen Jahren wieder aufblühendes Genre, das in Deutschland lange verpönt war: Den Heimatfilm. Befreit von Kitsch und Verklärung, die ihn in Verruf gebracht haben, trägt der Film zu einer Neudefinition bei, da er unverkrampft, ehrlich und authentisch ein Stück deutsche Heimat einfängt. „Dabei kam mir als Filmemacherin wahrscheinlich zugute, was sonst nicht immer ein Vorteil ist: Als Ausländerin ging ich mit einem anderen Blick und ohne Vorurteile auf die Dorfgemeinschaft zu.“

Trotz diverser Preise sind die Verleiher gegenüber der ungewöhnlichen Entdeckungsreise in die deutsche Provinz skeptisch. Helge Albers bringt ihn selbst heraus. Die Reaktion der Medien ist überwältigend. Alle großen Tageszeitungen loben ihn, die Regisseurin stellt ihn in den „Tagesthemen“ ebenso vor wie bei Stefan Raab. „Ich glaube, der Grund für das Medieninteresse war, dass die Deutschen sonst ein anderes Bild über sich selbst haben.“ Die Berichterstattung verhilft dem Film mit zum Erfolg. „Full Metal Village“ wird zum erfolgreichsten Dokumentarfilm des Jahre 2007 an der Kinokasse.  

Bei Sung-Hyung Cho stehen die Telefone jedoch still. Nur eine Firma will sie für ein Projekt begeistern. Die Filmemacherin will ihre Zusammenarbeit mit Helge Albers fortsetzen. Sie hat für einen Film in Südkorea recherchiert, den sie nach erfolgreicher Finanzierung im kommenden Jahr drehen will. „Nach `Full Metal Village bekam ich wieder sentimentale Sehnsucht nach Hause. Wobei ich mich frage, ob Korea noch meine Heimat ist. Ich habe eher den Blick einer Außenseiterin auf das Land,“ umreißt sie die eigenen Gefühle der Zerrissenheit, die auch das gewählte Thema widerspiegeln. Im Jahr 2003 entstand auf der südkoreanischen Insel Namhae ein "deutsches" Dorf - eine Siedlung für jene Koreaner, die in den 60er und 70er Jahren als Krankenschwestern oder Bergarbeiter nach Deutschland kamen und nun in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind. Die Heimkehrer fühlen sich in der Hochleistungsgesellschaft des extrem dynamischen Landes fremder als in Deutschland und bauten eine abgeschottete Siedlung nach deutschem Vorbild.

Stand: November 2007
Autorin: Katharina Dockhorn