Reichel, Käthe

Die Schauspielerin Käthe Reichel ist als Brecht-Interpretin national und international bekannt geworden. Sie ist eine Theater-Legende, die wie keine andere über den sparsamen Gestus der einfachen Menschen verfügt, der gepaart mit sozialer Genauigkeit die Zuschauer erreicht. Neben ihrer künstlerischen Arbeit ist Käthe Reichel bekannt als Streiterin für Menschenwürde, Frieden und Menschenrechte.


Käthe Reichelt in "Levins Mühle" (1980)
Foto: DEFA-Stiftung/Dieter Jaeger

Käthe Reichel wird am 3. März 1926 in Berlin als Waltraut Reichelt geboren. Sie kommt aus einfachen Verhältnissen, wächst in Berlin-Mitte in einem Hinterhof auf. Als Kind verkauft sie Fisch in der Markthalle. Nach ihrer obligatorischen Schulausbildung lernt sie den Beruf einer Textilkauffrau.

Ohne eine schauspielerische Ausbildung erhält sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Engagement am Theater in Greiz, spielt später in Gotha und Rostock. 1950 entdeckt sie Bertolt Brecht und holt sie ans Berliner Ensemble. Hier zählt die junge Schauspielerin bald zu den wichtigsten Protagonisten des Hauses. Unter der Regie von Bertolt Brecht und Benno Besson verkörpert sie große Rollen. Ihre erste Rolle wird das Gustchen in "Der Hofmeister" von Jakob Michael Reinhold Lenz. Später gibt sie das Gretchen in "Urfaust" nach Johann Wolfgang von Goethe, spielt die Jeanne d'Arc in "Der Prozess der Jeanne d'Arc zu Rouen 1431" nach Anna Seghers und 1954 die Natella Abaschwili in "Der kaukasische Kreidekreis" von Bertolt Brecht. Einen Namen macht sich Käthe Reichel durch ihre Brecht-Arbeiten. Wie keine andere verfügt sie über den sparsamen Gestus der einfachen Menschen, der gepaart mit sozialer Genauigkeit die Zuschauer erreicht. Es ist ihre direkte, unverbildete und etwas kindliche Sicht auf die Welt, die überzeugt. Die kleine und robuste Käthe Reichel wirkt resolut, klug und zugleich naiv.

Mit "Der kaukasische Kreidekreis", diesmal in der Rolle der Grusche, tritt sie in Frankfurt am Main auf. Hierhin verflichtet sie kurze Zeit später Benno Besson, der sie auch als Shen Te / Shui Ta in "Der gute Mensch von Sezuan" und 1961 als Titelheldin Johanna Dark in "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" besetzt. Die Rolle der Heiligen Johanna begleitet Käthe Reichel bis in die Gegenwart. Sie erkundet die Figur von verschiedenen Seiten: Bernard Shaws "Heilige Johanna" in Mannheim und Wuppertal, Bertolt Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" in Frankfurt, Stuttgart, Cottbus und Rostock. Seit 2000 trägt sie den Stoff in einem Ein-Personen-Stück vor.

Seit 1961 arbeitet Käthe Reichel am Deutschen Theater in Berlin. Unter der Regie von Wolfgang Langhoff entwickelt sie in "Minna von Barnhelm" von Ephraim Lessing ein neues, emanzipiertes Frauen-Bild. Zu ihren wichtigsten Rollen zählen die Nachbarin in Sean O'Caseys Bühnenstück "Juno und der Pfau" (1972) unter Adolf Dresen sowie die Botin in Sophokles/Hölderlin/Heiner Müllers "Oedipus Tyrann", welche sie 1976 unter der Regie von Benno Besson spielt. Käthe Reichel ist bald als freie Künstlerin tätig, nicht nur im Deutschen Theater Berlin, sondern auch in Frankfurt, Stuttgart und Hamburg. Sie agiert in Stücken von Brecht, Hebbel, Kleist, Horváth und Handke. Zu ihren großen Erfolgen gehören auch Lesungen der Georg Büchner-Novelle "Lenz" und aus Christa Wolfs Erzählung "Kassandra".

