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DEFA - Stiftung - 16/1996

„Schnauzer“ in Chemnitz. Erste Begegnung mit dem letzten verbotenen DEFA-Film


Da der Held kein Aussteiger ist, sondern ein Einsteiger, wäre ich mehr als glücklich, in diesen Stoff einsteigen zu dürfen." So lautete ein Satz aus einem Brief, den Maxim Dessau im November 1981 an Hans Dieter Mäde, den Generaldirektor der DEFA, schrieb. Der Junge Regisseur (Jahrgang 1954) hatte sein Studium an der Babelsberger Filmhochschule gerade beendet, und wie alle seine Kommilitonen wollte er schnell einen ersten eigenen Spielfilm realisieren. Dessaus Augenmerk galt einem Expose, das der Schriftsteller Manfred Pieske nach seinem Roman "Schnauzer" bei der DEFA eingereicht hatte. Ein Stoff aus der Arbeitswelt: die Geschichte eines Abteilungsleiters in einem Maschinenbaukombinat, der die Anforderungen erst dann in den Griff bekommt, als er sich vom Schreibtisch und von seiner Überheblichkeit löst und auf die "Stimme der Arbeiterklasse" lauscht. Am Ende steht er als Gewinner da: er wird von der Partei zum Direktor ernannt.

Dessau und Kameramann Peter Badel, ein geistesverwandter Kommilitone, befreiten sich schon im ersten Drehbuchentwurf von der didaktischen Vorlage. Sie wollten anderes erzählen als die Story eines "positiven Helden": ihnen schwebte ein möglichst ungeschönter Einblick in die Sphäre eines Großbetriebes in der DDR vor. Um zu den Quellen vorzudringen, recherchierten sie im Fritz-Hecker-Kombinat Karl-Marx-Stadt, sprachen mit Ingenieuren, Arbeitern, Leitern. Die Erfahrungen aus diesen Begegnungen verdichteten sie in den Drehbuchfassungen zur Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, die tagtäglich am Rande ihrer ökonomischen Möglichkeiten balanciert. Kein Wunder, daß die erste Buchvorlage von der Studioleitung mit großen roten Fragezeichen auf jeder zweiten Seite versehen wurde. Dessau und Badel mußten umschreiben; der Drehbeginn verzögerte sich; der Produktionsleiter, der später, nach 1989, als "Informeller Mitarbeiter" der Staatssicherheit enttarnt wurde, legte mehrfach sein Veto gegen die beabsichtigte Stilistik ein. Daß die Filmemacher den Film ausschließlich an Originalschauplätzen, mit kleinem Team, hundert Prozent Originalton und soviel wie möglich Handkamera inszenieren wollten, verstörte ihn zutiefst: "Wenn ich vier Wochen in einer Wohnung in Karl-Marx-Stadt drehen muß, kündige ich", ließ er die Direktoren der DEFA wissen.

Plötzlich unauffindbar

Im Oktober 1983 kam es dennoch zum Drehbeginn. Aber acht Monate später, nach langen Unterbrechungen und ermüdenden Diskussionen im Studio, schob man das Projekt endgültig auf Eis. Nach weiteren vier Jahren, im Herbst 1988, also schon zu Zeiten der "Perestroika", wurde auf eine Weisung hin sämtliches ungeschnittene Negativmaterial zerstört. Auch Standfotos, Protokolle und Tonbänder waren nach der "Wende", als es um die Rekonstruktion verbotener DEFA-Filme ging, plötzlich unauffindbar. Alles sah danach aus, als habe die DEFA-Leitung jegliche Erinnerung an "Schnauzer" auslöschen wollen.

Doch der Coup gelang nicht ganz: Dessau und Badel mußten, nachdem sie rund 80 Prozent des Films gedreht hatten, im Januar 1984 eine Schnittfassung für die DEFA-Direktion erstellen. Dieser Positiv-Rohling überlebte die Vernichtungsaktion, und daraus wiederum entstand ein Videoband, aus dem nun erstmals in Chemnitz Ausschnitte zu sehen waren. Auf die Idee zu der Vorführung war die Schauspielerin Elvira Grecki gekommen, die neben anderen damaligen Protagonisten des Karl-Marx-Städter Theaters (Gerd Preusche, Angelika Ritter) die Hauptrolle übernommen hatte und sich nach zwölf Jahren endlich einmal auf der Leinwand erleben wollte.

Zentrum des Geschehens ist ein Großbetrieb, der im Film "Kombinat 1. Mai" heißt. Dort arbeitet Siegfried Hirzek, Leiter der Materialwirtschaft, der die Aufgabe erhält, dringend benötigte Bauteile für einen Exportauftrag zu beschaffen. Eine Odyssee durch einen Sumpf aus Stumpfsinn, Hilflosigkeit und Verlogenheit beginnt. Hirzek scheitert nicht an sich, sondern an der Gesellschaft, in der sich kaum mehr jemand für irgendetwas verantwortlich fühlt. Das vielbeschworene Eigentümerbewußtsein der Arbeiterklasse erweist sich als hohle Phrase. Die Vertreter der Intelligenz sind müde, die Strukturen hoffnungslos verbürokratisiert. Ein Handelsleiter verweist darauf, "nur Dienstag Sprechtag" zu haben; neben seinem Schreibtisch steht allerdings - sarkastisches Requisit! - ein Globus, der auf Knopfdruck leuchtet. Der Kombinatsdirektor, der das Dekretieren liebt und von Problemen nichts hören will, sondern lieber westliche Delegationen durch "sein" Werk geleitet, erinnert in seiner Selbstherrlichkeit und Borniertheit an den Wirtschaftlenker der DDR Günter Mittag. Einen solchen Vergleich mögen Dessau und Badel in ihren Überlegungen vermutlich nicht angestellt haben; aus heutigem Wissen drängt er sich auf.

