Inszenierte Illusion. „Filmstadt Babelsberg“, eine Ausstellung in Potsdam


Hoch auf der Kanonenkugel schwingt er, überlebensgroß als Puppe, durch den Raum, so wie vor fünf Jahrzehnten durch das Babelsberger Atelier, der Baron Münchhausen, in dem man unschwer Hans Albers erkennen kann: Der Ton ist angestimmt schon im lichten, großen Treppenhaus des Potsdamer Filmmuseums, das nun, nach über einjährigem Umbau, wieder seine Heimat im einstigen Marstall gefunden hat (vgl. fd 16/1993, Seite 37). Es wurde ein sympathisches, zweckgerechtes Haus, in dem nun eine ebenso unterhaltsame wie kritische Übersicht über die Filmstadt Babelsberg zu sehen ist. Fünf Jahre soll sie in der jetzigen Form, von kleineren Ergänzungen abgesehen, mindestens bestehen bleiben.

Wie läßt sich - für jedes Museum heute die grundsätzliche Frage - Filmgeschichte anschaulich sichtbar machen? An eine lineare, chronologische Darstellung ist nicht zu denken, ebenso wenig an eine Aneinanderreihung der einzelnen Funktionsträger einer Filmproduktion. Man kann nur Themen herausgreifen, einzelne Aspekte vorstellen, bestimmte Tendenzen sichtbar machen. Film teilt sich eben zuallererst im Film mit. Wer eine kritisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung anstrebt, muß nach den entsprechenden Publikationen (im vorliegenden Falle etwa nach der Dokumentation "Babelsberg - Ein Filmstudio 1912 - 1992"} greifen. Was bleibt dann für ein Museum? Die sinnliche Erfühlbarkeit des Films in all seinen Entstehungssphasen und die Anregung einer Nachdenklichkeit über das Produkt Film in all seinen Erscheinungsformen. Dies war spürbar auch die Zielsetzung der Potsdamer Ausstellungsmacher: unter der Leitung von Axel Geiss vier Regisseure (Rainer Simon, Andreas Kleinert, Helma Sanders-Brahms und Ulrich Weiß), eine Filmhistorikerin (Elke Schieber) sowie fünf Szenenbildner (Günther Petzold, Esther Ritterbusch, Lothar Holler, Klaus Winter und Regina Fritzsche). Für die einzelnen Abteilungen fanden sich dann ein Filmemacher und ein Szenenbauer zusammen, nach deren Intentionen die Schau zusammengestellt wurde.

Die langgezogene schmale Architektur des Hauses bestimmt zunächst die Struktur der musealen Übersicht, die eigentlich so gar nichts Museales an sich hat. Das Thema ist mit dem Namen Babelsberg klar umrissen. Aber was ist Babelsberg? Für den einen die Frühzeit des Kinos, für den anderen die Epoche der Weimarer Republik, für den dritten dann die Jahre der NS-Diktatur und für nicht wenige schließlich die vier Dezennien der DDR. Babelsberg ist von allem etwas. Doch 80 Jahre Filmgeschichte lassen sich nicht so leicht in eine Ausstellung umsetzen. Die vielen Brechungen und Brüche deutscher Filmgeschichte lassen sich nun eben nicht mit Requisiten und in Vitrinen vorführen. Die Mechanismen von Wirtschaft und Profit, von Zensur und Staatsdramaturgie verschließen sich weithin bildhafter Interpretation. Daß es dennoch gelungen ist, immer wieder auch Zeitbezug zu vermitteln, darf keineswegs übersehen werden, Film ist - oder war zumindest - in Babelsberg weithin Unterhaltung und Politik. Doch mehr als die Hälfte der Geschichte Babelsbergs wurde von der DEFA geprägt, weshalb denn auch in der Gestaltung des Museums zwangsläufig die staatliche Filmgesellschaft der DDR stärker hervortritt als vergleichsweise andere Epochen. Doch man hat sich durchweg auf Themen bezogen, deren Interpretation zeitübergreifend gestaltet wurde. Und hier begegnet der Besucher auf 600 qm den verschiedensten Filmen, Regisseuren und Schauspielern aus 80 Jahren Babelsberg.

