Heinz, Wolfgang


Viele Auftritte für Film und Fernsehen hat der Schauspieler Wolfgang Heinz nicht, aber ähnlich wie seine Kollegen Max Reinhardt oder Bertolt Brecht ist er auf der Theaterbühne als Regisseur und Oberspielleiter präsent, gibt vielen Schauspieler an der Scala in Wien und später am Deutschen Theater in Berlin Impulse für ihre darstellerische Entwicklung. In Erinnerung wird neben seinen Leistungen beim Theater die Rolle des jüdischen Professor Mamlock in dem gleichnamigen Film von Konrad Wolf bleiben.


Wolfgang Heinz (l.) und Hilmar Thate in "Professor Mamlock" (1961)
Foto: DEFA-Stiftung/Walter Ruge

Wolfgang Heinz wird am 18. Mai 1900 als David Hirsch in Pilsen geboren. Sein Vater ist der Journalist Julius Hirsch; seine Mutter Camilla ist Hausfrau. Kurz nach seiner Geburt siedelt die Familie, zu der noch ein weiterer Sohn gehört, nach Wien. Hier besucht er das Erzherzog-Raines-Realgymnasium. Als 17jähriger verließ er auf eigenen Wunsch die Schule und bewirbt sich bei einer Berliner Theateragentur. Er erhält ein Engagement für das Sommertheater in Friedrichroda, arbeitet in der Spielzeit 1917/1918 auf der Bühne in Eisenach. Vom Militärdienst wird er aufgrund der Nachwirkungen einer Lungenkrankheit befreit.

Ohne jemals eine Schauspielschule besucht zu haben, führen verschiedene Engagements Wolfgang Heinz nach Berlin, Hamborn, Hagen und Hamburg; er ist in klassischen Stücken und Operetten zu sehen. Im November 1918 bewirbt er sich bei Max Reinhardt, dem Direktor des Deutschen Theaters in Berlin. Nach einer Spielzeit wechselt er ans Staatliche Schauspielhaus Berlin, das er 1923 verlässt. Stimmprobleme führen bei ihm zu einer Krise, er wird arbeitslos. 1926 kommt er zurück ans Berliner Staatstheater; führt erstmals Regie und wird von Max Reinhardt wieder engagiert. Als Schauspieler arbeitet er unter anderem mit Leopold Jessner und Jürgen Fehling zusammen. 1930 schließt er eine enge Freundschaft mit dem Schauspieler Hans Otto, unter dessen Einfluss er Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) wird. Am 27. Februar 1933 erhält er, wie alle linksorientierten und jüdischen Schauspieler des Preußischen Staatstheaters in Berlin, seine Kündigung. Von einer Tournee, die ihn nach Holland und Großbritannien führt, kehrt er nicht mehr nach Deutschland zurück.

Vor den Nationalsozialisten flieht Wolfgang Heinz 1934 zunächst nach Österreich, später nach Zürich in die Schweiz. Hier bleibt er bis 1948, entwickelt sich zu einem renommierten Bühnenkünstler und Theater-Regisseur. Zunächst ist er als Schauspieler an der Pfauenbühne engagiert; ist in zahlreichen Rollen zu sehen, unter anderem als Danton in "Dantons Tod" nach Georg Büchner, als Odoardo in "Emilia Galotti" von Ephrahim Lessing und als Satin in "Nachtasyl" nach Maxim Gorki. Bald arbeitet er auch als Regisseur, bringt zehn Inszenierungen auf die Bühne. Dazu zählen unter anderem "Clavigo" von Johann Wolfgang Goethe und "Des Meeres und der Liebe Wellen" nach Franz Grillparzer. In den Jahren 1945 und 1947 steht er auch auf der Bühne des Wiener Volkstheaters, 1948 übernimmt er von der sowjetischen Besatzungsmacht die Leitung des neu gegründeten Theaters in der Scala Wien.

Das Theater erzielt unter seiner Leitung mit modernen, politisch links orientierten Stücken enorme Resonanz. Im Sommer 1956 wird die Spielstätte aus politischen Gründen geschlossen. Der Intendant des ostdeutschen Deutschen Theaters Wolfgang Langhoff holt ihn sowie seine Ehefrau Erika Pelikowsky und weitere Scala-Schauspieler, darunter Karl Paryla, Emil Stöhr, Hortense Raky und Trude Bechmann nach Berlin. Ihr Erfolgsstück "Kleinbürger" nach Maxim Gorki wird auch in Berlin eine Attraktion. Bis 1962 arbeitet er als Regisseur am Deutschen Theater, wird danach Intendant der Berliner Volksbühne. Von 1963 bis 1969 ist er als Nachfolger von Wolfgang Langhoff Leiter des Deutschen Theaters, entwickelt sich zu einem der bedeutendsten deutschen Schauspieler und Regisseure der Nachkriegszeit, verschafft dem Haus weitere Weltgeltung. Groß ist die Zahl der Mimen und Regisseure, die sich von ihm inspirieren lassen: Schauspieler wie Herwart Grosse oder Inge Keller lernen beim ihm ihr Handwerk.

