Heimatfilme aus dem Südosten Deutschlands wurden zum Markenzeichen des gebürtigen Dresdners Thomas Wendrich. Die Filme des Drehbuchautors und Regisseurs, der seine Karriere als Schauspieler begann, führen in eine unverwechselbare Welt, in der Märchenhaftes, Metaphern und Realität dicht beieinander liegen und in wunderschönen Bildern miteinander verschmelzen. Eigenwillige, kauzig-knorrige, tief in ihren Dörfern verwurzelte und starrköpfige Charaktere sowie skurrile Situationen bestimmen ebenso wie eine weite Landschaft und alte, traditionelle Dörfer die Atmosphäre der Filme, in der die Zeit stillzustehen scheint. Und immer ist es ein Außenstehender, der die Starre aufbricht, der Luft und Bewegung bringt.
Thomas Wendrich wurde 1971 in Dresden geboren, wo er 1990 sein Abitur machte. Noch heute betrachtet der Wahlberliner Sachsen als seine Heimat. 1990 begann er ein Schauspielstudium an der HFF „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg, das er vorzeitig abschloss. Während des Studiums übernimmt er erste Kinorollen in „Der Kinoerzähler“ von Bernhard Sinkel, „Rosenemil“ von Radu Gabrea und „Abschied von Agnes“ von Michael Gwisdek, mit dem Wendrich bis heute eine Freundschaft verbindet.
Sein Talent wird dann von Thomas Heise entdeckt, der Thomas Wendrich 1993 für seine Inszenierung von Bertold Brechts „Der Brotladen“ ans Berliner Ensemble verpflichtete. Der Kontakt zu dem Regisseur ist nie abgerissen. Aus der engen Zusammenarbeit entstand bei Wendrich und Heise die Idee, eventuell gemeinsam ein Skript anzugehen, mit dem Thomas Heise sein lange geplantes Regiedebüt angehen könnte.
Über die Inszenierung von Thomas Heise wurden Peter Zadek, Einer Schleef und Heiner Müller auf Thomas Wendrich aufmerksam. Unter Zadek spielt er in „Antonius & Cleopatra“, Schleef vertraute ihm einen der Matti’s in Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ an und Heiner Müller besetzte ihn in Brechts „Arturo Ui“. Das BE wurde seine eigentliche Schule, blickt Thomas Wendrich heute zurück, die ihm das notwendige Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gegeben habe.
Zugleich erkannte er mögliche Grenzen, fühlte sich zunehmend als Edelstatist, da ihm Kontinuität und Herausforderungen fehlten. 1999 kündigte er sein festes Engagement, um sich auf sein Drehbuch-Studium an der Drehbuch-Akademie der dffb zu konzentrieren. Zur Voraussetzung für das zweijährige Zusatzstudium zum Autor macht Reinhard Hauff die Kündigung am BE. 2001 kehrte er für ein Gastspiel in Indien ans BE als Gast zurück. Ein Status, den Thomas Wendrich bis heute genießt.
Immer wieder nimmt er kleine und größere Rollen in Fernsehen und Kino an. So war er unter anderem in Andreas Kleinerts „Wege in die Nacht“, Dominik Grafs „Der rote Kakadu“ und Matthias Keilichs „Könige der Nutzholzgewinnung“ zu sehen. Im Fernsehen spielte er in verschiedenen Serien wie „Abschnitt 40“, sowie als Walter Ulbricht in der MDR-Doku-Fiktion-Serie „Geschichte Mitteldeutschlands“. Einen kleinen Part übernahm er auch in Connie Walthers „12 heißt ich liebe dich“, der ihn gerade wieder nach Dresden geführt hat.
Das Schreiben war immer und ist seine Leidenschaft. Sein erstes Drehbuch nach Georg Heyms „Der Irre“ wird im Freundeskreis realisiert. Wendrich ist Autor, Regisseur und Produzent – definitiv zu viel. Er beschließt, sich auf das Schreiben zu konzentrieren. Die BKM wird auf den Autor aufmerksam und gewährt ihm eine Drehbuchförderung für „Nimm Dir Dein Leben“. Das Buch wird zum Wendepunkt in Thomas Wendrichs beruflichem Weg. Mit Teilen des Buches bewarb er sich erfolgreich an der Drehbuch-Akademie der dffb. Seinen Abschluss macht er dann mit „Maria am Wasser“.
