Der Kameramann Eugen Klagemann ist dem Studio Babelsberg treu, trotz der wechselhaften Geschichte des größten Filmateliers Deutschlands. Er beginnt Mitte der 20er Jahre als Standfotograf bei verschiedenen Filmunternehmen zu arbeiten, ist in dieser Funktion an mehr als 40 Filmen beteiligt. Ab 1943 arbeitet er als Kameramann. Nach 1945 wird er einer der wichtigen DEFA-Kameramänner, erreicht mit seinen Schwarz-Weiß-Bildern eine besondere atmosphärische Dichte in einigen Nachkriegsfilmen.

Eugen Klagemann beim Dreh zu "Die Mörder sind unter uns" (1946)
Foto: DEFA-Stiftung/Eberhard Klagemann
Eugen Klagemann wird am 01. Februar 1902 in Berlin geboren. In seiner Heimatstadt besucht er bis 1916 die Grundschule. Ab 1917 ist er als Volontär in einem Foto-Kunst-Atelier in Berlin angestellt. Von 1917 bis 1920 wird er Lehrling in der Deutschen Bioskop Gesellschaft, die sich in dieser Zeit von einem kleinen Filmbetrieb zu einer der wichtigsten deutschen Filmproduktionsfirmen entwickelt. Danach arbeitet er als freischaffender Fotograf bei verschiedenen Filmunternehmen; wird unter anderem von Regisseur und Produzent Richard Eichberg als Lehrling beschäftigt. Ab 1928 ist er als Standfotograf im Babelsberger Filmstudio angestellt; wirkt an mehr als 40 Filmen mit. Vorrangig handelt es sich um Unterhaltungsware, aber Eugen Klagemann fotografiert auch bei Propagandafilmen, etwas BISMARK (1940) und ICH KLAGE AN (1941), beide unter der Regie von Wolfgang Liebeneiner.
1942 steht er erstmals hinter der Kamera. Auf Anregung des Regisseur Peter Pewas dreht er für die Produktionsfirma Tobis einen Studiofilm. ZWEIKLANG (1942) wird allerdings nicht öffentlich aufgeführt, aber Eugen Klagemann von der Produktionsfirma fest angestellt. In der Folge bemüht er sich um mehr Arbeiten an der Kamera, ab 1943 wird er in der Funktion des Kameramanns eingesetzt. Mehrfach arbeitet er mit dem Kameramann Fritz Arno Wagner zusammen; ihr erster gemeinsamer Film wird HERR SANDERS LEBT GEFÄHRLICH (1943) unter der Regie von Robert A. Stemmle. Von dem erfahrenen Kameramann, der in den 20er Jahren bereits mit Georg Wilhelm Pabst, Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau zusammengearbeitet und einige der einflussreichsten Filme der Zeit dreht hat, lehrt er sicher mit Schwenks und Kamerafahrten umzugehen sowie Großaufnahmen und Lichteffekte wirkungsvoll einzusetzen. Unter der Regie von Paul Verhoeven arbeitet er erstmals als Chefkameramann bei DAS KONZERT (1944). In der Folge steht er hinter der Kamera für Regisseure wie Kurt Hoffmann, Harry Piel und Werner Klinger.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird Eugen Klagemann im Juni 1946 erster Kameramann bei der DEFA. Gemeinsam mit seinem Kollegen Friedel Behn-Grund arbeitet er an dem ersten DEFA-Film DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (1946) von Wolfgang Staudte. Nach eigenen Berichten ziehen sie mit einem Handwagen durch die Trümmer von Berlin, auf der die Kamera festgeschraubt ist, um wirklichkeitsnahe Bilder zu erhalten. Der Film, die erste ernsthafte Auseinandersetzung mit Schuld und Gewissen, setzt ganz auf die Symbolkraft des Bildes. Lichtsetzung und Bildeinstellungen werden von den Kritikern besonders positiv hervorgehoben. Bereits in diesem ersten Nachkriegsfilm zeigt sich ein Markenzeichen Eugen Klagemanns, für das er immer wieder in seinen späteren Filmen gelobt werden wird: Er kann das menschliche Antlitz mit den Mitteln der Kamera gekonnt einfangen; die Gefühle und Affekte der Personen für den Zuschauer sichtbar machen. So etwa setzt er Hildegard Knef in DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (1946), Ilse Steppat in EHE IM SCHATTEN (1947) oder Willy A. Kleinau in DAS FRÄULEIN VON SCUDERIE (1955) gekonnt in Szene.