1968 kommt es durch die legendäre "Faust"-Inszenierung, die er gemeinsam mit Adolf Dresen erarbeitet, zum Konflikt mit den SED-Kulturpolitikern. Wolfgang Heinz tritt als Intendant ab, bleibt den Theater aber als Schauspieler und Regisseur erhalten. Mehr als 400 Rollen hat er verkörpert. Er spielt einige der wichtigsten deutscher Theatergeschichte: den König Lear, Wallenstein, Professor Mamlock, Galilei. Er ist unter anderem als Nathan in der Inszenierung von Friedo Solter zu sehen, gibt die Figur listig und lebenserfahren. Im November 1975 steht er zum letzen Mal als Nathan auf der Bühne. Aus gesundheitlichen Gründen muss er das Schauspiel aufgeben. Als Regisseur macht er sich besonders um Gerhart Hauptmann, Maxim Gorki, Anton Tschechow und George Bernard Shaw verdient. Mehr als 80 Stücke bringt er auf die Bühne. Während der mehr als sechs Jahrzehnte seines künstlerischen Wirkens zeigt sich Wolfgang Heinz stets dem dichterischen Wort besonders verpflichet; er pflegt die große Kunst der Rezitation. Der Schauspieler gilt als Meister, davon zeugen zahlreiche Schallplatten. Er liest Textfragmente aus der "Odyssee" von Homer vor ausverkauftem Haus des Deutschen Theaters.

Bereits in den 20er Jahren kommt Wolfgang Heinz mit dem Film in Kontakt. In kleineren Rollen ist er in ENTFESSELTE MENSCHHEIT (1920) von Joseph Delmont und NOSFERATU (1922) von Friedrich Wilhelm Murnau zu sehen. Auch in seiner Wiener Scala-Zeit steht er zweimal vor der Kamera. Nach seiner Übersiedlung in die DDR erhält er von der DEFA ebenfalls Rollenangebote; ist zudem bei einigen Dokumentarfilmen als Sprecher beteiligt. In GESCHWADER FLEDERMAUS (1958) von Erich Engel überzeugt er als skrupelloser General Lee, der ein amerikanisches Transportgeschwader leitet, welches unter Missachtung des Völkerrechts Munition für den französischen Krieg in Vietnam fliegt. Sein General überzeugt durch Härte, Entschlußkraft und Cleverness, zeigt aber auch die Gefährlichkeit des skrupellosen Typs auf, der rücksichtslos die Kombination von Krieg und Geschäft ausnutzt.

Seinen wichtigsten Auftritt vor der Kamera hat er mit der Rolle des Professor Mamlock in dem gleichnamigen Drama unter der Regie von Konrad Wolf, das dieser nach dem Bühnenstück seines Vaters Friedrich Wolf inszeniert. Wolfgang Heinz spielt den jüdischen Professor, Chefarzt einer chirurgischen Klinik, der sich nicht für Politik interessiert und seinen Sohn aus dem Haus weist, weil er sich dem Widerstand gegen die Nationalsozialisten anschließt. Aber er wird bald selbst von den Faschisten gedemütigt, muss mit der Aufschrift "Jude" auf dem Arztkittel durch die Straße laufen. Der Arzt kann sich seine Identität nur bewahren, indem er sich durch Selbstmord der kommenden, terroristischen Zeit entzieht. PROFESSOR MAMLOCK (1961) besticht formal und durch eine exzellente Ensembleleistung der Darsteller - Hilmar Thate, Lissy Tempelhof, Doris Abeßer, Ursula Burg und vor allem Wolfgang Heinz in der Titelrolle. Bei den II. Internationalen Filmfestspielen in Moskau 1961 erhält der Film eine Goldmedaille.

Wolfgang Heinz engagiert sich neben seiner umfangreichen Arbeit politisch; er übernimmt zahlreiche Funktionen in der DDR. Er ist Mitglied der Akademie der Künste, Direktor der Theaterhochschule und wird 1959 zum Professor berufen. Seit seiner Gründung 1966 ist er Präsident des Verbandes der Theaterschaffenden sowie des Zentrums DDR des internationalen Theaterinstituts (iTi). Der Künstler arbeitet bis ins hohe Alter, neben seiner Sprecher- und Schauspieltätigkeit hält er Vorträge und Reden, gibt Lehrveranstaltungen auf Seminaren und Kongressen der Theaterschaffenden. Der Verband der Theaterschaffenden der DDR verleiht alle fünf Jahre den "Wolfgang Heinz-Ring" für hervorragende Leistungen junger Künstler. Nachdem dem Zusammenbruch der DDR und der Auflösung des Theaterverbandes, übernimmt diese Aufgabe der Intendant des Deutschen Theaters.