Seit den 50er Jahre steht Käthe Reichel auch vor der Kamera. Ihr Debüt gibt sie in einer kleinen Rolle für den Film CORINNA SCHMIDT (1951) unter der Regie von Artur Pohl. Danach konzentriert sich die Schauspielerin wieder auf ihre Theaterarbeit. Erst Ende der 50er Jahre ist sie wieder auf der Leinwand präsent. Unter der Regie von Herbert Fischer ist sie in dem Film DIE FESTSTELLUNG (1958) als Mechanikerin zu sehen. Es dauert wieder zehn Jahre, bis Käthe Reichel ihre nächste Filmrolle erhält. In dem überzeugenden und kinowirksamen Märchenfilm WIE HEIRATET MAN EINEN KÖNIG (1969) von Rainer Simon spielt sie die Bäuerin Ulrike, die sich ungläuig in der Hochzeitsnacht des Königs vom Narren Liebesschwüre anhört. Danach arbeitet Käthe Reichel regelmäßiger beim Film. Es sind nie die großen Rollen, die sie erhält. Aber ihre vielfach skurrilen Gestalten, die zahlreichen Volksfiguren, die sie verkörpert, bleiben durch ihre Spielweise dem Zuschauer in Erinnerung. Als Sachbearbeiterin in NEBELNACHT (1969) von Helmut Nitzschke, als Wirtin der Studentin Karin in MEIN LIEBER ROBINSON (1971) von Roland Gräf, als Lucie Matewsky, genannt 'Goldlucie', in LEICHENSACHE ZERNIK (1972) oder als schrille Ehefrau des Schießbudenbesitzer und Mutter der Schönen in DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1973).

Besondere Aufmerksamkeit erregt die Darstellerin in DIE VERLOBTE (1980) unter der Regie von Günter Reisch und Günther Rücker. Hier spielt sie die Zuchthausleiterin Olser, die sich von der Kommunistin Hella Lindau überrascht zeigt. Sie leitet das Frauen-Zuchthaus schon zu Zeiten der Weimarer Republik und arrangiert sich mit dem System der Nationalsozialisten. Dabei macht Käthe Reichel die inneren Widersprüche der Person deutlich. Für ihre darstellerische Leistung wird sie als Beste Nebendarstellerin beim Nationalen Spielfilmfestival ausgezeichnet.


Käthe Reichel in "Jadup und Boel" (1981)
Foto: DEFA-Stiftung/Wolfgang Ebert

Eine ihrer wenigen Hauptrollen spielt Käthe Reichel in dem TV-Film "Muhme Mehle" (1980), den Thomas Langhoff nach einer Vorlage von Ruth Werner in Szene setzt. Neben ihrer Theater- und Filmarbeit arbeitet Käthe Reichel auch als Sprecherin für den Hörfunk. Sie leiht ihre Stimme zahlreichen Hörspiel-Figuren. Außerdem erscheint eine Audio-CD mit Lesungen der Texte von Christa Wolf. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Carmen-Maja Antoni und Katharina Thalbach liest sie zudem die erfolgreichen "Vagina-Monologe" von Eve Ensler.

Die künstlerische Arbeit von Käthe Reichel ist immer auch mit politischem und sozialem Engagement verbunden. 1976 sammelt sie Unterschriften gegen die Ausbürgerung des Künstlers Wolf Biermann. Während der Wende-Zeit in der DDR engagiert sie sich für alternative Möglichkeiten in der Politik. Ihre Rede für Freiheit und Demokratie auf der Demonstration am 04. November 1989 auf dem Alexanderplatz wird gefeiert, sie ist eine der Mitorganisatorinnen. Beim zweiten Golf-Krieg ruft sie zur Aktion "Mütter, versteckt eure Söhne" auf. Für das "Komitee der Mütter Russlands" sammelt sie Unterschriften. Sie erhalten 1996 den alternativen Friedensnobelpreis. Sie initiert Spendenaktionen für kriegsverzehrte Dörfer in Vietnam. Ihre politische Meinung äußert die Künstlerin in zahlreichen Artikel, häufig schreibt sie offene Briefe. 2000 wird Käthe Reichel mit dem Menschenrechtspreis der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde ausgezeichnet.

