Publizistische Spurensuche. Drei Veröffentlichungen zu Kirche und Film in der DDR


I

Vor zwei Jahren wurde die Untersuchung „Katholische Filmarbeit in der DDR“ von Alexander Seibold an der Universität Gießen als Dissertation vorgelegt und nun in überarbeiteter Fassung veröffentlicht. Der Autor stammt aus Bayern und bezeichnet sich als unbelastet seinem Forschungsgegenstand gegenüber, da er die DDR nur von wenigen Besuchen lange vor der Wiedervereinigung her kennt. Seine Arbeit bezieht das historisch-politische Umfeld, das Alltagsleben in der ehemaligen DDR mit ein, beleuchtet Anfänge und Möglichkeiten katholischer Filmarbeit, indem sie die Hauptvertreter vorstellt, deren Aufgaben und Problemlösungen skizziert. Der Zeitraum der Auswertung reicht vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Wiedervereinigung. Seibold destilliert die Strukturen einer Kirche in der Diaspora heraus, ihre Schlupflöcher in den Westen, aber auch die Filmlandschaft in der DDR. Diese Untersuchung aber in den Kontext der so genannten Theologie der Befreiung zu stellen, wie im Vorwort explizit geschehen, ist inhaltlich zu hoch gegriffen, wenn es da heißt: „Im Sinne einer Pädagogik der Unterdrückten haben die Aktiven katholischer Filmarbeit in der DDR frei von staatlicher Propaganda und Indoktrination reflektiert, in dem Mut und der Freiheit derer, die Christus nachfolgen.“ Gleichermaßen pathetisch geht es weiter: „So wie die Hofpropheten Davids und Salomos die Herrschaft des Königs in den Denkmustern der vorderorientalischen Königstheologie legitimierten, so gab es Filmemacher und Filmkritiker, die das Loblied des damals real existierenden Sozialismus und seiner Filme sangen.“ Seibolds großes Verdienst ist die Fleißarbeit und Spurensuche in den Archiven, die Befragung der wichtigsten zeitgenössischen „Filmkritiker“, die überfällige Auswertung schriftlicher Zeugnisse, die Würdigungen und Vermerke des offiziellen Systems und seiner Dienststellen zum skizzierten Themenbereich.

1954 schrieb der spätere Leiter der Kirchlichen Hauptstelle für Film und Laienspiel in Erfurt, Hans Donat, erste Filmbesprechungen zum laufenden Kinoprogramm der DDR. Diese wurden dann auf Wachsmatrizen abgezogen und an die jeweiligen Pfarreien zum Aushängen verschickt. Unterstützung bekam Donat bald von Günter Särchen und Hans-Joachim Schink. 1975 stieß Helmut Morsbach, bedienstet im Staatlichen Filmarchiv in Ost-Berlin, als Mitarbeiter zu dem Kreis. Kurze Angaben zu Stab und Inhalt sowie eine Würdigung des jeweiligen Films erfolgten in Anlehnung an das Konzept des „film-dienst“ aus Westdeutschland. Die Handreichungen bewerteten die besprochenen Produktionen nicht vom Standpunkt der Kunst, sondern vom pastoralen Engagement her, um religiösmenschliche Dimensionen in der spezifischen Lebenssituation der Gläubigen aufzuzeigen. Außerdem regelte man die Organisation von weiterführenden Materialien, Vorführungen von seltenen Filmen, die Beschaffung von Papier für den Druck und den kurzfristigen Versand der Besprechungen. Bezeichnend, dass die Arbeit von Laien und nicht von Klerikern initiiert und geleistet wurde. Neben einer fingierten Genehmigungsnummer und der inoffiziellen Beschaffung des Druckmaterials diente die Formulierung „nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“ zur Abwehr unangenehmer Nachforschungen durch die Staatsorgane. Ein nützliches Literaturverzeichnis rundet Alexander Seibolds Buch ab.

II

Der hektografierte Band „Der Pfarrer bleibt vom Bild her problematisch“ von Rotraut Simons liefert zum vorangegangenen Themenkomplex quasi die Innensicht. Es geht darin um ausgewählte Dokumente der Auseinandersetzung mit der Darstellung von Christen in Kinofilmen der ehemaligen DDR. In der Einführung spricht Simons von ersten Ergebnissen eines Forschungsprojekts, der Dokumentation der schriftlichen Überlieferung, in denen inländische wie ausländische Produktionen ins Fadenkreuz von Kirche und Staat gerieten. Anhand von 29 Spielund Dokumentarfilmen untersucht sie die Mechanismen des Kulturbetriebs nicht aus filmhistorischer Perspektive, sondern vom realpolitischen Mikrokosmos her und erschließt damit brauchbares Arbeitsmaterial zur weiteren Diskussion.