Die Fabel von Hirzek, dem im Lauf der Handlung die Frau untreu zu werden droht und der einen Herzanfall erleidet, läuft im typischen Ambiente der DDR ab. Badels Kamera schwenkt über gleichförmige Neubauviertel; die Büroräume sind eng und wirken schäbig, die Werkshallen sehen aus wie Labyrinthe. Nur einmal wird diese Atmosphäre ins Märchenhafte gebrochen: wenn Hirzek mit seiner kleinen Tochter durch einen Hochwald wandert, die Sonne durch die Bäume dringt und aus dem Off die Melodie des Kinderliedes von "Hänsel und Gretel" erklingt. "Ich weiß, du hast Angst. Ich habe auch Angst", hatte seine Frau in der Szene zuvor zu ihm gesagt.

Viele Bilder spiegeln einen Erschöpfungszustand, der alle Beteiligten erfaßt zu haben scheint. Bereits zu Beginn des Fragments sieht man die Familie in ihrer Neubau-Wohnstube ruhen. Aber die triste Lage der Dinge wird häufig auch ironisiert: schon betritt die resolute Großmutter die Szene, die an der Kaffeebüchse schnuppert und angesichts des enttäuschenden Geruchs "Westkaffee" ankündigt. Siegfried Hirzek, der aufrechte Genosse, verbittet sich solche Anspielungen. Überhaupt gibt er den Glauben an das Gute keineswegs auf, stolpert edel wie ein moderner Don Quichotte durch die sozialistische Gegenwart.

"Objektive Kompliziertheit"

Natürlich gab sich die Direktion der DEFA keinen Illusionen darüber hin, was ein Film mit solchen Motiven auslösen würde. Erst 1981 war es im Studio zum Eklat um Rainer Simons "Jadup und Boel" gekommen, der sich mit ähnlicher Rigorosität des Alltags in der DDR annahm und daraufhin in den Orkus des Vergessens und Verschweigens verbannt wurde. DEFA-Generaldirektor Mäde muß sich wohl gescheut haben, nun schon wieder ein politisches Filmverbot auszusprechen. Stattdessen argumentierten er und seine Adlaten mit technischen Einwänden. "Schnauzer", so hieß es schon während des Drehprozesses, weise Farbschwankungen auf (die waren bei ORWO-Material allerdings durchaus üblich), die fotografischen Qualitäten seien ungenügend, die Schauspieler verkrampft. In einer Beurteilung war später von "unpassend schnellem Tempo beim Schnitt" oder von Achssprüngen die Rede, die die Orientierung des Zuschauers erschwerten. Mäde resümierte, daß "aufgrund der objektiven Kompliziertheit des künstlerischen und politischen Gegenstands die Lebenserfahrung und das künstlerische Vermögen von Regisseur und Kameramann - trotz guten Willens - nicht ausreichten, die Arbeit mit Aussicht auf ein verantwortbares Ergebnis zu Ende zu führen".

Wie ungerecht, ja geradezu bösartig die von der Studioleitung in Umlauf gesetzte Legende von der Unfähigkeit der Künstler ist, beweisen die erhalten gebliebenen Szenen. "Schnauzer" wäre keiner jener pseudokritischen, affirmativen DEFA-Produktionsstücke à la "Lachtauben weinen nicht" (1979) oder "Der Hut des Brigadiers" (1986) geworden, sondern ein Film, der an die Substanz geht. Er hätte Tabuthemen zur Sprache gebracht - die ökonomische Lage des Landes ebenso betreffend wie die moralische; und nicht nur in der Sphäre der Industrie. Zu einem der stärksten Momente geriet eine Szene, in der Hirzeks Tochter zu Hause die Rezitation eines antifaschistischen Gedichts übt, John Schehr und Genossen". Aber das Kind leiert die Verse herunter, es findet keine Bezüge zu ihrem Inhalt; die antifaschistische Attitüde entlarvt sich als Ritual, sinnentleert und fremd.

Maxim Dessau, ein Sohn des Komponisten Paul Dessau und der Theaterregisseurin Ruth Berghaus, mußte sechs Jahre auf seinen zweiten Film warten. Der erschien 1990, hieß "Erster Verlust" und bewies noch einmal den ausgeprägten Stilwillen des Regisseurs und seines Kameramannes Peter Badel. Seither konnte Dessau keinen Spielfilm mehr realisieren; Badel dreht zur Zeit die Fernsehserie "Freunde fürs Leben". Vielleicht machen sie ihr spannendes Debüt doch noch über Einzelvorführungen hinaus einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich, und vielleicht hilft dabei sogar die DEFA-Stiftung, deren Gründung bevorsteht.

Ralf Schenk (film-dienst 16/1996)