Die erste Ehefrau des Künstlers stirbt 1921 nach sechsmonatiger Ehe. Seine zweite Ehefrau wird Erika Pelikowsky, österreichischer Schauspielerin. Ihre gemeinsame Tochter Gabriele Heinz (geb. 1948) wird später auch als Schauspielerin, unter anderem an der Arbeitsstätte ihrer Eltern, dem Deutschen Theater, arbeiten.

Wolfgang Heinz stirbt am 30. Oktober 1984 in Berlin.


zusammengestellt von Ines Walk (www.film-zeit.de)

Stand: August 2006

 
Filmographie

  • 1979 Die Rache des Kapitäns Mitchell
    TV-Film: Darsteller
  • 1978 Nun gut, wir willen fechten
    TV-Film: Darsteller
  • 1977 Vietnam - 2. Teil: Der erste Reis danach
    Dokfilm: Sprecher
  • 1974 Ich war, ich bin, ich werde sein
    Dokfilm: Sprecher
  • 1973 Der nackte Mann auf dem Sportplatz
    Darsteller
  • 1971 Das goldene Ding
    Darsteller
  • 1970 Ein Mann seltener Art ... Aussagen über Hans Otto
    Dokfilm: Mitarbeit
  • 1966 Der kleine Prinz
    Darsteller
  • 1961 Aktion J
    Dokfilm: Sprecher
  • 1961 Professor Mamlock
    Darsteller
  • 1963 Das russische Wunder, 2 Teile
    Dokfilm: Sprecher
  • 1958 Geschwader Fledermaus
    Darsteller
  • 1955 Gasparone
    Darsteller
  • 1954 Ein Komödiant aus Wien
    Darsteller
  • 1932 Ein blonder Traum
    Darsteller
  • 1922 Nosferatu
    Darsteller
  • 1920 Die entfesselte Menschheit
    Darsteller
  • 1919 Die Geächteten
    Darsteller
  • 1919 Der Ritualmord
    Darsteller


Auszeichnungen

  • 1965 Vaterländischer Verdienstorden
  • 1968 Nationalpreis
  • 1974 Karl Marx-Orden
  • 1976 Goethepreis der Stadt Berlin
  • 1980 Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden
  • 1983 Ehrenbürger von Berlin


Ausgewählte Literatur

o. A.: Wolfgang Heinz, in: Unsere Filmsterne, Verlag Junge Welt 1962.

Dieter Kranz: Wolfgang Heinz, in: Renate Seydel (Hrsg.): Schauspieler. Theater - Film - Fernsehen, Henschel Verlag Berlin 1966.

Rainer Kerndl: Heiterkeit, gepaart mit Konsequenz - Wolfgang Heinz zum 75., in: Neues Deutschland, 18.05.1975.

Ingrid Seyfarth: Wolfgang Heinz zum 80., in: Sonntag 18.05.1980.

Wolfgang Heinz: Der Schuß in die Zunge oder andere merkwürdige Erlebnisse ..., in: Renate Seydel (Hrsg.): Schauspieler erzählen ... über sich und andere, Henschel Verlag Berlin 1981.

Dieter Mann: Vorbild in der Kunst und im Kampf: Wolfgang Heinz - großer Volksschauspieler, Regisseur und Theaterleiter, in: Neues Deutschland, 31.10.1984.

Friedo Solter: Wolfgang Heinz - Ein grosser Theatermann, in: Sonntag 11.11.1984.

K. J. Wendtland: Ein Kommunist und großer Künstler, dessen Vermächtnis bei uns weiterwirkt - Bewegender Abschied von dem Volksschauspieler Wolfgang Heinz, in: Neues Deutschland, 09.11.1984.

Helga Schwarz-Stötzer: Wolfgang Heinz: Die Botschaft, in: Helga Schwarz-Stötzer: Mit Leib und Seele. Eine Porträtsammlung, Berliner Verlag 1990.

Ernst Werner: Ein Charakterdarsteller der seltenen Art - Wolfgang Heinz, in: Berliner Morgenpost, 30.10.1994.

Karl Pfützner: Versessen auf Menschen - Erinnerungen an den vor zehn Jahren verstorbenen Schauspieler und Regisseur Wolfgang Heinz, in: Neues Deutschland, 31.10.1994.

Friedel Freiherr von Wangenheim: Die Arbeit mit Heinz war Himmel und Hölle: Inge Keller über Wolfgang Heinz [Interview], in: o. A.: Zwischentöne - Gespräche mit Schauspielern und Regisseuren, Verlag Das neue Berlin 1996.

Christoph Funke: Schauspieler, Denkspieler - Zum 100. Geburtstag von Wolfgang Heinz, in: Neue Züricher Zeitung, 18.05.2000.