Michael Kann

Zwei Filme hat der Regisseur Michael Kann für das DEFA-Spielfilmstudio in Szene gesetzt, mit denen er zwar nicht ungeteilte Zustimmung, aber viel Aufmerksamkeit erreicht hat. Mit 36 Jahren legt er 1986 seinen ersten eigenen Film STIELKE, HEINZ, FÜNFZEHN (1987) vor. Im Jahr darauf folgt der Spielfilm DIE ENTFERNUNG ZWISCHEN DIR UND MIR UND IHR (1988). Danach wird er als große Nachwuchshoffnung der DEFA gefeiert, doch das Ende der DDR und dann jenes der ostdeutschen Produktionsfirma DEFA beenden abrupt diesen Teil seiner beruflichen Karriere.


Szene aus "Stielke, Heinz, fünfzehn..." (1986)
Foto: DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Michael Kann wird am 13. Januar 1950 als Sohn jüdischer Emigranten in Berlin geboren. Während seiner Schulzeit interessiert er sich für das Theater. Aber zunächst absolviert er eine Berufsausbildung mit Abitur. Neben der Hochschulreife läßt er sich als Facharbeiter für Kühlanlagenbau ausbilden. Aber sein Entschluß, Schauspieler zu werden, bleibt. Er studiert von 1968 bis 1971 an der staatlichen Schauspielschule in Berlin-Schöneweide. Danach ist er bis 1975 als Schauspieler und Regie-Assistent am Deutschen Theater in seiner Heimatstadt engagiert.

Wachsendes Interesse an Regie und Schreiben sowie die intensive Bekanntschaft mit dem Regisseur Konrad Wolf ermutigen ihn, sich für ein Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg zu bewerben. Hier studiert er von 1975 bis 1979. Sein Diplomfilm NATALJA DIR, DIR ISAAK (1979), ein 60 Minuten-Spielfilm mit Jenny Gröllmann nach einer journalistischen Notiz von Ilja Ehrenburg, wird international hoch beachtet. Erzählt wird von der Russin Natalja Rosenberg, die zwei Jahre lang ihren jüdischen Mann vor den deutschen Besatzern versteckt. 1980 läuft der Film beim CILECT-Treffen der Filmhochschulen in Edinburgh, zudem wird er für den Studenten-Oscar eingeladen. Die Entsendung des Films wird allerdings von Kulturfunktionären der SED verhindert. Gründe werden erst später bekannt. Es sind unter anderem die jüdischen Komponenten, die auf Ablehnung stoßen.
Nach dem Ende des Studiums arbeitet Michael Kann als Schauspieler, zeitweise ist er arbeitslos. Er schreibt einem Brief an den damaligen Kulturminister und wird danach als Regieassistent bei der DEFA angestellt. Zunächst arbeitet er für Juan Antonio Bardem an dessen Film DIE MAHNUNG (1982) mit. "Nachwuchskünstler" haben es schwer: Die Jahresplanungen der DEFA sind auf Absolventen nicht abgestimmt, deren Themen und Stoffe sind selten erwünscht. Nach zahlreichen Drehbuchvorlagen kann Michael Kann erst tief in den 80er Jahren als Regisseur auf sich aufmerksam machen.

1985 fungiert er als Co-Regisseur von Zdenek Zelenka bei dem tschechoslowakischen Märchenfilm EINE ZAUBERHAFTE ERBSCHAFT (1986). Die Tarnkappe, die ein armer Handwerker ohne sein Wissen in Besitz hat, will ein Fürst rauben, um seine Macht zu vergrößern. Aber die Kinder des Ortes foppen die Diebe. Die tschechoslowakisch-deutsche Koproduktion steht ganz in der Tradition des tschechischen Jugend- und Trickfilms, phantasievoll ausgestattet und mit wundervollen Zauberkunststücken, die vor allem Kinder begeistern. Für die deutsche Besetzung des Films und die Synchronisation ist Michael Kann verantwortlich.