Den Bundesfilmpreis für das Beste unverfilmte Drehbuch erhält Thomas Wendrich im Februar 2002 zwei Monate nach seinem Abschluss an der dffb für „Nimm Dir Dein Leben“. Der Preis sei nicht nur eine Bestätigung für sieben Jahre Arbeit an dem Projekt, das er seit 1996 mit Sabine Michel entwickelt hatte. Das mit der Auszeichnung verbundene Geld in Höhe von 30.000 DM habe ihm den ökonomischen Rückhalt gegeben, sich seinen weiteren Büchern zu widmen und ihm die Türen für seine Ideen bei den Produzenten geöffnet.
Eine erste Kostprobe für das Potential des Stoffes gaben sie in dem Kurzfilm „Hinten scheißt die Ente“, der von der Berliner moneypenny Filmproduktion 2001 realisiert wurde. Mit der Leipziger Cinex hatten Sabine Michel und Thomas Wendrich Produzenten an ihrer Seite, die das Buch umsetzen wollten. Die Finanzierung erwies sich als schwieriger als gedacht. Heimatfilme aus dem Osten waren noch nicht gefragt. Nach drei Jahren gingen die Rechte an die Produzenten Judy Tossell und Jens Meurer von der Berliner EgoliTossell Filmproduktion, die das Projekt im Herbst 2005 in Sachsen-Anhalt realisierten.
Erzählt wird die Geschichte von Milan, der in einem abgelegenen Dorf an der polnischen Grenze aufgewachsen ist, wo er der einzige Bewohner in jüngerem Alter ist. Plötzlich taucht ein junger Pole auf, der Milan von seiner unglücklichen Liebe zu Ilonka erzählt. Wenig später wird er erhängt in der Scheune aufgefunden – sein Herz will jedoch nicht aufhören zu schlagen. Dann taucht Ilonka auf und weckt unangenehme Erinnerung unter der völlig isoliert von der Außenwelt lebenden Dorfbevölkerung. Die junge Fremde soll Milans Mutter zum Verwechseln ähnlich sehen, die einst von ihrer Schwiegermutter als Hexe denunziert wurde. Freiwillig lässt sich jetzt Ilonka auf diesen mysteriösen Test ein und auch Milan kann sie nicht davon abhalten. Er wird jedoch aktiv, damit sie ihn bestehen kann.
Milan nutzt die Chance sich aus den Fesseln seiner Herkunft zu befreien und sein eigenes Leben anzugehen. Wie in allen Büchern von Thomas Wendrich geht es um die Befreiung aus einem Stillstand. Entweder müssen sich seine Figuren selber aufmachen, oder es bedarf des Auftauchens eines Fremden, der die Gemeinschaft, auf der ein gemeinsames Geheimnis lastet, aufrüttelt und aus ihrem Gefangensein befreit. Und immer kommen diese Fremden aus dem Osten Europas, aus Polen oder in „Maria am Wasser“ aus Tschechien. Das erklärt der Filmemacher durch sein Aufwachsen im Dreiländereck der Lausitz.
Deren Erzähltraditionen fühlt er sich auch verpflichtet. Thomas Wendrich erzählt archaische Geschichten von eigenwilligen Menschen. Er überhöht und verbindet die metapherreiche Handlung mit den Mythen und Märchen seiner Heimat und hat den Mut zu deftig-skurrilen Übertreibungen. Sein Humor ist ebenso von tschechischer Seite - wie dem Soldaten Svejk oder den Filmen von Jiri Menzel - beeinflusst als auch von polnischen Erzähltraditionen. Ähnlich wie bei diesen ist bei Thomas Wendrich die Landschaft ein integraler Bestandteil der Handlung.
