Die Liebe zum Spiel, zum Schreiben und zur Regie wurde in Rita Lengyel schon früh geweckt. Schon als Teenager stand sie vor der Kamera und bekam durch ihren Ziehvater Gábor Bódy erste Einblicke in die Arbeit am Set. 1991 wurde das schauspielerische Talent der damals 17-jährigen endgültig entdeckt. Ihre zweite Leidenschaft galt jedoch immer dem Schreiben und Inszenieren. „Mich interessieren Menschen und ihre Geschichte. Als Kind haben mich die Geschichten aus den Büchern weiterbeschäftigt noch lange nachdem ich sie gelesen hatte. Ich fing an, zu jeder Geschichte meine eigenen Bilder zu malen, um diese dann zusammen mit meinem Bruder zu fertigen Szenen auszuarbeiten. Natürlich haben die beiden sie dann gemeinsam auch vor Publikum durchgespielt…. Immer ein bisschen anders als sie im Buche standen,“ beschrieb Rita Lengyel die Anfänge ihrer Leidenschaft in der Bewerbung an der HFF „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Auch ihrer Herangehensweise ist sie treu geblieben. Zuerst sind die Menschen, die Figuren da und aus ihnen entwickelt sie für ihre Bücher die Geschichten.
Rita Lengyel wurde 1973 in Düsseldorf geboren. Ihre Mutter ist u.a. Historikerin und arbeitet heute als Kuratorin am Ludwig-Museum in Budapest. Ihr Vater stammt ebenfalls aus Ungarn und ist Kunstmaler. 1981 zieht Rita Lengyel mit ihrer Mutter, dem Ziehvater und ihren Geschwistern nach Berlin und lebt später immer abwechselnd zwischen Köln, Berlin und Budapest, wo sie zweisprachig aufwächst. „Wir haben ein sehr inniges Verhältnis in unserer Familie und ich bin auch gerne in Ungarn.“ Die Zugehörigkeit zu beiden Kulturen prägt ihr Werk bislang ebenso mit wie das Schicksal ihres Ziehvaters Gábor Bódy. Der ungarische Regisseur war Anfang der 80er Jahre einer der ersten, der die Möglichkeiten der Verbreitung von Filmen durch die Videotechnik erkannte, sowie die Videokunst als eigene Kunstform verstand. Er begann eine eigene Edition experimenteller Filme und Videokunst herauszugeben, in deren Rahmen auch Oliver Hirschbiegel erste Filmschritte machen konnte. Zugleich schuf er mit „Narziss und Psyche“ und „Nachtlied des Hundes“ zwei Spielfilme, die das Missfallen der Zensur in seiner Heimat erregten. Um seinen Freitod 1985, ranken sich bis heute Gerüchte, dass der ungarische Geheimdienst nachgeholfen habe.
Nach Ballettunterricht und ersten schauspielerischen Erfahrungen in Theater AGs gelingt Rita Lengyel in „Pizza Colonia“ von Klaus Emmerich 1991 der Sprung ins Profifach. Mechthild Holter holt sie in ihre Agentur, später wechselt Rita Lengyel zu Wiebke Reed. Nach einer Ausbildung im Theater Trapp umfasst ihre Filmografie, Fernseh- und Kinoarbeiten mit Oliver Hirschbiegel (Der Eistaucher), Ralf Huettner (Das Double) und Markus Goller (Mask under Mask). Trotzdem schränkt sie ein: „An einigen TV Sets habe ich mich oft nicht richtig wohl gefühlt, weil ich mich nicht dazugehörig fühlte. Das durchrattern von Szenen und Dialogen, und dann auch noch als Nebenrolle - das frisst ganz schön an der eigenen Seele. Andere haben das dann gespürt, dein Gegenüber ist ja schließlich nicht doof,“ fasst sie ihre Gefühle bei einigen Fernseh-Drehs zusammen. Auf der einen Seite wollte sie spielen und sich ausprobieren, auf der anderen empfand sie viele Rollen, die ihr angeboten wurden nicht als künstlerische Herausforderung. Heute wählt sie ihre Rollenangebote sorgfältiger aus, lässt auch mal was aus, wenn es nicht ausreicht für eine hingebungsvolle Arbeit an der Figur oder dem Projekt gegenüber.
Dennoch hat sie viele Rollen bis Ende der 90er Jahre angenommen, um für die finanziellen Verpflichtungen des Tonstudios Sound Source Gbr. geradezustehen, das sie 1995 mit ihrem Bruder gegründet hatte. Er war für den technischen Teil, sie für den geschäftlichen und kreativen Teil der Firma verantwortlich, das den Bands TCA Microphone Mafia und EM: Zeh, das Hinterland bieten sollte. Die Auflösung des Musikprojektes empfand Rita Lengyel als Chance zur beruflichen Neuorientierung. Sie konzentrierte sich auf die eigene Regiekarriere, die sie nie ganz aus den Augen verloren hatte. Nach dem ersten Praktikum bei der Kölner Tag/Traum Filmproduktion 1993, sucht sie in New York Kontakte zur unabhängigen Musik- und Filmszene. 1995 gründet sie den multimedialen Art-Workshop „Flash me Blue“ mit, der bis 1999 besteht.