Käthe Reichel starb am 18. Oktober 2012 in Buckow.

zusammengestellt von Ines Walk (www.film-zeit.de)


Filmographie

  • 1951 Corinna Schmidt
    Darstellerin
  • 1958 Die Feststellung
    Darstellerin
  • 1969 Wie heiratet man einen König
    Darstellerin
  • 1969 Nebelnacht
    Darstellerin
  • 1971 Mein lieber Robinson
    Darstellerin
  • 1971 Du und ich und Klein-Paris
    Darstellerin
  • 1971 Männer ohne Bart
    Darstellerin
  • 1972 Leichensache Zernik
    Darstellerin
  • 1973 Die Legende von Paul und Paula
    Darstellerin
  • 1974 Johannes Kepler
    Darstellerin
  • 1976 Das Licht auf dem Galgen
    Darstellerin
  • 1977 Rotschlipse
    Darstellerin
  • 1978 Zünd an, es kommt die Feuerwehr
    Darstellerin
  • 1979 Glück im Hinterhaus
    Darstellerin
  • 1980 Die Verlobte
    Darstellerin
  • 1980 Levins Mühle
    Darstellerin
  • 1980 Pugowitza
    Darstellerin
  • 1981 Jadup und Boel
    Darstellerin
  • 1983 Ärztinnen
    Darstellerin
  • 1983 Weiberwirtschaft
    Darstellerin
  • 1985 Besuch bei van Gogh
    Darstellerin
  • 1988 Pestalozzis Berg
    Darstellerin
  • 1990 Die Spur des Bernsteinzimmers
    Darstellerin
  • 1991 Farßmann oder Zu Fuß in die Sackgasse
    Darstellerin
  • 1991 Miraculi
    Darstellerin
  • 1991 Zwischen Pankow und Zehlendorf
    Darstellerin


TV-Filme und Serien

  • 1958 Der kaukasische Kreidekreis
    Darstellerin
  • 1971 Nach meinem letzten Umzug...
    Darstellerin
  • 1975 Heute ist Freitag
    Darstellerin
  • 1976 Daniel Druskat,
    5 Teile Darstellerin
  • 1978 Fleur Lafontaine
    Darstellerin
  • 1979 Stine
    Darstellerin
  • 1979 Spuk unterm Riesenrad,
    7 Folgen Darstellerin
  • 1980 Muhme Mehle
    Darstellerin
  • 1980 Am grauen Strand, am grauen Meer
    Darstellerin
  • 1981 Polizeiruf 110, Episode "Albtraum"
    Darstellerin
  • 1982 Spuk im Hochhaus,
    7 Folgen Darstellerin
  • 1982 Das Graupenschloß
    Darstellerin
  • 1982 Die fidele Bäckerin
    Darstellerin
  • 1984 Der Schimmelreiter
    Darstellerin
  • 1984 Polizeiruf 110, Episode "Das vergessene Labor"
    Darstellerin
  • 1988 Die Weihnachtsgans Auguste
    Darstellerin
  • 1988 Polizeiruf 110, Episode "Eifersucht"
    Darstellerin
  • 1990 Florian
    Darstellerin
  • 1990 Wie ein Vogel im Schwarm
    Darstellerin
  • 1995 Gezeiten der Liebe,
    13 Folgen Darstellerin
  • 1997 Der Laden,
    3 Teile Darstellerin


Auszeichnungen

1982 DIE VERLOBTE
Nationales Spielfilmfestival der DDR: Beste Nebendarstellerin


Ausgewählte Literatur

Eigene Texte
Käthe Reichel: Aus Hoffnung, in: Renate Seydel (Hrsg.): Schauspieler erzählen ... über sich und andere, Henschel Verlag Berlin, 1978.