Im Alter von 36 Jahren legt Michael Kann endlich seinen ersten abendfüllenden Spielfilm vor. STIELKE, HEINZ, FÜNFZEHN (1987) erzählt die Geschichte eines fünfzehnjährigen Jungen, die frei nach den Motiven des Romans "Abenteurer wider Willen" von Wolfgang Kellner geschildert wird. Heinz, der ganz dem 'germanischen' Bild entspricht, ist begeisterter Hitlerjunge. Als sich plötzlich herausstellt, daß er 'Halbjude' ist, beginnt seine Odyssee durch das letzte Jahr des Krieges. Er will das, was er am Besten kann: Nazi sein. Der Film wird von der Kritik nicht positiv aufgenommen. Teilweise wird ihm Kitsch und Kolportage vorgeworfen, Abweichung von der antifaschistischen Tradition der DEFA, andererseits überzeugt er aber auch als souveränes Debüt und findet ein nicht erwartetes Publikum. Besonders gelobt wird der Hauptakteur Marc Lubosch, der mit seiner bewußt linkisch gehaltenen, aber sehr sensiblen Spielweise auffällt und gegenüber jugendlichen Zuschauern daher sehr offen zur Identifikation anbietet.

In DIE ENTFERNUNG ZWISCHEN DIR UND MIR UND IHR (1988) erhält die junge Journalistin Marga den Auftrag, ein Porträt der Rockmusikerin Anne zu schreiben. Aus anfänglichem Widerwillen wird Interesse. Annes Freund Robert wird außerdem interessant für sie. Regisseur Michael Kann inszeniert die klassische Dreiecksgeschichte in origineller Nichtchronologie und bindet sie in viel Berlin-Atmosphäre ein. Gezeigt werden Einblicke in die Prenzlauer Berg-Boheme und in die Berliner Rockszene des späten Ostens. Zudem arbeitet er in dem Film mit drei relativ unbekannten Darstellern. Silvia Rieger als Anne, Kirsten Block als Journalistin und Jörg Simonides als Robert spielen mit Frische und Professionalität. Für einige Kritiker ist der Film auch eine Parabel auf die Gefühle einer ganzen Generation, die von Frustration, Ratlosigkeit und Ohnmacht im privaten wie beruflichen Leben gekennzeichnet sind.

Im Anschluß legt der Künstler das Projekt ÜBER DIE GRENZEN (1990) vor, das eine fiktive Geschichte während des Amateur-Fahrrad-Etappen-Rennen "Friedensfahrt" erzählen soll. Michael Kann arbeitet mit Rainer Ackermann und Tamara Trampe an Dramaturgie und Drehbuch, begleitet das gesamte Rennen von 1988, um erste Bilder zu drehen, zieht sich dann aber aus dem Projekt zurück. Der Film wird von Rainer Ackermann fertiggestellt. Auch die nächste Filmarbeit SCHWALBENJAGD bleibt unvollendet. Hier schreibt er gemeinsam mit dem Autor Benito Wogatzki an dem Buch. Bei dem bereits bilanzierten Projekt legt Michael Kann im Sommer 1989 seine Arbeit nieder und wird dafür finanziell zur Verantwortung gezogen.

Wie viele seiner Kollegen hat es der Regisseur nach dem Zusammenbruch der DDR schwer, im gesamtdeutschen Filmbereich Fuß zu fassen. 1992 sendet die ARD sein Fernsehfeature ERSTER MAI, ICH SUCHE DEIN GESICHT (1992), welches er in Co-Regie mit Edgar Zahn inszeniert und das für den neu entstandenen ostdeutschen Sender (ORB) fertigstellt wird. Dies bleibt seine einzige Zusammenarbeit mit diesem Sender. In der Nacht vor der Ausstrahlung wird die 30minütige Dokumentation ohne Wissen des Regisseurs umgeschnitten und um 5 Minuten gekürzt.