Markant bereits das erste Beispiel vom Beginn des Untersuchungszeitraums: „Ivo, der Mönch“ (1951), eine jugoslawische Satire, die im August 1956 zur Aufführung freigegeben wurde. „Der Film ist von bedeutendem, gesellschaftlichem Wert, indem er der katholischen Kirche die heuchlerische Maske vom Gesicht reißt und den Menschen zeigt, was sich in Wirklichkeit hinter ihrer scheinheiligen Fassade verbirgt (…) Die künstlerische Gestaltung des Filmes ist in ihrer Gesamtheit gesehen durchschnittlich“, lautete das Protokoll der Hauptverwaltung Film im November 1955. Derartige Importe gelangten ab Mitte der 1960er-Jahre nur noch selten ins Kino der DDR. Die verantwortlichen Organe wachten nämlich auch darüber, dass keine „Verletzung religiöser Gefühle“ stattfand und ein Konflikt von Kirche und Staat vermieden wurde. Nach relativer Absenz in den Siebzigern nimmt die Darstellung christlicher Laien und Amtsträger als Sympathiefiguren im Spielfilm ein Jahrzehnt später wieder zu. Die Toleranz von nahezu gleichwertigen Lebensentwürfen, von christlicher Anschauung und sozialistischem Weltbild, gipfelt 1988 in dem für Furore sorgenden Erfolg „Einer trage des anderen Last…“ von Lothar Warneke.

Während des gesamten Betrachtungszeitraums kam es nach Überprüfung der Autorin in keinem einzigen Fall zum Verbot eines DEFA-Spielfilms aus kirchenpolitischen Gründen. Allerdings konnten Einsatz und Verbreitungsgrad einer Produktion stark eingeschränkt werden, wie bei „Engel im Fegefeuer“ (1965). An der Tagesordnung waren dagegen – auch bereits in der Vorbereitungsphase eines Werks – Änderungsauflagen und daher schwer nachzuweisen.

III

Im nunmehr vierten Jahrbuch der DEFA-Stiftung finden sich unter der Rubrik „Stichwort: Religion“ zwei weitere lesenswerte Aufsätze zum gleichen Thema. Christine Bartlitz beschäftigt sich in ihrem Beitrag „Landpfarrer, Bischöfe und verzauberte Scheine“ mit Religion und Katholizismus in DDR-Spielfilmen während des Kalten Kriegs. Sie definiert dabei das Verhältnis von SED-Kulturpolitik und Kirche als wechselseitigen, interaktiven Prozess. Spuren des Religiösen als Bewusstseinsbildung, Heimatfindung und Kampfansage an den Staat werden anhand von „Das verurteilte Dorf“ (1951), „Schlösser und Katen“ (1957), „Hexen“ (1954) und „Kein Ärger mit Cleopatra“ (1960), die Propaganda des so genannten Klerikalfaschismus durch „Freispruch mangels Beweisen“ (1962) und „Die Wahnmörderin“ (1962) diskutiert. Über den Regisseur Rainer Simon gibt es Informationen zu seinem nicht realisierten Projekt „Kreuzzug der Kinder“, das als Filmdrehbuch komplett abgedruckt ist.

Daneben wartet der Band mit einer qualitativ hochwertigen, aussagekräftigen Bebilderung auf. Gediegen der Beitrag von Brecht-Kenner Werner Hecht („Staudte verfilmt Brecht – Die abgebrochene Mutter Courage und die durchgefallene Dreigroschenoper“). Eindringlich und wissenschaftlich gut recherchiert die Kapitel über Literaten und das Kino („Die Buddenbrooks“ als deutsch-deutsches Filmprojekt, Stephan Hermlin, Franz Fühmann, Brigitte Reimann und Günter Kunert). Hier tut sich eine wahre Fundgrube an filmhistorischer und –theoretischer Grundsatzdiskussion auf. Denn bis auf wenige, verstreute Aufsätze zu den einzelnen Autoren und Themenkomplexen, die man vielleicht andernorts mit viel Mühe aufstöbern kann, bietet sich hier wirklich die Chance, jede Menge Neuland zu entdecken. Porträts der umstrittenen Regisseure Ulrich Weiß, Thomas Heise und Thomas Schadt schließen sich folgerichtig an. Und am Schluss darf es auch etwas „Ostalgie“ sein: ein Nachruf auf das legendäre „Studio CAMERA“, das Kino des Staatlichen Filmarchivs der DDR, von Ralf Schenk.

Josef Nagel (film-dienst 3/2004)

Bibliografische Hinweise
Alexander Seibold: Katholische Filmarbeit in der DDR. Wir haben eine gewisse Pfiffigkeit uns angenommen. Münster 2003. 223 S.
Rotraut Simons: Der Pfarrer bleibt vom Bild her problematisch. Ausgewählte Dokumente der Auseinandersetzung mit der Darstellung von Christen in Kinofilmen in der DDR 1956 bis 1989/90. Schriftenreihe des Instituts für vergleichende Staat- Kirche-Forschung. Heft 13. Berlin 2003. 215 S.
apropos:Film 2003. Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung. Hrsg. von Erika Richter und Ralf Schenk. Bertz Verlag, Berlin 2003. 336 S., 147 Abb.