Käthe Reichel: Ein offener Brief an Rita Süssmuth, in: Neues Deutschland, 07.03.1994.

Käthe Reichel: Ein offener Brieg an Wolf Biermann, in: Neues Deutschland, 30.11.1994.

Käthe Reichel: Die Mütter von Moskau. Vorschlag für einen Friedensnobelpreis, in: Freitag, 21.04.1995. (mit Interview)

Käthe Reichel: Ein offener Brieg an Hillary Clinton, in: Neues Deutschland, 29.08.1995.

Käthe Reichel: Für wie blöd halten die uns?, in: Neues Deutschland, 20.06.1998

Käthe Reichel: Gegen das offizielle Blabla über den Faschismus, in: Ossietzky, 08.09.2000.

Käthe Reichel: Mit Asche im Munde, in: Ossietzky, 01.01.2002.

Käthe Reichel: Intifada in Erfurt, in: Ossietzky, 10/2002.

Käthe Reichel: ... weiß der Wolf, in: Ossietzky, 19/2002.

Käthe Reichel: Saubere deutsche Sache, in: Ossietzky, 22/2004.

Käthe Reichel: Mit diesem kleinen Ton im Hals - LIED VON DER GROSSEN KAPITULATION -Warum ist der Osten so ruhig?, in: Der Freitag, 18.07.2003.

Käthe Reichel: Verehrter Brecht, Europäische Verlagsanstalt 2004.


Fremde Texte
Ursula Mewes: Die Kochkunst der Käthe Reichel, in: Neues Deutschland, 03.03.1986.

Ernst Schumacher: Der stille Schrei bekam von ihr einen Ton. Die Schauspielerin Käthe Reichel wird am morgigen Sonntag 65 Jahre alt, in. Berliner Zeitung, 02.03.1991.

Julia Michels: Das weiche Wasser göhlt den harten Stein. Käthe Reichel las an ihrem 65. Geburtstag Grass, in: Die Welt, 04.03.1991.

Wolfgang Hübner: Personalien – Aufrecht, in: Neues Deutschland, 03.04.1995.

Detlef Friedrich: Aus Freiheit kroch Frechheit. Eine Kassandra wird 70: Käthe Reichel liest an ihrem Geburtstag im Deutschen Theater Texte von Heiner Müller, in: Berliner Zeitung, 01.03.1996.

Andreas Rossmann: Jeanne d'Arc östlich. Die Schauspielerin Käthe Reichel wird siebzig, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.03.1996.

Monika Buschey: "Kind, wir nehmen dich" – Porträt der Schauspielerin Käthe Reichel, in: Kölner Stadt-Anzeiger, 02.03.1996.

Gerhard Ebert: Das Dramatiker-Wort war ihr längst nichts mehr. Der Schauspielerin Käthe Reichel zum 70. Geburtstag, in: Neues Deutschland, 02.03.1996.

Volker Oesterreich: Deutsches Theater ehrt Käthe Reichel zum 70. Geburtstag, in: Berliner Morgenpost, 02.03.1996.

Christoph Funke: Rauher Grund. Der Schauspielerin Käthe Reichel zum 70. Geburtstag, in: Der Tagesspiegel, 03.04.1996.

Wolfgang Richter: Singe den Zorn. Laudatio für Käthe Reichel, in: Junge Welt, 20.12.2000.

Christoph Funke: Der gute Mensch von Berlin. Zum 75. Geburtstag von Käthe Reichel, in: Der Tagesspiegel, 03.03.2001.

Gerhard Ebert: Macherin der Wahrheit – Käthe Reichel wird 75 Jahre alt, in: Neues Deutschland, 03.03.2001.

Katrin Lange: Einfach so Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" spielt Käthe Reichel als Ein-Frau-Theater, in: Junge Welt, 03.03.2001.

Volker Müller: Die schrille Friedensmutter Courage, in: Berliner Zeitung, 03.10.2001.

Eckart Spoo: Käthe Reichels Dorf Ai Tu, in: Ossietzky, 04/2002.