Mitte der 90er Jahre schreibt und inszeniert der Regisseur die TV-Dokumentation WEINE NICHT, UNGARN (1996), die auf dem deutsch-französischen Sender ARTE, dem MDR und MTV (Ungarn) ausgestrahlt wird. Thema ist der ungarische Volksaufstand 1956. Die Dokumentation ist eine mit Filmausschnitten unterlegte Chronologie, die sich an eigener Reflexion und persönlichem Neu-Erleben orientiert. Zudem bietet sie zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen und wirft viele Fragen an die Zukunft auf.

Seit Ende der 90er Jahre arbeitet Michael Kann als Medienpädagoge in Potsdam, gelegentlich unterrichtet er an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf". Er lebt in Potsdam.

Filmographie

  • 1976 Brandenburger Straße
    HFF, Regie-Übung, 1. Studienjahr
  • 1976 Die Schlange
    HFF, Regie-Übung, 1. Studienjahr
  • 1977 Trini
    Darsteller
  • 1977 Heile, heile Klassenkeile
    HFF, Regie
  • 1978 Cuando de Chile - Wenn von Chile
    HFF, Dokumentarfilm, Regie
  • 1979 Natalja, dir, dir Isaak
    HFF, Diplom-Film, Regie
  • 1981 Bürgschaft für ein Jahr
    Darsteller
  • 1986 Eine zauberhafte Erbschaft
    Regie
  • 1987 Stiehlke, Heinz, fünfzehn
    Regie
  • 1988 Die Entfernung zwischen mir und dir und ihr
    Regie, Drehbuch
  • 1992 1989 Schwalbenjagd
    Regie, Drehbuch, unvollendet
  • 1990 Über die Grenzen
    Mitarbeit
  • 1992 Erster Mai, ich suche dein Gesicht
    TV-Feature, Regie, Buch
  • 1996 Weine nicht, Ungarn
    TV-Dokumentation, Regie, Buch

Auszeichnungen

1989 Die Entfernung zwischen Dir und Mir und ihr
Max Ophüls Förderpreis


Ausgewählte Literatur

Eigene Texte
Michael Kann: Verwendung und Vermischung von Genremustern - Aspekte dialektischer Filmmethode besprochen am Beispiel des Films "Friede dem Eintretenden" von Alexander Alow, Wladimir Naumow und Leonid Sorin, Diplomarbeit, Fachbereich Regie, Standort Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" 1980.

Fremde Texte
Klaus M. Fiedler: Um eigene Erzählweise bemüht - Nachwuchsregisseur Michael Kann und seine Filme, in: Der neue Weg, 06.05.1986.

Hans-Dieter Tok: STIELKE, HEINZ, FÜNFZEHN, in: Wochenpost, 27.02.1987.

Heinz Kersten: Ein untaugliches Objekt - STIELKE, HEINZ, FÜNFZEHN, Der Tagesspiegel, 15.03.1987.

Ines Söllner: Regisseur Michael Kann - Interview, in: Filmspiegel, 11/1988.

Elke Schieber: Kinder ihrer Zeit - Die Entfernung zwischen Dir und Mir und ihR, in; Film und Fernsehen, Berlin/DDR, Nr. 11/1988.

Marlis Linke: Lieber am Anfang als am Ende - Interview mit Michael Kann, in: Sonntag, 45/1988.

Gisela Hoyer: Filme, die viele erreichen - Im Gespräch mit dem DEFA-Regisseur Michael Kann, Jahrgang 50, über Filmemachen heute, in: Der Morgen, ?.

Manuel Laval: "...aber ich habe da wirklich Hoffnung" - Interview mit Michael Kann, DDR-Regisseur, in: Unsere Zeit - Sozialistische Volkszeitung, 03.03.1989.

Helmut Ullrich: So wenig - und so spät, in: Filmspiegel, 14/1989.

 

zusammengestellt von Ines Walk
Stand: August 2005