Im Jahr 1948 arbeitet Eugen Klagemann kurzfristig für die REAL-Film, die ihren Sitz im Westteil Berlins hat, kehrt aber zur DEFA zurück. In der Folge ist er an zahlreichen wichtigen ostdeutschen Filmen beteiligt, zählt bis Anfang der 60er Jahre zu den bedeutendsten Kameramänner der DEFA. RAZZIA (1947) von Werner Klinger spielt im Schwiebermilieu des Nachkriegsberlin; wieder sind es Friedel Behn-Grund und Eugen Klagemann, die mit ihren Schwarz-Weiß-Bildern eine besondere atmosphärische Dichte erzeugen können. Auch in dem Kriminalfilm WARE FÜR KATALONIEN (1959) gelingt eine genaue Milieuzeichnung. So werden etwa in einer Kneipenszene mit einem gezielten Wechsel von halbnahen Einstellungen und Großaufnahmen die Charaktere der Figuren und ihre Stimmungen gekonnt dargestellt.
Er führt die Kamera bei dem Spionagefilm GEHEIMAKTE SOLVAY (1953) von Martin Hellberg. Opulente Operettenfilme wie FIGAROS HOCHZEIT (1949) und DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR (1950), beide unter der Regie von Georg Wildhagen (gemeinsam mit dem Kameramann Karl Plintzner) und historische Streifen wie SEMMELWEIS - RETTER DER MÜTTER (1950) unter der Regie von Georg C. Klaren sind ebenfalls in seinem Werk enthalten. Auch bei den Revuefilm-Versuch der DEFA MEINE FRAU MACHT MUSIK (1957) von Hans Heinrich, einem der erfolgreichsten Filme des Jahres, fungiert er als Kameramann. Sein letzter Film wird der Jugendfilm DIE AUS DER 12 B (1962) von Rudi Kurz.

Eugen Klagemann (unten r.) beim Dreh zu "Alter Kahn und junge Liebe" (1956)
Foto: DEFA-Stiftung/Heinz Wenzel
Als nach dem Berliner Mauerbau im August 1961 die letzten DEFA-Mitarbeiter entlassen werden, die im Westteil der Stadt wohnen, gehört Eugen Klagemann dazu. Am 31. März 1962 läuft sein Vertrag mit der DEFA aus. Danach sind keine Arbeiten des Kameramanns mehr bekannt.
Eugen Klagemann stirbt am 05. November 1980 in Berlin.
zusammengestellt von Ines Walk (www.film-zeit.de)
Stand: August 2006
Filmographie
- 1931 Chauffeur Antoinette
Standfotographie
- 1931 Die Koffer des Herrn O. F.
Standfotographie
- 1931 Mädchen in Uniform
Standfotographie
- 1931 Mitternachtsliebe
Standfotographie
- 1932 Der große Bluff
Standfotographie
- 1932 Die Herren vom Maxim
Standfotographie
- 1932 Eine von uns
Standfotographie
- 1933 Anna und Elisabeth
Standfotographie
- 1933 Der Läufer von Marathon
Standfotographie
- 1933 Ist mein Mann nicht fabelhaft?