Im gleichen Jahr schreibt sie ihr erstes Drehbuch, ein Spielfilm für Kinder. 2001 bewirbt sie sich mit dem Kurzfilm „Volo“ an der dffb, wo Gábor Bódy einst lehrte. Der Ablehnungsbescheid empfahl ihr, sich an der UdK zu bewerben. Stattdessen dreht sie den Kurzfilm „Keine Zeit“ auf 16 mm und bewirbt sich an der HFF „Konrad Wolf“, wo sie im ersten Anlauf für das Fach Regie angenommen wird. „Das war wohl schicksalhaft, weil ich mich dem erzählerischen Kino, auf das in Babelsberg besonderer Wert gelegt wird, sehr verbunden fühle. Zugleich habe ich mir bei der ersten Bekanntschaft mit der Infrastruktur der Hochschule und deren umfangreichen Fächerangebot gesagt, dass ich alles für mich nutzen will. Wann hat man zum Beispiel wieder Gelegenheit, so viele Filmklassiker wie bei uns im Fach Filmgeschichte, zu sehen.“
Während des Studiums entstehen die Dokumentarfilme „How are you“ (2003), und „Ovomaltine“ (2004), der Festivaltrailer „Underwater“ (2007), sowie die Spielfilme „Laci`s Day“ (2003), und „Gabriel“ (2006). Im gleichen Jahr schreibt und dreht sie auch „Berlin Budapest“. Im Zentrum des 15-minütigen Films steht Mari (Dorka Gryllus), die unerwartet in Berlin auftaucht um ihre Jugendliebe und Vater, Bálint, ihres 3-jährigen Sohnes zu treffen. Anstelle eines freudigen Wiedersehens mit ihm, trifft sie dessen deutsche schwangere Freundin Britta. Mari verschweigt ihr die Wahrheit um ihre Identität und fährt nach Budapest zurück. Zwar mit der Gewissheit, Bálint für immer verloren zu haben, aber ihr eigenes Leben dafür umso mehr in der Hand zu haben. „Es geht mir in diesem Film um das Scheitern von Illusionen und das Prinzip Hoffnung. Es ist schwierig jemanden den man einmal sehr geliebt hat aufzugeben. Und doch ist es oft die einzig mögliche Konsequenz, um mit dem eigenen Leben weiterzumachen.“
Die Einheit von Inhalt und Form bei der ruhigen, unaufgeregten Herangehensweise an das Zusammentreffen der beiden Menschen und Kulturen, lobte auch die DEFA-Stiftung. „Mit ruhigem Blick fürs Detail zeichnet die Regisseurin den Weg von Maris vorgegebener Identität zu ihrer wirklichen. So findet ihr Kurzfilm zu einer Dramatik, die nicht durch Übertreibung oder gekünstelte Enthüllungen den Weg zum Wahrhaftigen verstellt, sondern durch kluge Beobachtung und gekonnte Inszenierung sicher ans Ziel gelangt.“
Um die Hauptfigur Mari und Schauspielerin Dorka Gryllus herum, entwickelt Rita Lengyel ihren Abschluss- und ersten Langfilm, der in Budapest und Berlin spielen wird und von ihrer Professorin Helke Misselwitz betreut wird. In der Dreiecksgeschichte suchen und finden ihre Figuren ihre eigene Identität, wobei sie mit den großen Themen Liebe, Heimat und Tod konfrontiert werden. „Ich habe nach einem Thema gesucht, in dem ich mich auskenne. Am Anfang ständen jedoch immer Figuren, die sie interessieren und Orte, die sie aus ihrem Umfeld kennt. „Das hilft mir am Anfang, soll aber kein Dogma werden. Voraussetzung aber bleibt, dass die Figuren so stehen müssen, dass sie die Geschichte auf ihrem Rücken tragen können ohne dass sie von der Inszenierung erdrückt werden. Die Figuren-Konstellation ist der Auslöser für alles Weitere. Im Grunde finde ich dann erst während des Schreibens heraus, was und vor allem wie ich meine Geschichte erzählen will.“
Dabei ist ihr bewusst, dass sie sich nicht im luftleeren Raum bewegt. Die Zuschauer und deren Sehbedürfnisse denkt sie mit, ohne bei der Konzeption der Geschichte große Kompromisse an den populären Geschmack machen zu wollen und das eigene Ziel aus den Augen zu verlieren. „Ich möchte Filme machen, die Menschen begeistern und zum Nachdenken bewegen. Und die gesehen werden. Ein Film ohne Publikum ist nichts weiter als Zelluloid.“
Autorin: Katharina Dockhorn
Stand: März 2006