Das fängt an mit den liebevoll aufgebauten Garderoben etwa von Marlene Dietrich, Marika Rökk oder Renate Krößner. Da liegen. schnell hingeworfen, Utensilien der Schminke zwischen Fachblättern von einst. Zusammengetragen wurde dies wie so vieles - neben Leihgaben der Stiftung Deutsche Kinemathek, des Deutschen Filmmuseums, des Bundesarchivs oder des Progress-Verleihs - aus dem Fundus der DEFA. Fragen freilich muß man sich zwangsläufig, ob denn die Garderoben der Diven tatsächlich so eng und klein waren. Gleich gegenüber dann so etwas wie ein Kinoraum. Da laufen auf dem Monitor Bilder aus Eric Charells "Der Kongreß tanzt" und anderes, wie man überhaupt immer wieder auf Bildschirme mit Filmszenen trifft. Mitunter spiegelt die Decke, sind zudem Spiegelwände aufgestellt, vor denen man nicht nur sich selbst, sondern auch in Großformat Jenny Jugo und Emil Jannings oder Jutta Hoffmann und Erwin Geschonnek gegenübertreten kann. Und an den Wänden werden durch die ganze Ausstellung hindurch die markantesten Filme in Szenenfotos präsentiert, ohne daß die Übersicht je in eine spröde Didaktik verfällt. Krieg beispielsweise ist ein Thema, das den Betrachter in die Enge eines Grabens oder Unterstandes zwängt, bedrängt von Licht- und Toneffekten. An Kriegsfilmen hat es in der Tat zu keiner Zeit der Babelsberger Produktion gefehlt. Und die wenigsten von ihnen waren gegen den Krieg gerichtet (auch nicht gegen den "kalten"). Doch dann sogleich die Kehrseite des Krieges: der Tod. Schädel zuhauf, Platten, die wie Grabsteine wirken. NS-Propaganda konfrontiert mit den anklagenden Arbeiten der DEFA, etwa mit Frank Beyers "Nackt unter Wölfen". Führte der Kult mit der Historie, der Gigantomanismus etwa der "Nibelungen" letztlich zu den Schlachtfeldern des Krieges? Das Kostüm der Krimhild aus Fritz Langs "Nibelungen" mag immerhin Überlegungen provozieren. Die Traum- und Märchenwelt des Kinos kommt ebenso zu ihrem Recht wie das Indianerspiel der DEFA in Babelsberg.

Der Humor, so meinen die Ausstellungsmacher zu recht, war eine seltene Erscheinung in Babelsberg. Doch Namen wie die von Sandrock, Rühmann und Lingen, Peters und Rasp, von Geschonnek und Krug und, letzthin, von Loriot verraten doch immerhin, daß auch guten Gewissens gelacht werden durfte. Die wackelnden und zappelnden Stühle im Raum erscheinen jedoch als allzu weit hergeholtes Symbol. Da überzeugen die Darstellerporträts, grob an die grobe Wand geschlagen, schon weit mehr. Und Filmschaffenden kann man auch in der dem Expressionismus gewidmeten Abteilung begegnen, an deren Eingang Nosferatu steht, eine gruselige Figur, die einen mehr und mehr in das Dunkle hineinzieht. An die Großen der 20er Jahre wird erinnert, an Murnau und Lang, an Veith, die Szenenbildner Herlth, Röhrig und Warm sowie an den Autor Carl Mayer. Sodann, es ist nicht zu überhören, der Marschtritt der Kolonnen. Es zieht den Besucher geradezu ins Dunkel, gleichsam in einen Irrgarten, dessen bizarr gestellte Schauwände durch dunkle Gazegitter getrennt sind. Dazu Bahngeräusche, Sirenenklänge. Koffer stehen im Weg, Szenen des gewaltsamen Abschieds, Bilder so mancher Emigranten. Krieg, Diktatur - beklemmend für den Betrachter. Nicht minder beklemmend der Beginn nach 1945 - die Teilung, für deren Opfer im Film nicht zuletzt auch der Name von Staudte steht. Opfer dann aber auch all jene DEFA-Regisseure, deren Filme verboten wurden. Transparente zeugen sodann von dem Klima, unter dem unter anderem in Babelsberg auch gearbeitet werden mußte. Und mit einem Male - man hat nicht an Kontrasten gespart - ein Raum, dessen Funktion jeder nach seinem Belieben interpretieren mag, sei er nun Festsaal oder Theater, Boudoir oder eine Ansammlung von Chambre Séparées in einer Rotunde. Das Schwüle (das Laszive war ja nie die Sache des deutschen Films) wird spürbar, das Leichte (Leichtlebigkeit stand selten in Babelsberg auf dem Programm) wird zum Thema, das unmittelbar in ein Schlafzimmer führt. Und dann wird, bekanntermaßen seit Tucholsky, gewöhnlich abgeblendet.

Das alles ist liebevoll zusammengetragen und mit Lust am Spielerischen arrangiert. Es vermittelt durchweg filmische Atmosphäre, wirkt halb wie Atelierzauber und halb wie Gruselkabinett. Die inszenierte Illusion mag ohne Zweifel zum Schauen anregen. Zum Nachdenken mag das Begleitbuch der Ausstellung weitere Informationen liefern, das neben einer lockeren Darstellung der Geschichte der Babelsberger Studios zu den einzelnen Abteilungen des Museums Hinweise, Essays und Feuilletons bietet (ohne zu einem Katalog zu erstarren). Meist sind es die Ausstellungsmacher der einzelnen Sektionen, die sich zu Wort melden, während die Historie von Filmwissenschaftlern aus den neuen Bundesländern vorgestellt wird. Ein bilderreicher Band über acht Jahrzehnte Babelsberger Filmgeschichte, die in all ihrer Lebhaftigkeit und Widersprüchlichkeit in Erinnerung zu halten das erklärte Ziel des Potsdamer Filmmuseums ist.

Volker Baer (film-dienst 4/1994)