Standfotographie
- 1933 Liebe, wie die Frau sie braucht
Standfotographie
- 1933 Stimme der Liebe
Standfotographie
- 1933 Zwei im Sonnenschein
Standfotographie
- 1935 Die Heilige und ihr Narr
Standfotographie
- 1935 Die Werft zum grauen Hecht
Standfotographie
- 1935 Durch die Wüste
Standfotographie
- 1935 Familie Schimek
Standfotographie
- 1936 Moskau - Shanghai
Standfotographie
- 1936 Standschütze Bruggler
Standfotographie
- 1936 Stjenka Rasin (Wolga - Wolga)
Standfotographie
- 1937 Condottieri
Standfotographie
- 1937 Die gelbe Flagge
Standfotographie
- 1937 Unter Ausschluß der Öffentlichkeit
Standfotographie
- 1937 Urlaub auf Ehrenwort
Standfotographie
- 1938 Die Nacht der Entscheidung
Standfotographie
- 1938 Diskretion - Ehrensache
Standfotographie
- 1938 Frau Sylvelin
Standfotographie
- 1938 Heimat
Standfotographie
- 1938 Rote Orchideen
Standfotographie
- 1938 Schüsse in Kabine 7
Standfotographie
- 1939 Nanette
Standfotographie
- 1940 Bismarck
Standfotographie
- 1940 Die letzte Runde
Standfotographie
- 1940 Ihr Privatsekretär
Standfotographie
- 1941 Das andere Ich
Standfotographie
- 1941 Ich klage an
Standfotographie
- 1942 Der große König
Standfotographie
- 1942 Die Entlassung
Standfotographie
- 1942 Die Sache mit Styx
Standfotographie
- 1942 Meine Frau Teresa
Standfotographie
- 1942 Zweiklang. Tobis-Studiofilm
Kamera
- 1943 Altes Herz wird wieder jung
Standfotographie
- 1943 Ein glücklicher Mensch
Standfotographie
- 1943 Herr Sanders lebt gefährlich
Kamera
- 1943 Ich werde dich auf Händen tragen
Kamera-Assistent
- 1944 Das kleine Hofkonzert
Kamera
- 1944 Glück muß man haben
Kamera
- 1944 Das Konzert
Kamera
- 1944 Meine Herren Söhne
Kamera
- 1945 Der Mann im Sattel
Kamera
- 1946 Die Mörder sind unter uns
Kamera
- 1947 Ehe im Schatten
Kamera
- 1947 Razzia
Kamera
- 1948 Arche Nora
Kamera
- 1948 Das Mädchen Christine
Kamera
- 1948 Finale
Kamera
- 1949 Figaros Hochzeit
Kamera
- 1949 Wir bummeln um die Welt
Kamera
- 1950 Die lustigen Weiber von Windsor
Kamera
- 1950 Semmelweis - Retter der Mütter
Kamera
- 1951 Corinna Schmidt
Kamera
- 1952 Schatten über den Inseln
Kamera
- 1953 Geheimakte Solvay
Kamera
- 1954 Der Fall Dr. Wagner
Kamera
- 1954 Der Ochse von Kulm
Kamera
- 1955 Das Fräulein von Scuderi
Kamera
- 1955 Heimliche Ehen
Kamera
- 1956 Alter Kahn und junge Liebe
Kamera
- 1956 Damals in Paris...
Kamera
- 1956 Lied über dem Tal
Kamera
- 1957 Meine Frau macht Musik
Kamera
- 1958 Sie kannten sich alle
Kamera
- 1959 Trübe Wasser
Kamera
- 1960 Die Liebe und der Co-Pilot
Kamera
- 1960 Seilergasse 8
Kamera
- 1961 Die letzte Nacht
Kamera
- 1962 Die aus der 12b
Kamera
Auszeichnungen
1968 Nationalpreis der DDR
1969 Kritikerpreis für die Beste Einzeldarstellung als Shen Te/Shui Ta
1983 Kunstpreis des FDGB
Ausgewählte Literatur
Charlotte Czygan: Der Kameramann Eugen Klagemann, in: Deutsche Filmkunst 05/1959.
Horst E. Brandt: Eugen Klagemann, in: Horst E. Brandt: Wir Bildermacher ... Kameramänner im DEFA-Studio für Spielfilme. Vom ersten DEFA-Film 1946 bis zur Studio-Abwicklung 1992/1993, Unveröffentlichtes Manuskript 2005, Standort: DEFA-Stiftung Berlin.