Nach den ersten erfolgreichen Versuchen im Schreiben wagte Thomas Wendrich eher zufällig auch wieder den Sprung auf den Regiestuhl. „Zur Zeit verstorben“, den er für 10.000 Euro in Arnsdorf bei Görlitz drehte, wurde einer der weltweit meist gespielten deutschen Kurzfilme. Der 17minütige Film der It Works! Filmproduktion beginnt mit einem heftigen Familienstreit, nach dem der alte, leicht verwirrte Bauer Franz zu seinen ebenfalls hoch betagten Freunden auf den Marktplatz eines Dorfes flüchtet. Als Zeichen seiner Rüstigkeit bietet er an, für sich und seine Freunde Eis zu holen. Im tiefen Einklang mit der Welt begibt sich der alte Mann danach auf seine letzte Reise.
In dem Film setzt Thomas Wendrich die Zusammenarbeit mit dem Kameramann István Imreh fort. Ebenso arbeitet er mit Marie Gruber und Michael Gwisdek. Diese Kooperation hätte der Regisseur gerne auch für „Maria am Wasser“ fortgesetzt, doch eine Erkrankung Gwisdeks zwang ihn umzudenken.
Am Anfang der Buchentwicklung stand eine Legende, die Thomas Wendrich schon als Kind gehört hatte. Immer wieder wurde gemunkelt, dass bei einem Unfall mit einem Panzer in der Elbe mehrere Kinder zu Tode gekommen seien. In den 90er Jahren sah Wendrich eine Dokumentation des MDR über einen Unfall in den 60er Jahren, als ein Panzer in Brandenburg sieben Kinder aus dem Ferienlager des DDR-Fernsehens in den Tod gerissen hatte.
Das wurde der Ausgangspunkt für die Geschichte von Marcus, der nach 22 Jahren wieder in seine Heimat in Neusorge an der Elbe zurückkehrt, um in der Kirche Maria am Wasser die Orgel zu restaurieren. Nur einer der drei Männer, die vor Jahrzehnten um die Zuneigung seiner Mutter konkurriert haben, erkennt ihn. Selbst seine Mutter, Maria, die noch heute das Waisenhaus an der Elbe leitet, will nicht wahr haben, dass er wieder aufgetaucht ist. Denn das hieße, sich der eigenen Lebenslüge zu stellen. Der überragende Schwimmer Marcus hatte als 10-jähriger einen Unfall genutzt, um vor ihrer Lieblosigkeit und dem tristen Alltag im Waisenhaus nach Tschechien zu fliehen. Aus seiner Wahlheimat stammt auch die junge Alena, die ihren Sohn sucht, der im Waisenhaus von Marcus’ Mutter lebt und nun von kinderlosen Amerikanern adoptiert werden soll.
„Die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind nicht lieben kann, spiegelt sich in der einer Mutter, die ihr Kind nicht lieben darf, weil sie nicht bei ihm sein kann. Auf der einen Seite sucht ein Sohn seine Mutter, auf der anderen die Mutter den Sohn.“, fasst Thomas Wendrich die Struktur zusammen. „Was mich dabei besonders interessierte, war der Blick meiner Generation im Unterschied zu dem meiner Eltern-Generation auf die Geschichte der DDR und die Wende. Ich will die Empfindungen und Gefühle nachvollziehbar machen, die Erlebnisse und Geschichten in den verschiedenen Altersgruppen auslösen. Der Weltfrieden ist dabei ein angemessener Rahmen.“
Als Thomas Wendrich im Schnitt von „Maria am Wasser“ saß, bereitete Andreas Kleinert den Dreh des Dramas "Freischwimmer" vor, den er im August/September 2006 in NRW mit Frederic Lau, Jürgen Tarrach, August Diehl, Devid Striesow und Dagmar Manzel drehte. Er fügt sich nahtlos in Thomas Wendrichs Oeuvre ein. Mysteriöse Ereignisse, Morde und eine Liebe, die alle Widerstände überwindet, sind die Motive, die sich auch in der Geschichte des 15-jährigen Rico wiederfinden. Der Gymnasiast gilt als totaler Außenseiter. Nach der Vergiftung eines Mitschülers sucht Rico bei seinem Deutschlehrer Halt. Erst nach einer Zeit findet er heraus, dass mit seinem Lehrer etwas nicht stimmt. Und dann ist da noch seine heimliche Liebe zu Regine, dem schönsten Mädchen der Kleinstadt. Was erst eine unstillbare heimliche Sehnsucht war, wird sich bald erfüllen.
Autorin: Katharina Dockhorn
Stand: März 2007